Theater

Interview mit Nicolas Stemann

Heilige_Johanna_der_Schlachthoefetip Mitten in der Weltwirtschaftskrise tun die meisten Theater, als sei nichts geschehen. Und wenn mal ein Regisseur die Ökonomie für sich als Thema entdeckt, werden am liebsten einigermaßen naiv Klischees von skrupellosen Unternehmern und den Erniedrigten und Beleidigten dieser Welt bemüht. Weshalb fällt den meis­ten Theaterleuten so wenig Intelligentes zur Wirtschaft ein?
Nicolas Stemann Es gibt tatsächlich erstaunlich wenig Theaterstücke, die wirklich ernsthaft versuchen, Wirtschaft in eine theatrale Form
zu übersetzen. Mir fallen auf An­-hieb nur Elfriede Jelineks Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“ und Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ ein … (lacht)

tip Das Jelinek-Stück haben Sie vor Kurzem in Köln uraufgeführt, Brechts „Johanna“ inszenieren Sie jetzt am Deutschen Theater – von daher sind Sie ja jetzt aus dem Schneider. Trotzdem: Weshalb ist das Theater so desinteressiert an einer echten Auseinandersetzung mit ökonomischen Zusammenhängen?
Stemann Im Theater geht es ja immer um Menschen, und Wirtschaft tut so, als sei das alles abstrakt und subjektfrei, als hätte wir es in der Ökonomie mit fast naturgesetzmäßigen Abläufen zu tun, die nichts mit den handelnden Mensche zu tun haben. Aber das stimmt ja nicht. Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz, es sind Menschen, die wirtschaftlich handeln, und natürlich spielen da ihre Gefühle, ihre Gier, ihre Egoismen rein. Und umgekehrt macht die Wirtschaft auch etwas mit den Menschen. Was ist denn Geld? Geld ist zunächst mal ein Glaubenssystem : ich muss darauf vertrauen, dass ich für meinen 100-Euro-Schein etwas kaufen kann, dass er etwas wert ist und dass die anderen das auch so sehen. Es geht um Glauben und Vertrauen, und davon versteht das Theater etwas. Das Irrationale im Kapitalismus erkennen Künstler vielleicht manchmal genauer als ganze Heerscharen von Börsenanalysten. Im August 2008 schreibt Elfriede Jelinek „Die Kontrakte des Kaufmanns“, ein Stück über den Kollaps der Finanzmärkte – und einen Monat wird ihr Text Wirklichkeit, Lehman Brothers geht in Insolvenz, und die Finanzmärkte haben ein Problem. Das ist auch das Spannende an Brechts Stück: Brecht lotet in „Johanna“ die Schnittstellen zwischen Mensch und Ökonomie aus. Die Vorstellung, Ökonomie determiniere die Verhältnisse wie ein Naturgesetz, das ist ja das, was Leute wie Hans Olaf Henkel propagieren, das TINA-Prinzip …

tip TINA steht für eine Lieb­lingsparole von Maggie Thatcher: There is no alternative“.
Stemann Keine Alternative – ja, warum denn bitte nicht? Warum soll es denn keine Alternative zu einem Sys­tem geben, das massiv Artmut produziert, während andere immer reicher werden? Die Frage ist, wem nützt der deregulierte Markt, wer hat ein Interesse daran, und wie werden diese Interessen durchgesetzt? Unterm Strich kommt bei Brecht raus, dass das der pure Kapitalismus am Ende keinem nützt, selbst der Fleisch-Spekulant Mauler ist sehr ambivalent.

tip Mauler steigt irgendwann aus und verkauft alles, angeblich, weil er den Anblick der toten Tiere nicht mehr erträgt. Er steigt genau zum richtigen Zeitpunkt aus, kurz vor dem Crash des Fleisch-Marktes. Sein Anfall von Skrupel ist ein glänzendes Geschäft. Heuchelt dieser Held des freien Marktes, wenn er sagt, dass er sein Spekulationsgeschäft aus moralischen Gründen nicht mehr erträgt?
Stemann Jemand wie Mauler weiß am Ende nicht mehr genau, ob er jetzt bestimmte Gefühle hat, weil er auch ein Herz hat, oder ob er bestimmte Gefühle hat, weil das gerade ökonomisch sinnvoll ist. Solche Figuren sind nur scheinbar Subjekte des Wirtschaftsgeschehens, „Masters of the Universe“, wie sich die Finanzspekulanten in den Achtzigern nannten. In Wirklichkeit ist jemand wie Mauler vielleicht auch nur Objekt des Wirtschaftsgeschehens. Er reagiert sozusagen automatisch auf die Ausschläge am Markt und die Chancen, die sich daraus ergeben – ein König Midas, dem alles, was er anfasst, zu Gold wird. Er schadet damit allen und will sich trotzdem den Luxus eines Gewissens leisten.

Nicolas_Stemanntip „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ spielt in der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre in Chicago. Johanna will den Armen mit Suppenküchen helfen, aber sie ist alles andere als eine Revolutionärin. Gegen ihren naiven Humanismus setzt Brecht die harte Parole „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“ – ein Aufruf zum bewaffneten Kampf. Sind moralische Positionen zwangsläufig naiv?
Stemann Was Brecht zeigt, ist, dass moralische Kategorien hier nicht greifen. Es geht eher um Interessen, Nutzen, mehr oder weniger sinnvolles Handeln. Johanna, die Figur, die eigentlich am reinsten und unschuldigsten ist, richtet den größten Schaden an. Alles, was sie in aller Unschuld und mit großer moralischer Entschiedenheit macht, schadet am Ende den Armen und nützt den Unternehmern und Spekulanten. In diesem Stück ist tatsächlich keiner unschuldig. Aber natürlich hat das Stück eine klare anti-kapitalistische Stoßrichtung.

tip In Kreuzberg sieht man immer noch die linksradikal-nostalgische Parole „Revolution ist die einzige Lösung“, das ist ja so etwa Brechts Position in diesem Stück. Für mich klingt das leider rührend anachronistisch und weltfremd: linker Kitsch.
Stemann Eine sozialistische Revolution nach sowjetischem Vorbild, wie Brecht sie im Stück vorschlägt, ist für uns natürlich als Lösung nicht mehr so einfach denkbar. Das macht die geschilderte Situation aber nicht besser. Wie Brecht Wirtschaft schildert, das ist nicht so weit weg von dem, was wir heute sehen – Insidergechäfte, Spekulation mit künstlicher Verknappung, ein Markt der alles, auch Nahrung, zur Ware macht, Finanzmärkte, die von realer Wertschöpfung unendlich weit entfernt sind und jede Menge Leid produzieren. Zu sagen, das muss auch anders gehen, ist da doch eine natürliche Reaktion.

tip „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ parodiert in der Travestie der Form, in der Verssprache, in den Chören, im Plot das Pathos von Schiller, das Erhabene. Das ist ziemlich komisch, weil das Börsengeschehen an der Rohstoffbörse von Chicago eine nüchterne und nicht besonders feierliche Veranstaltung ist. Erst denkt man, Brecht macht sich über Schillers hohen Ton lustig, was sicher auch der Fall ist, aber auch die Börsianer wirken so plötzlich ziemlich bizarr. Irgendwie wirkt es, als wollte Brecht die Börse auf die Bühne holen und mit den schrägen Stil-Lagen gleichzeitig vorführen, dass die Börse, das Marktgeschehen, das Betriebssystem des Kapitalismus, nicht theatertauglich sind. Kann man nicht nur scheitern, wenn man das trotzdem inszenieren will?
Stemann Das Wirtschaftsgeschehen zu poetisieren ist wahrscheinlich unmöglich – außer in diesen Kom­plexitäten, auch in der Komik, mit der Brecht das macht. Diese Doppelbödigkeiten, die Reibungen zwischen Form und Stoff zu zeigen, ist doch gerade interessant. Ich habe mich noch nie davon ab­schrecken lassen, dass Dinge, die ich im Theater versuche, möglicherweise scheitern könnten. Genau mit dem Paradox, dass gut bezahlte Schauspieler im Theater vor Bürgern, die Eintritt bezahlt haben und vermutlich keine Revolutionäre sind, sehr elaboriert singen „Ihr Leute, gebt uns Brot“, spielt Brecht. In der ersten Fassung gibt es eine Regieanweisung, die
ich toll finde. Brecht stellt sich vor, dass sich am Ende der Vorstellung die Bühne hebt und man sieht, dass sie von Tausenden von Arbeitern getragen wird. Als Metapher, die das ganze Theater in Frage stellt, ist das großartig: Er schreibt eine große revolutionäre Tragödie, eine Komödie, eine Oper, eine Revue, um die herrschenden Umstände abzuschaffen – und muss, um dieses Stück zu zeigen, von dem System, das er bekämpft, profitieren. Das reflektiert er, das ist das Tolle an Brecht, diesem dialektischen Theaterschriftsteller. Er ist nicht so blöd, diese Zusammenhänge auszublenden und einfach gegen Eintritt von der Bühne die Revolution zu verkünden. Er nutzt die Dialektik des Mediums Theater, er deckt sie nicht zu und kann so der Komplexität der Welt und des menschlichen Daseins gerecht werden.

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Arno Declair

Termine: Die heilige Johanna der Schlachthöfe
im Deutsches Theater
Premiere: Mi 16.12., 19.30 Uhr
TICKETS

weitere Theater-Interviews:

INTERVIEW MIT KATHARINA THLABACH ÜBER „DER BARBIER VON SEVILLA“

HANS NEUENFELS ÜBER SEINE „LEAR“-INSZENIERUNG AN DER KOMISCHEN OPER

FRANK CASTORF ÜBER DIE VOLKSBÜHNE UND SEIN NEUES STÜCK „OZEAN“

KURT KRÖMER ÜBER SEINE GALA „PIMP MY GHETTO“

FALK RICHTER ÜBER „TRUST“ AN DER SCHAUBÜHNE

THEATER UND BÜHNE IN BERLIN VON A BIS Z

 

Mehr über Cookies erfahren