Theater

Interview mit Matthias Egersdörfer

Herr Egersdörfer, erst kam K.T. von Guttenberg und schickte sich an, deutscher Kaiser zu werden. Er verwandelte Franken in einen Landstrich mit Glamour. Dann kamen Sie.

Egersdörfer: Jetzt schämen sich wieder viele!

Als Kabarettist sind Sie bereits länger auf den hiesigen Bühnen unterwegs. Mit dem Programm „Carmen“ aber erstmalig mit Partnerin. Gab es eine Initialzündung für die Zusammenarbeit und den Stoff?
Mit Claudia Schulz und Andy Mueller arbeite ich schon seit den 90er Jahren zusammen. Was uns eint, ist eine ähnliche Auffassung von Humor. Zum Beispiel, wenn Menschen auf der Bühne drangsaliert werden oder peinlich sind, finden wir das lustig.

In Bizets „Carmen“ stellt die Protagonistin eine Verführerin dar, in Ihrer „Carmen“ ist von einer selbstbewussten Frau nicht viel übrig geblieben. Haben Sie reale Vorbilder gefunden, die Sie zu Bühnenfiguren destillierten?
Die Vorbilder für die Carmen sind zum einen „Mai Ling“ von Gerhard Polt. Zum anderen hat mich diese latente Frauenfeindlichkeit von Mario Barth inspiriert. Ich fand das als Ausgangspunkt durchaus spannend, wenn der Spaßmacher schlecht über seine Freundin spricht. Im Unterschied zu Barth steht selbige aber direkt neben mir auf der Bühne. „Martha“ von Rainer Werner Fassbinder wiederum hat uns bestärkt, an der Geschichte dran zu bleiben

Einen Auszug aus dem Programm stellten Sie unter anderem bei Stefan Raab vor. Es gab wütende Proteste im Internet. Kamen derartige Proteste für Sie überraschend?
Wir haben es oft erlebt, dass es bei diesen Geschichten plötzlich sehr still wurde im Saal. Es gab auch erboste Zwischenrufe und Zuschauer beschwerten sich auch schon einmal beim Veranstalter. Jetzt haben sich Zuschauer schriftlich erleichtert. Zum Teil habe ich das als drastisch empfunden.

Bemerkenswert ist dabei, dass die meisten Kritiker gar nicht verstanden haben, dass Sie sich nicht über eine Abtreibung lustig machen, sondern das Moment der Manipulation in einer Beziehung karikieren.
Das ist allerdings erstaunlich. Interessant ist auch die Tatsache, dass die meisten Personen auch übersehen, dass der Kerl im roten Hemd ein Wicht und ein Arschloch ist und nicht die hilfreiche Vorstellung eines männlichen Rollenmodels für eine zeitgenössische Beziehung.

Was finden Sie an der männlichen Hauptfigur in „Carmen“ sympathisch? Die Presseinfo spricht davon, man sei kurz davor, das Messer zu zücken. Wie verhindern Sie dies?
Der beschränkte Infantilismus der Hauptfigur ermöglicht dem reifen Zuschauer sich zu amüsieren. Zudem wurde in der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Andrй Studt der Charakter der „Carmen“ weiterentwickelt. Das rein passive Opfer ist sie jetzt erwachsen und verfügt über ein Potential an Schreckschräubigkeit und leicht amerikanisch anmutender Naivität. Der schwule „Eichhorn“ macht das Trio Infernale perfekt. Er ist alles andere als ein korrekter Sympathieträger. Die Last der Antipathie ist jetzt geradezu gerecht auf drei Schultern verteilt.

Wenn man von Abhängigkeit und Hörigkeit spricht, betrifft das beide Geschlechter gleichermaßen. Welche psychologischen Dispositionen müssen erfüllt sein, um Abhängigkeiten zu produzieren?
Ich habe jetzt auf die Frage hin gleich einmal gegoogelt und würde sagen, im groben dürfte mangelndes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen ein guter Nährboden für so etwas sein.

Interview: Ronald Klein

Carmen (Matthias Egersdörfer)
28.+29.9., 20 Uhr im BKA-Theater

 

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