Theater

Interview mit Martin Wuttke

Martin_WuttkeMartin Wuttke kommt leicht erkältet zum Interview. Derzeit hat er ein strammes Arbeitspensum. Er inszeniert an der Volksbühne Moliиres „Der eingebildete Kranke“ und spielt dabei selbst die Hauptrolle. Parallel probt er in Frank Castorfs Inszenierung von Moliиres „Der Geizige“ die Titelfigur. Nebenbei spielte er zum Abschluss des Theatertreffens die Titelrolle in Alvis Hermanis’ fünfstündiger „Platonov“-Inszenierung aus dem Burgtheater.

Herr Wuttke, schön, dass Sie wieder in Berlin spielen. Derzeit proben Sie für ihre Moliиre-Trilogie gleich zwei große Volksbühnen-Produktionen, zwei als Hauptdarsteller, eine auch als Regisseur. Wie geht’s?
Noch stehe ich (lacht). Die Zeit für die Moliиre-Inszenierungen ist knapp, wie man das schaffen soll, weiß ich auch noch nicht. Aber ich bin selber schuld, das war meine Idee. Ich habe der Volksbühne vorgeschlagen, drei Moliиre-Komödien in ziemlich kurzer Zeit nacheinander zu machen. Die dritte, „Don Juan“, eröffnet die nächste Spielzeit, das inszeniert Renй Pollesch, ich spiele wieder die Titelrolle.

Und jetzt proben Sie morgens Ihre Inszenierung und gehen danach zu Castorf auf die Probe?
Genau. Aber in beiden Stücken sind das Personal, die Grundatmosphäre, die Art und Weise, wie die Figuren agieren, ähnlich. Man versteht erst beim Spielen, wie genial Mo­liиre als Theaterpraktiker ist, auch in der Mechanik, wer wann wo wie auftritt. Beim Lesen denkt man ja bei jeder Szene, na ja, dass jetzt der Witz kommt, war mir auch schon am Beginn der Szene klar, aber darum geht es eigentlich nicht. Mich interessiert, dass Moliиre von der Bühne her geschrieben hat, nicht aus der Dichterstube. Er schreibt auf Wirkungen, er kennt alle Tricks der Schmiere und der Rampensäue. Er war Schauspieler, Regisseur, Theaterunternehmer, das merkt man. Er hat übrigens auch die Titelrollen in „Der Geizige“ und „Der eingebildete Kranke“ selbst gespielt. Wir sehen ihn als einen der großen Theaterklassiker, den großen Dichter, so wird er auch oft inszeniert. Aber wir vergessen dabei, dass er die Commedia dell’Arte modernisiert und literarisiert hat. Er greift auf eine alte Theaterform zurück, erweitert und erneuert sie und erfindet so eigentlich die moderne Komödie. Das Theater seiner Zeit wurde von Tragödien dominiert, von der hohen Sprache eines Jean Racine, eines Pierre Corneille. Moliиre, und das ist eine ungeheure Leistung, hat gegen diese Dominanz eines erhabenen Stils ein plebejisches, eigentlich subversives Genre wie die Komödie durchgesetzt. Für Tragödien braucht man Pathos, Fallhöhe, eine bestimmte Konstruktion. Eine Komödie kann hier am Nebentisch im Restaurant stattfinden. Eine Komödie muss sich an Realität messen lassen, und sie überprüft ihrerseits die Realität. 

Die Titelfiguren der beiden Komödien, die Sie jetzt proben, Harpagon, der „Geizige“, und Argan, der „eingebildete Kranke“, sind ziemlich unglückliche, angstgetriebene Gestalten. Der eine hat Angst um sein Geld, der andere um seine Gesundheit. Sind das bittere Komödien?
Don Juan ist auch so eine Figur. Vor lauter Gier oder Angst, etwas zu verpassen, verpasst er natürlich die Liebe. Don Juan, Argan, Harpagon – die sind alle nicht frei. Dahinter steht ein hysterischer Motor, der sie antreibt, das hat etwas von Panik und Todesangst. Das entfernt sich von simplen Komödien-Mustern. Beim „Eingebildeten Kranken“ spürt man, dass Moliиre, als er das geschrieben hat, eigentlich ein ruinierter Mann war. Er war finanziell am Ende, der König hatte ihm seine Gunst entzogen, er wusste nicht, wie er seine große Theatertruppe finanzieren sollte, er war schwer krank. Das schlägt da natürlich durch.
Eigentlich ein gespenstischer Vorgang: ein schwer kranker Autor schreibt eine Komödie über einen Hypochonder und spielt selbst die Hauptrolle …

… und stirbt dann bei der vierten Vorstellung in dieser Rolle auf der Bühne. So ist Moliиre gestorben, als er diesen Argan gespielt hat.
Theater ist ungesund. Was macht eigentlich Ihre alte Idee, eine Gesellschaft für Power Aging zu gründen – schneller Altern dank Theater?
Ich bin aktiv dabei, als Gründungspräsident und einziges Mitglied dieser Gesellschaft (lacht).

Worin liegt die Komik in einer bitteren Komödie wie „Der eingebildete Kranke“?
Man kann in diesem Stück nie unterscheiden: Ist der krank, oder sagt er nur, dass er krank ist. Die Komödien-Perspektive ist, dass er lügt oder dass er spinnt. Aber was ist, wenn er wirklich krank ist? Je mehr er schreit: „Ich bin krank! Ich bin krank!“, und je weniger ihm die anderen das glauben, desto komischer oder schrecklicher wird diese Diskrepanz. Man könnte sagen, der bildet sich ein, dass er krank ist, auf welche Medizin wartet er denn? Ich finde einen Gedanken von Lothar Trolle ganz schön: Der wird erst gesund, wenn er um einen Kopf kürzer gemacht wird. Die Medizin, auf die er wartet, muss erst noch erfunden werden, das ist die Guillotine. Die Krankheit, die er mit sich herumträgt, spiegelt diese seltsam instabile Gesellschaft wider.

Na ja, geschrieben hat Moliиre das gut 100 Jahre vor der Französischen Revolution. Da war das Ancien Rйgime offenbar noch ziemlich stabil.
Tschechow hat seine Stücke auch Jahrzehnte vor der russischen Revolution geschrieben, trotzdem merkt man, dass er von einer Gesellschaft in einem Endzustand, vor einem Umbruch, erzählt. Eingeschrieben in Mo­liиres Stücke ist das Klima eines nahenden Umbruchs, etwas geht zu Ende. Das wird nicht ausgesprochen und offen thematisiert. Aber der Motor von diesem Gezerre, das die Figuren vorführen, hat damit zu tun. Der Geizige, das ist schon die Vorform einer bürgerlichen Figur. Später hat Balzac diesen Typus für den frühen Kapitalismus ausgeführt, wenn das Bürgertum Kapital akkumuliert. Von diesem frühbürgerlichen Geiz, der Besessenheit von Geld, erzählt Balzac in der „Menschlichen Komödie“ mit einer Figur wie Gobseck.

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