• Kultur
  • Theater
  • Interview mit Kurator Matthias von Hartz über Foreign Affairs

Theater

Interview mit Kurator Matthias von Hartz über Foreign Affairs

Matthias_von_hartzHerr von Hartz, die zweite Ausgabe des ab diesem Jahr von Ihnen kuratierten Festivals Foreign Affairs wirkt wie die Fortsetzung des HAU-Programms und des Tanz im August. Wäre es bei dieser großen Nähe, fast bis zur Ununterscheidbarkeit, nicht praktischer gewesen, dem HAU einfach Ihren Festival-Etat zu geben und die Bühne im Haus der Berliner Festspiele zur Verfügung zu stellen?
MATTHIAS VON HARTZ
In einer Stadt wie Brüssel gibt es fünf internationale Theater, da stellt sich so eine Frage gar nicht. Das hat auch etwas mit der Berliner Theater­landschaft zu tun, in der das HAU bislang das einzige Haus ist, das sich dezidiert solchen Ästhetiken und einer internationalen Theaterarbeit verschreibt. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Stadt wie Berlin mehr davon vertragen kann. Wir haben hier ja auch drei Opern und mehrere Staatstheater. Das HAU und wir sprechen uns ab, wir versuchen Überschneidungen zu vermeiden und gemeinsam Dinge zu ermöglichen. Unsere finanziellen Spielräume sind etwa so groß oder so klein wie die des HAU, aber natürlich kann man mit so einem Festival anders Energien und auch Aufmerksamkeit bündeln. Es ist ja kein Theateralltag, wenn wir gemeinsam mit dem HAU das New Yorker Nature Theater of Oklahoma zu einem zweiwöchigen Marathon einladen. Was wäre die Alternative? Langweilige, repräsentative Großkunst auf dem Festival zeigen, nur um Ähnlichkeit mit dem HAU zu vermeiden? Viele Künstler des Festivals waren noch nie in Berlin, es gibt also was zu entdecken.

Forsythe_companyZwei Schwerpunkte neben dem Nature Theater sind die Gastspiele von William Forsythe und von Anne Teresa De Keersmaeker – beides Veteranen der Tanzavantgarde der 80er-, 90er-Jahre. Die Gastspiele von For­sythe sind ältere Produktionen, die man andernorts schon vor Jahren sehen konnte. Wird die Avantgarde von einst langsam museal, gibt es in diesem Feld nichts Neues zu entdecken?
Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz zeigen bei uns als deutsche Erstaufführung ein neues Stück. Das ist die erste gemeinsame Arbeit dieser beiden großen, in ihrer ganzen Ästhetik und Arbeitsweise sehr unterschiedlichen Choreografen. Das ist eine wahnsinnig spannende Kombination. Boris Charmatz ist für mich im zeitgenössischen Tanz einer der interessantesten neueren Künstler, von dem in Berlin noch relativ wenig große Arbeiten zu sehen waren. Anne Teresa De Keersmaeker ist inzwischen 50 Jahre alt, sie tanzt in diesem Stück selbst und sie ist in  ihrer Radikalität, in ihrer Art und Weise, zu arbeiten, natürlich eine singuläre Künstlerin. Von William Forsythe war in Berlin lange nichts zu sehen, er hat hier seit sechs Jahren kein Stück mehr gezeigt. Für mich ist er nach wie vor einer der wichtigsten Künstler, ihn einzuladen war meine erste Entscheidung bei der Vorbereitung des Festivals. Wir zeigen nicht nur seine Tanzstücke, sondern auch eine große Installation in der Lokhalle Schöneberg und seine Filmarbeiten, er selbst spricht von „choreografischen Objekten“. Künstler, die mit ihrer Arbeit auch die Grenzen des Theaters verlassen, interessieren mich und so genreübergreifend zeigen wir jetzt auch Forsythe mit insgesamt fünf Arbeiten.

Würden Sie mit Forsythe bei Foreign Affairs gerne kontinuierlich zusammenarbeiten?
Das ist ein bisschen schwierig, aber ich hoffe, dass er wieder bei uns auftaucht. Mir geht es immer wieder so, dass ich in Forsythe-Aufführungen sitze und denke, wow, der Mann ist sechzig und er ist in seiner Arbeit offener, neugieriger, wacher als viele Dreißigjährige. Er hat mit seiner Compagnie eine Virtuosität entwickelt, die ihresgleichen sucht, und er schafft es, seine Ästhetik immer weiterzuentwickeln. Die beiden großen Inszenierungen, die wir zeigen, „I don’t believe in outer space“ und „Sider“, sind sehr theatrale Arbeiten, die eine mit sehr viel Text, die andere die choreografische Umsetzung eines Theaterstücks.

Life_and_timesDas Nature Theater of Oklahoma aus New York, von dem Sie eine kleine Werkschau zeigen, sind alte Berliner Bekannte, die oft im HAU und 2010 auch beim Theatertreffen zu sehen waren. Sie zeigen alle bisher entstandenen Episoden ihres Großprojekts „Life and Times“. In endlosen Telefon­gesprächen hat die Schauspielerin Kristin Worrall ihr Leben erzählt. Die Abschrift dieser Telefonate mit allem „Äh“ und „Well“ und Wiederholungen ist das Libretto, das in jeder Episode in eine andere szenische Form übersetzt wird. Worin liegt der Reiz dieses Marathon-Projekts, das Alltagsbanalitäten auf der Textebene mit extremer Künstlichkeit auf der Bildebene koppelt?
Die Ausgangsfrage war wirklich „Tell me your life“. Diese insgesamt 16-stündigen Telefonate werden in Originallänge, aber jeweils in einem anderen Stil auf die Bühne gebracht. Teil 1 ist ein Musical, Teil 2 ist ein Tanzstück, Teil 3 ein Murder Mystery im Stil von Agatha Christie, auch in einem Agatha-Christie-Bühnenbild, Teil 4 ist ein Stop-Motion-Trickfilm, Teil 5 ist ein Buch, das kollektiv gelesen wird, Teil 6 ist eine American Radio Show. Die Geschichte dieses Lebens wird durch verschiedene Bühnen- und Kunstgenres dekliniert, das ist konzeptionell wahnsinnig konsequent.

Das Nature Theater lädt die Berliner ein, bei einer ihrer Aufführungen mitzuwirken. Das klingt etwas nach der Hölle des Mitmachtheaters, oder?
Beliebiges Mitmachtheater dürfte das Letzte sein, was das Nature Theater of Oklahoma interessiert, dafür ist ihre Kunst viel zu stilisiert. Für die Leute, die mitmachen wollen, wird es sehr klar definierte Angebote, ein klares Setting geben. Man kann zehn Minuten mitmachen oder auch drei Wochen. Es gibt ein großes Fest als Ausgangspunkt und Kennenlernangebot, bei dem die Künstler ihr Projekt vorstellen und anfangen, mit den Interessierten Interviews zu führen, um daraus zu entwickeln, wie man miteinander arbeiten könnte.

Faustin_linyekulaIhr Festival zeigt sehr unterschiedliche Genres und Ästhetiken. Was wäre Ihre Überschrift, die das Ganze zusammenhält?
Für mich ist zentral, dass es Schwerpunkte gibt: Forsythe, Nature Theater of Oklahoma und das Projekt über Wetten und Spekula­tion, das wir mit bildenden Künstlern gemeinsam mit den Kunstwerken machen.

Ist das auch davon inspiriert, dass man in den letzten Jahren in schöner Deutlichkeit sehen konnte, welche Wirkung das Platzen von Wetten an den Finanzmärkten entfalten kann?
Ja, zum einen kann das mittlerweile ganze Länder in den Abgrund stürzen, zum anderen durchdringt es immer mehr Lebensbereiche. Ich habe das Vertrauen, dass dem Theater, in dem ja viel mehr möglich ist als in anderen Medien, eine Auseinandersetzung mit diesem Thema gelingt.

Ist das Problem solcher theatralischer Übersetzungen komplexer politisch-ökonomischer Prozesse, etwa an den Finanzmärkten, nicht, dass das gelegentlich etwas zu flach und effektverliebt ausfällt? Als Wissensvermittlung mit theatralischen Mitteln kann das schnell zur Klischee-Bestätigungs-Veranstaltung oder zum etwas simplen Nachhilfe­unterricht für Ahnungslose werden.
Die Gefahr ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber es kommt auch darauf an, was man da will. Ich würde das weniger als Wissensvermittlung mit theatralischen Mitteln sehen, sondern eher als einen Vorgang, der eine andere Fantasie über ein Thema eröffnet als das, was ich in der Zeitung lese. Was hat zum Beispiel die europäische Schuldenkrise mit mir und meinem Leben zu tun? Wir zeigen ein Projekt des bildenden Künstlers Santiago Sierra mit Bauschutt aus Spanien, der nach Berlin transportiert wird, um hier wieder verkauft zu werden. Forced Entertainment zeigen eine sechsstündige Performance, die sich mit Imagination befasst. Es geht bei Wetten und Spekulation ja immer um Risikomanagement und um den Versuch, sich gegen die Zukunft abzusichern, darum, verschiedene Zukunftsszenarien zu imaginieren. Daran arbeiten Forced Entertainment, sie werden nichts anderes tun, als Varianten der Zukunft zu erzählen. Saskia Sassen, Richard Sennett und Joseph Vogl zum Beispiel werden Vorträge halten, das wird sicher nicht zu unterkomplex und simpel.

Angelica_liddell_yo_no_soy_bonitaWenn wir schon bei Finanzmärkten und Geld sind: Ihr Festival hat mit rund 800?000 Euro einen vergleichsweise bescheidenen Etat. Zum Vergleich: Bei der Ruhrtriennale sind es 13 Millionen, bei den Wiener Festwochen fast 14 Millionen Euro. Haben Sie das Festival vom Herbst auf den ungünstigen Sommertermin in der Ferienzeit verlegt, weil um diese Jahreszeit sowieso viele internationale Künstler durch die europäischen Sommerfestivals zwischen Wien, Avignon und Salzburg touren und sich so günstigere Möglichkeiten für Koproduk­tionen ergeben? Oder wollen Sie Foreign Affairs zu einem Festival für Berlin-Touristen machen?
Ich glaube nicht, dass die Hälfte unserer Besucher Touristen sein werden. Aber ich freue mich natürlich über ein internationales Publikum. Im Herbst finden die Premieren zum Spielzeitstart an allen großen Theatern Berlins statt, im Juni und Juli passiert nicht viel. Im Sommer gibt es einfach eine andere Atmosphäre und andere Möglichkeiten als im Herbst – für das kommende Jahr planen wir ein großes Outdoor-Projekt. Ich finde, es gibt nichts Schöneres als gutes Wetter, gute Laune und gute Kunst. 

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Antonia Zennaro, Dominik Mentzos, Nature Theater of Oklahoma, Tempo Festival, Agathe Poupeney

Foreign Affairs
Haus der Berliner Festspiele, HAU 2 u.?a., www.berlinerfestspiele.de
27.6.–14.7.,
Karten-Tel. 25 48 91 00,

 

Mehr:

Anna Teresa de Keersmaekers und Boris Charmatz‘ Stück „Partita 2“ bei Foreign Affairs

William Forsythe bei Foreign Affairs 2013 

Das Nature Theater of Oklahoma besetzt bei Foreign Affairs das HAU

 

Oder:

Theater und Bühne in Berlin

Neue Musik beim Infektion Festival der Staatsoper (bis 28.6.)

Übersichtsseite Kultur und Freizeit 

 

Mehr über Cookies erfahren