Theater

Interview mit Jürgen Kuttner und Tom Kühnel

Juergen_Kuttner_und_Tom_KuehnelPeter Hacks ist eine merkwürdige Figur: Ein DDR-Autor, der heute von Frank Schirrmacher genauso verehrt wird wie von Wig­laf Droste oder Dietmar Dath. Hacks gab sich gerne als bekennender Stalinist und erklärte noch 2003, kurz vor seinem Tod, dass „der Niedergang mit Stalins Tod begann.“ Was interessiert Sie an diesem seltsamen Dichter?
JÜRGEN KUTTNER?Genau dieses seltsame. Zuerst interessiert uns in Zeiten, in denen jeder möglichst marktgängig sein will, dieser Trotz und Eigensinn von Hacks. Aus dem Selbstbewusstsein heraus, der größte Dramatiker der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein, schien es ihm völlig egal zu sein, dass er ab den späten 1970er-Jahren im Osten wie im Westen im Theater kaum noch gespielt wurde. Dann veröffentlichte er seine Gedichte nach der Wende halt in „konkret“. Sehr souverän und cool. Hacks ist in seiner Widersprüchlichkeit nicht so einfach im Westen oder im Osten zu verorten.

Immerhin wurde er in der DDR der Sechzigerjahre zum Star.
KUTTNER
Er ging 1955, mit 27 Jahren, als westdeutscher Autor von München in die DDR und wurde dann im Osten einer der erfolgreichsten Dramatiker. Sein Stück „Ein Gespräch im Hause Stein“ war ein Welterfolg. Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976, die er ausdrücklich begrüßte, wurde er erst im Westen, später auch im Osten kaum noch gespielt. Seine Essays haben eine schöne Ernsthaftigkeit, er entwickelt seine Argumente sehr schlüssig. Hacks‘ Essays zwingen zum Selberdenken. Ich komme vielleicht zu anderen Schlüssen als er, aber wie er seine Gedankengänge entfaltet, hat einfach eine große Eleganz. Das ist in Zeiten, in denen dauernd alle nur noch mit ihren Befindlichkeiten argumentieren, ungemein wohltuend.

Die konservativen Hacks-Fans von Schirrmacher bis Martin Mosebach goutieren sein Formbewusstsein. Politisch finden sie den Ulbricht-Verehrer Hacks zwar etwas irre, aber dass hier ein bedeutender Autor die Gesetzmäßigkeiten eines Sonetts, eines Alexandriners oder von fünfhebigen Jamben beherrscht und elegant mit ihnen spielt, dass er dezidiert die aufgesprengten Formen der Moderne verachtet, das freut die Kulturkonservativen: Hacks als letzter Vertreter einer normativen Ästhetik. Gleichzeitig wirkt seine Selbststilisierung als Klassizist, als Goethe der DDR, etwas bizarr.
KUTTNER
Das trifft sich mit seinem Dandytum, das ist doch durchaus interessant. Ich habe schon mit Erstaunen gelesen, wie Schirrmacher in der FAZ begeistert über Hacks schreibt: „Er ist unser.“ Das sind doch Worte wie in Stein gemeißelt.

„Die Sorgen und die Macht“, das Stück, das Sie am Deutschen Theater inszenieren, geschrieben 1959 bis 1962, ist ein sozialistisches Produktionsstück, in dem es um die Qualitätsverbesserung in einer Brikett-Fabrik in Bitterfeld geht. Was bitte interessiert Sie an sozialistischer Brikett-Produktion?
TOM KÜHNEL
?
“Die Sorgen und die Macht“ hat Wolfgang Langhoff, der damalige Intendant, 1962 am Deutschen Theater inszeniert. Kurz nach der Premiere wurde die Inszenierung von der Partei abgesetzt. Wolfgang Langhoff musste als Intendant zurücktreten, Hacks hat seinen Job als Dramaturg verloren. Als wir gefragt wurden, am DT zu arbeiten, hat es uns interessiert, etwas zu machen, was mit der Geschichte dieses Hauses zu tun hat. In den letzten 20 Jahren ist an diesem Theater eigentlich nie so richtig dazu Stellung genommen worden, dass das mal das Renommiertheater der DDR war, sozusagen das Flaggschiff der Staatskunst.
KUTTNER Man kann ja mal fragen, was von der DDR-Dramatik, der DDR-Literatur bleibt. Was bedeuten Autoren wie Volker Braun, wie Christoph Hein, wie Heiner Müller oder Peter Hacks heute? Ein Stück wie das von Hacks in den Münchner Kammerspielen zu machen, wäre albern. Das muss man hier machen.

Gute Frage: Was bleibt davon? Als schnöseliger Westler würde ich sagen: Von „Die Sorgen und die Macht“ bleibt nicht so viel. Wenn man das heute liest, wundert man sich etwas über den hohen Tonfall, die Fabel-Konstruktion, die eine Liebesgeschichte mit den Problemen der Brikett- und Glasflaschenproduktion verbindet, über dieses Märchenland, zu dem bei Hacks die frühe DDR wird. Erst recht wundert man sich über die SED-Kultur-Funktionäre, die ein so gnadenlos affirmatives Stück verboten haben.
KÜHNEL
?„Die Sorgen und die Macht“ ist nicht einfach ein DDR-Produktionsstück. Hacks ging es damals schon um eine Form von Utopie, eine Theaterutopie als Gegenbehauptung zur DDR-Wirklichkeit. Die Wirklichkeit muss sich sozusagen an der Utopie messen lassen. Für Hacks ist die Utopie das, was nicht zu verwirklichen ist. Aber man braucht sie, weil sonst alles sinnlos und ziellos wird. Statt mit Heiner Müller noch mal zu fragen, weshalb die DDR untergegangen ist…

… wie das Müller mit seiner „Lohndrücker“-Inszenierung am DT kurz vor der Wende gemacht hat….
KÜHNE
L?Ja. Aber stattdessen kann man heute ja mit Hacks auch fragen, was für ein utopisches Potenzial da drinsteckt.
KUTTNER?Im Grunde begreift sich Hacks immer als Komödien-Autor, das ist der Gegensatz zum Tragiker Müller. Er sagt, wenn alle grundlegenden Probleme, von Krieg bis Klassenkampf, gelöst sind, dann geht es eigentlich nur noch um Mann, Frau, Liebe, Spiel, Tod. Er schreibt eigentlich schon aus einer Perspektive wie aus dem Jahr 2050, wie er es sich vorstellt, wie jemand, der aus einem kommunistischen Paradies zurückblickt in die kleine DDR.

Juergen_Kuttner_und_Tom_KuehnelSind die mit der frühen DDR verknüpften Utopien nicht gründlich diskreditiert? Hacks kann seine hübschen Utopie-Märchen nur dichten, indem er sich konsequent gegen die nicht ganz so hübsche Wirklichkeit blind macht.
KÜHNEL
?Das ist ja fast der Kern seiner ästhetischen Theorie: Das Leben hat sich gefälligst nach der Kunst zu richten, und nicht umgekehrt. Und wenn die Kunst so perfekt und schön ist, sieht das Leben daneben scheiße aus. Aber das ist ja nicht das Problem der Kunst.
KUTTNER?Wenn die Kunst, gerade im Theater, der Wirklichkeit immer hinterher­hechelt, mit Stücken zur Banken-Krise, mit Dokumentartheater, mit schnellen Projekten zu allem, was gestern in den „Tagesthemen“ war, dann ist diese schön arrogante Kunstautonomie, die Hacks behauptet, plötzlich wieder eine spannende Gegenposition. Das ist bei Hacks auch eine bewusste Polemik, mit der Haltung, der Geist oder Hegels Weltgeist ist allemal wichtiger als der Zeitgeist. Bei Hacks kann man noch mal lernen zu sehen, dass das, was jetzt ist, diese marktwirtschaftliche, sozialstaatsberuhigte Bundesrepublik, nicht notwendigerweise die einzige Möglichkeit ist. Ein von einer kommunistischen Partei gelenkter Kapitalismus wie in China beispielsweise hat ja offenbar noch eine große Zukunft vor sich.

Der Preis von Hacks’ Utopie-Spielen ist Wirklichkeitsverlust. Realpolitik kommentiert er ziemlich durchgeknallt. Zum Beispiel, wenn er sehr bedauert, dass die Staatsführung der DDR sich 1989 kein Beispiel an den vorbildlichen chinesischen Genossen nimmt, die mit der Konterrevolution auf dem Platz des Himmlischen Friedens kurzen Prozess machen. Gorbatschow ist in Hacks Augen gekauft von der aserbaidschanischen Rauschgiftmafia, der polnische Papst nichts als ein CIA-Agent, die Mauer feiert er als „der Erdenwunder schönstes“ und so weiter. Muss man als Utopist ein bisschen irre sein?
KUTTNER?
Ich würde Hacks’ Sinn für Ironie nicht unterschätzen, auch wenn sich das vielleicht nicht jedem Tip-Redakteur erschließt. Ich glaube, da liefert er oft auch Sätze aus reiner Provokationslust, aus überschießender Formulierungswut. Er genießt selbstzufrieden die Gewissheit, dass sich wieder alle Feuilletonisten und Bürgerrechtler darüber aufregen werden. Und im Ernst: Wer einen auf „Ehegattin“ zwangsgereimten „Stalin“ für eine Feier des Genossen Stalin hält, muss schon arg schlicht gestrickt sein. Ich finde Hacks‘ Hegelsches Geschichtsbild auf jeden Fall interessanter als das übliche DDR-Bild der Medien, wo das Land entweder eine Fortsetzung des Gulags und ganz schrecklich ist oder irgendwas Komisches mit Ampelmännchen, Trabis und Helga Hahnemann.

War Hacks als konservativer Antipode von Heiner Müller so was wie ein DDR-Staatsdichter?
KÜHNEL?In den Achtzigerjahren sicher nicht. Im DDR-Schulunterricht habe ich den Namen Hacks nie gehört. Ich habe ihn erst nach der Wende für mich entdeckt, zuerst über die Essays.

Als guter Kultur-Konservativer hasst Hacks natürlich auch alle Formen des Regietheaters.
KÜHNEL?Deshalb würde ihm wahrscheinlich auch nicht gefallen, was wir hier machen. 

Interviews: Peter Laudenbach
Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Die Sorgen und die Macht
Deutsches Theater/Kammerspiele, z.B. am 4., 10., 17., 25.9., 20.00 Uhr, 11.9., 20.30 Uhr

Für den 11.9. verlost der tip 5 x 2 Freikarten. Mail an: [email protected]
Einsendeschluss: 9.9., 13 Uhr

 

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