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Interview mit Jürgen Kuttner

Interview mit Jürgen Kuttner

Jürgen Kuttner: 1958 in Ost-Berlin geboren, 1990 beteiligt an der Gründung der Ostausgabe der "tageszeitung". Sendungen wie "Null Uhr Kuttner" oder "Kuttner zweimal klingeln" erschienen im ORB. Bis 2007 moderierte er die "Sprechfunk-Sendung" auf Radio Fritz (in Kooperation mit SFB). Neben seinen Tätigkeiten als Moderator ist er für seine monatlichen Videoschnipselvorträge u.a. an der Berliner Volksbühne bekannt. Ebenso wirkt er an verschiedenen Theaterprojekten als Autor, Darsteller und/oder in der Regiearbeit mit. Zuletzt inszenierte er am Deutschen Theater zusammen mit Tom Kühnel "Eisler on the Beach".

tip Herr Kuttner, das Deutsche Theater zeigt die Inszenierung "Der Auftrag", die Sie mit Tom Kühnel in Hannover herausgebracht haben, als Gastspiel im Rahmen des Schwerpunkts "Der leere Himmel – gesellschaftliche Utopien". Können Sie mit dem etwas nebligen Begriff der Utopie noch etwas anfangen?
Jürgen Kuttner?Zumindest kann ich mit dem Motto des Deutschen Theaters nicht besonders viel anfangen, das ist mir zu religiös. Aber natürlich interessieren mich Utopien als gesellschaftliche Zielvorstellungen: Wie wollen wir leben? Kann man sich eine Gesellschaft auch anders vorstellen als so, wie sie jetzt ist? Wenn diese Frage nach Alternativen oder Zielvorstellungen verloren gehen, weil Politik angeblich nur noch pragmatisch sein soll, würde ich das schon beklagen.

tip Weshalb sind im Augenblick eher Dystopien in Mode, also Angstvorstellungen kollabierender gesellschaftlicher Ordnung?
Jürgen Kuttner Das hängt vielleicht mit dem Fehlen von Utopien zusammen. Wenn man scheinbar realistisch nur noch auf Sachzwänge reagiert, wenn man nur noch in der Gegenwart lebt und sich von Geschichte und Zukunft verabschiedet, wenn es nur noch darum geht, den eigenen Status quo zu sichern, muss man sich über die Konjunktur paranoider Angstphantasien eines untergehenden Europas nicht wundern. Es sieht so aus, als will man die Leute durch Angstproduktion irgendwie bei der Stange halten. Man kann sich ja über Pegida und die AfD aufregen, ich finde die auch abstoßend. Aber natürlich ist das auch ein Echo oder eine direkte Folge einer neoliberalen Politik, die mit der Agenda 2010 von Sozialdemokraten durchgesetzt wurde. Die Statusangst, die berechtigte Angst vor den sozialen Abstieg, ist ein wunderbarer Boden für die Rechtsradikalen.

tip Slavoj Ћiћek beschreibt das, nicht bezogen auf die AfD, sondern auf die Gewaltausbrüche in den Banlieues, so: "Der traurige Umstand, dass sich Widerstand gegen das System nicht in Gestalt einer realistischen Alternative oder zumindest eines sinnvollen utopischen Projekts artikulieren kann, sondern nur in Form eines bedeutungslosen Ausbruchs, ist ein erschütterndes Zeugnis unserer Missstände." Stimmen Sie zu?
Jürgen Kuttner Wie so oft hat Ћiћek recht, besser kann man es nicht sagen.

tip Ihre Inszenierung von Heiner Müllers Revolutionsstück "Der Auftrag" ist seltsam. Man hört Müllers Stimme aus dem Off, er liest das gesamte Stück vor. Das wird szenisch sehr verspielt und zirkushaft begleitet. Was kann uns heute am scheiternden Versuch dreier französischer Revolutionäre interessieren, die im 18. Jahrhundert einen Sklavenaufstand in Jamaika anzetteln wollen?
Jürgen Kuttner Ich finde den Text ausgesprochen zeitgemäß und virulent. Eine zentrale Figur ist Debuisson, der aus bürgerlichem Hause kommt, sich der Revolution anschließt und sie nach ihrem vorläufigen Scheitern verrät. Er hat durchschaut, dass die Verhältnisse falsch, ungerecht, menschenverachtend sind, aber er kann es sich als Privilegierter in diesen Verhältnissen bequem machen. Er sagt, ich will mein Stück vom Kuchen der Welt, ich will da sitzen, wo über euch gelacht wird – also über die, die im Elend leben und ausgebeutet werden oder im Mittelmeer ertrinken. Debuisson ist einer von uns. Wir sind die, die ein großes Stück vom Kuchen abbekommen haben, manchmal vielleicht mit leichten moralischen Schuldgefühlen, aber am Ende geht’s uns gut. Wir sind die Profiteure der unmenschlichen Verhältnisse. Wir sind die Profiteure des Abschieds von der Utopie einer gerechteren Welt. Der Unterschied zwischen Debuisson und uns ist, dass er weiß, was er tut. Bei ihm gibt es noch so eine Art von Schmerz oder Trauer. Er muss zum Zyniker werden, um seine Privilegien zu genießen. Nicht mal dazu reicht es bei uns. Wir halten uns in aller Naivität für unschuldig.

tip Wirkt der Text mit seinen Fragen nach der Revolution nicht trotzdem sehr fremd?
Jürgen Kuttner Das kann ja auch eine Qualität sein. Wir leben in einer Welt, in der man sich am liebsten mit dem umgibt, was man schon kennt. Wie im Fernsehen: Die Programmmacher glauben, dass man im Fernsehen nur etwas zeigen kann, was man schon aus dem Fernsehen kennt. So funktioniert unsere Öffentlichkeit. Wir leben in einer Blase von Gedanken und Erfahrungen, die wir schon kennen. Das stabilisiert sich selbst. Da sind fremde Gedanken, wie die von Müller, erstmal irritierend.

tip Warum das Playback-Zirkussetting und der tote Autor als Textlieferant aus dem Off?
Jürgen Kuttner Ich bin ein Fan der Art und Weise, wie Müller seine Texte liest. Mich stört es immer, wenn Schauspieler, die Müller aufführen, meinen, dass sie eine Interpretation mitliefern müssen, wenn sie kellnermäßig die Bedeutung servieren. Müller liest seine Texte trocken, er tut nicht so, als würde er seine eigenen Texte verstehen. Das ist eine echte Leistung. Mit dem zirkushaften Spiel wollten wir dem weit verbreiteten hehren Ernst, dem pathetischen Zugriff auf Müller-Texte entgehen. Müller sagte irgendwann, dass die Komik seiner Stücke unterschätzt wird.

tip Macht es Ihnen Spaß, an dem Abend ein Double von Heiner Müller und in einem kurzen Auftritt Josef Stalin zu spielen?
Jürgen Kuttner Ja, das sind doch Höhepunkte einer Schauspieler-Karriere. Jetzt habe ich als Schauspieler eigentlich alles erreicht.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: RBB

Der Auftrag Sa 26.3., So 27.3., 19 Uhr, ?Karten-Tel.: 28 44 12 21, 12–48 Euro?? "Müller? Den Namen wird man sich merken müssen."
Eine Videoschnipsel-Late-Night mit Jürgen Kuttner, Deutsches Theater, Sa 26.3., 22 Uhr, 12 Euro

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