Theater

Interview mit Martin Buchholz

MartinBuchholz_c_MartinBuchholzSie nennen Ihr Programm „Kassandra, übernehmen Sie!“ Ist diese alte trojanische Dame plötzlich die Schutzpatronin des Kabaretts?
Nun ja, im alten Troja war ihre Berufsbezeichnung noch nicht Kabarettistin, sondern Seherin. Aber sie machte genau das, was ein Satiriker auch machen muss: Sie machte die Augen auf. Sie sah das und sah auch das voraus, was jeder hätte sehen können, wenn er nur hätte sehen wollen. Aber die Leute wollten schon damals nicht sehen und hören – bis ihnen schließlich Sehen und Hören vergangen ist.

Aber was hat diese Kassandra mit der heutigen Kanzlerin zu tun, auf die Sie sich ja ebenfalls beziehen?

Wenig – bis auf die Tatsache, dass ihnen die Angst vor den Griechen gemeinsam ist. Denn darum geht es natürlich auch im Programm – nämlich um den Horrorfilm unter dem Titel „Eurokalypse Now“. Nun hatte ja Kassandra ihrem eigenen Volk den Untergang prophezeit und den Griechen eine glorreiche, siegreiche Zukunft vorausgesagt. Mit einer solchen pro-hellenischen Prognose würde sie heute bei jeder Rating-Agentur rausfliegen. Die sind ja spezialisiert auf self-fulfilling prophecies, nämlich auf den ökonomischen Untergang der südlichen Länder Europas. Wobei Bayern ausdrücklich ausgenommen ist.

Was ist denn der Ihrer Ansicht nach der größte Fehler, den Frau Merkel gemacht hat?
Ihr größter Fehler war, dass sie mich nicht zu ihrem Regierungssprecher gemacht hat. Mit mir an ihrer Seite hätte sich ihre Regierungszeit nicht so endlos lange hingezogen.

Und was sagt Ihre satirische Prophetie für den Kanzlerkandidaten der SPD voraus?
Dazu schweige ich. Über Peer Steinbrück mache ich grundsätzlich keine Witze. Das gehört sich nicht unter Kollegen. Schließlich ist der auch ein Vortragskünstler. Bei dessen Gagen wird bei mir allerdings der quittegelbe Neid wach. Wobei mich schon interessieren würde, wie viel Honorar er von der CDU dafür bekommt, dass er für sie Wahlkampf führt noch ehe der Wahlkampf begonnen hat.

Und die FDP? Wie sieht deren Zukunft aus?
Gar nicht, weil ihre Zukunft schon lange vorbei ist. Über diese sabbernden Brüderles herzuziehen, wäre behindertenfeindlich. Eigentlich sind es doch Zombies, die schon längst in die politische Verwesung übergegangen sind. Aber es gibt immer wieder nekrophil veranlagte Wähler mit einem schweren Brett vorm Kopf, die in der Wahlnacht den Sargdeckel wieder aufklappen und mit ihrer Zweitstimme dem leichenstarren Lazarus zurufen: „Nimm mein Brett und wandle.“

Ein letzte Prognose zur Links-Partei und zu den Piraten?
Bei den Piraten ist das Zukunftsmotto: „Erst schippern und entern, dann bibbern und kentern.“ Bei der Links-Partei hingegen: „Erst hammern und sicheln, dann jammern und picheln.“

Interview: Ronald Klein

Foto: Martin Buchholz

Kassandra, übernehmen Sie!
bei den Wühlmäusen

 

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