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Interview mit Nicolas Stemann

Nicolas Stemann

Der Regisseur Nicolas Stemann, 46, verbindet in seinen Inszenierungen am Wiener Burgtheater, am Hamburger Thalia Theater und demnächst an den Münchner Kammerspielen politisches Theater mit der offenen Form von Performance-Ästhetiken – seine Schauspieler agieren gerne wie in einer improvisierenden Band. Er war u.?a. mit den Inszenierungen der Jelinek-Stücke „Das Werk“ und „Die Kontrakte des Kaufmanns“ und von Goethes „Faust“ Teil 1 und 2 zum Theatertreffen eingeladen.

tip Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird das Theatertreffen mit einer Aufführung eröffnet, bei der die wichtigsten Menschen auf der Bühne keine Schauspieler sind. Weshalb arbeiten Sie in Ihrer Hamburger Inszenierung des Jelinek-Textes „Die Schutzbefohlenen“ mit illegalen afrikanischen Migranten?
Nicolas Stemann?Ich hätte es falsch gefunden, diejenigen, um die es im Stück geht, auszuschließen, indem sie in meiner Inszenierung nicht vorkommen. Ich wollte sie einladen, selbst auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen und sichtbar zu werden. Das ist ein vorrangiges Ziel der neueren Refugee-Proteste, die der Anlass zu diesem Stück waren: Dass die Betroffenen sich nicht mehr verstecken oder wegsperren lassen, sondern sich zeigen und damit auf die Probleme hinweisen. Das sind ja keine individuellen, sondern politische Probleme. Es wäre absurd, durch das Aufführen dieses Stückes für erneute Unsichtbarkeit zu sorgen.

tip Trotzdem ist es eine Theaterinszenierung, keine politische Demonstration?
Nicolas Stemann Jelinek benutzt eine Kunstsprache, die eine gewisse Autonomie von Kunst und Theater behauptet und eine Überhöhung möglich macht. Diese Verdichtung ist mir wichtig. Sie verhindert, dass das Thema naturalistisch kleingemacht wird. Für diese Sprache braucht man allerdings Experten, sprich: Schauspieler. Da hatten wir also einen interessanten Konflikt: Wie kriegt man es hin, dass das nicht paternalistisch wirkt und die Flüchtlinge bloßes Beiwerk und Alibi sind? Wie aber schafft man es, ohne dass es den Beteiligten gegenüber zynisch ist?

tip Fürchten Sie, dass es anmaßend wirkt, wenn deutsche Staatstheater-Schauspieler, also Vertreter einer privilegierten Mehrheitsgesellschaft, stellvertretend für die Flüchtlinge sprechen, die genau von dieser Mehrheitsgesellschaft diskriminiert und ausgewiesen werden?
Nicolas Stemann Dürfen wir diese Texte sprechen? Natürlich dürfen ‚wir‘ diese Texte sprechen. Ich wollte aber genau diese Probleme haben, die entstehen, wenn man gleichzeitig Jelineks Kunstsprache und die Flüchtlinge auf der Bühne ernst nimmt. Diese Probleme haben ja nicht nur mit dem Text, sondern mit seinem Thema zu tun: Mit unserem Umgang mit Flüchtlingen. Ich habe sie deshalb auf der ästhetischen Ebene bewusst weitgehend ungelöst gelassen und sogar verstärkt. Warum sollte man so tun, als wäre irgendwas lösbar, wenn man es in Wirklichkeit mit einer völlig ungeklärten Problematik zu tun hat? So vollführen wir bestimmte Möglichkeiten, diesen Text auf einer Bühne zu sprechen, und zeigen, wie diese nach und nach scheitern. In unseren Schwierigkeiten, Jelineks Text aufzuführen, die wir in der Aufführung selbst zum Thema machen, setzt sich die reale Schwierigkeit im Umgang mit dem Thema fort.

tip Weshalb ist das bewusst hergestellte und ausgestellte Scheitern an diesem Text der politischen Situation angemessen?
Nicolas Stemann All das hat mit unserer Hilflosigkeit zu tun, auf das schreiende Unrecht, das sich in der Flüchtlings­thematik zeigt, eine adäquate Antwort zu finden. Es reicht nicht, darüber nur Theater zu machen. Dennoch muss man es tun! Es wäre absurd und feige, wenn das Theater einer Auseinandersetzung mit der Frage ausweichen würde, wie diese Gesellschaft mit Flüchtlingen umgeht. Aber wenn wir das machen, müssen wir auch so ehrlich sein, zu zeigen, dass wir selbst nicht außerhalb des Problems stehen. Es wäre ein bisschen zu einfach, zu sagen, die Politik und Frontex sind schuld, und wir, die Künstler und das Publikum, sind moralisch auf der sicheren Seite und unschuldig. Wir alle, die wir sicher in diesem reichen Europa leben, sind Teil dieses Konflikts.

tip Weil wir, unabhängig von unseren politischen Überzeugungen, in unserem Alltag vom Wohlstand eines Europas, das seinen Reichtum nicht teilen will, profitieren?
Nicolas Stemann Zum Beispiel. Die Lösung des Dilemmas kann natürlich nicht sein, es sich in diesem Zynismus einzurichten. Oder sich umgekehrt in eine gut gemeinte, folgenlose Gratis-Gesinnung zu retten. Diesen Ausweg wollte ich mit dieser Inszenierung verbauen.

tip Jelinek bezieht sich auf eine antike Tragödie, „Die Schutzflehenden“ von Ais­chylos. Zur Definition der Tragödie bei Hegel gehört, dass in ihr zwei berechtigte Interessen notwendig, also nicht zufällig, miteinander kollidieren. Offenkundig besteht der Konflikt zwischen der moralischen Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen, und der Notwendigkeit, Zuwanderung politisch zu steuern?
Nicolas Stemann Mit diesen Argumenten ist man sehr schnell bei einer Rechtfertigung des Status quo. Viele der Probleme, mit denen Flüchtlinge derzeit zu kämpfen haben, sind vermeidbar. Es ist kein tragisches Schicksal, sondern die Folge der europäischen Abschottungspolitik, dass an den EU-Außengrenzen immer mehr Menschen sterben. Die Flüchtlinge, die es nach Europa schaffen, haben es mit einer Bürokratie zu tun, die sie menschen­unwürdig behandelt – zum Beispiel, wenn sich die Aufnahmeländer mit dem Dublin-2-Abkommen gegenseitig die Verantwortung für die Flüchtlinge zuschieben, wie im Fall der Hamburger Lampedusa-Gruppe. Abgesehen davon, dass es unmenschlich ist, Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken zu lassen, braucht unsere alternde Gesellschaft auch einfach Menschen, die zu uns kommen. Wir sind in Wirklichkeit längst ein Einwanderungsland. Wir brauchen die Migranten mindestens so sehr wie sie uns.

tip Diejenigen, die wir brauchen können, ­dürfen rein, und die anderen haben Pech gehabt?
Nicolas Stemann Nein. Das sind verschiedene Aspekte. Es gibt den Aspekt, dass wir Einwanderer brauchen, und es gibt den humanitären Aspekt, dass diese Menschen in Not unsere Hilfe brauchen. Sie sind vor unerträglichen Zuständen geflohen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die westliche Politik und westliche Profit­interessen mitverantwortlich sind für viele Konflikte in der Welt. Es ist zynisch, dass die Grenzen für Waren und Geld immer durchlässiger werden und man sie für Menschen immer unüberwindbarer macht.

tip Ist Ihre Hamburger Inszenierung die Fortsetzung anderer Arbeiten mit Flüchtlingen?
Nicolas Stemann Ich habe in Mannheim, Amsterdam und Hamburg mit verschiedenen Flüchtlingsgruppen gearbeitet, ich habe diese Menschen kennengelernt. Das ist keine homogene Masse, jeder hat seine Lebensgeschichte, die natürlich alle sehr unterschiedlich sind. Das vergisst man leicht, wenn man sie immer nur „Flüchtlinge“ nennt, als hätten sie keine anderen Eigenschaften. Diese Zuschreibung nimmt ihnen die Biografie und ihre Individualität. Es ist bequemer für uns, sie so zur homogenen Masse zu machen. Das schützt uns davor, zu sehen, dass jeder Einzelne, den wir abschieben, ein Mensch ist. Jeder von ihnen hatte Gründe, oft genug ziemlich schreckliche Gründe, weshalb sie ihre Heimat verlassen mussten, um zu überleben. Sie sind nicht hierher geflohen, weil sie dachten, Europa sei das gelobte Land.

tip Viele der Flüchtlinge, die bei Ihnen auf der Bühne stehen, haben keine Arbeitserlaubnis. Ist es illegal, wenn das Theater ihnen eine Gage zahlt?
Nicolas Stemann Das war bisher überall, wo wir diese Inszenierung gezeigt haben, in Mannheim, Amsterdam, Hamburg, sehr kompliziert. Natürlich sollen sie bezahlt werden. Das finde ich viel wichtiger als alle ästhetischen Fragen, die mit dieser Inszenierung zusammenhängen. Rechtlich sind wir damit in einer Grauzone. Aber ich hätte die Aufführung nicht gemacht, wenn diese Leute vom Theater nicht anständig behandelt werden. Wenn ich die Wahl habe, mich illegal oder falsch zu verhalten, begebe ich mich notfalls lieber in rechtliche Grauzonen. Wir haben am Thalia Theater mit viel Aufwand einen Weg gefunden, der anständig und wohl auch legal ist. Wie das jetzt in Berlin gelöst wird, weiß ich noch nicht: Wir wollen Berliner Aktivisten einladen, zum Beispiel über ihre Erfahrungen in der Gerhart-Hauptmann-Schule und auf dem Oranienplatz zu berichten. Rechtliche Probleme ganz anderer Art haben wir gerade bei einem Stück, das ich zusammen mit Flüchtlingen der Gruppe We are here im Januar in Amsterdam gemacht habe – eine direkte Folge des Gastspiels der „Schutzbefohlenen“ beim Holland Festival. Dieses Stück heißt „Labyrinth“ und zeigt, wie Menschen, die traumatisiert und hilfsbedürftig hierher kommen, oft jahrelang in absurden bürokratischen Prozeduren festhängen, ohne Rechte oder Schutz, auf der Straße und in Abschiebehaft. Sie werden abgelehnt, obwohl sie aus Ländern kommen, in die man nicht abgeschoben werden darf, weil dort Bürgerkrieg herrscht. Das Deutsche Theater wollte diese Produktion bei den Autorentheatertagen zeigen – das geht aber nicht, weil die Darsteller, allesamt Flüchtlinge mit unklarem Status, nicht reisen dürfen. Wir haben uns entschieden, das Stück trotzdem zu zeigen – aber in dem Zustand, in dem das Europäische Flüchtlingsrecht es erlaubt: als Inszenierung ohne Darsteller. In Form einer begehbaren Installation, in der die Amsterdamer Produktion, aber auch die Abwesenheit der Protagonisten dokumentiert wird.

tip Der Chor der Flüchtlinge wirkt in Ihrer Inszenierung neben den Schauspielern wie ein Fremdkörper – sie sind fremd auf der Bühne wie in der Wirklichkeit.
Nicolas Stemann Ja, vielleicht. Aber einen Zustand zu zeigen, heißt ja nicht unbedingt, dass man ihn gut findet. Das wird bei meinen Inszenierungen gerne missverstanden, vielleicht auch aus Denkfaulheit bei einem Teil der Theaterkritik. Wenn es jenseits von platten Parolen politisch wird, setzt offenbar die Reflexions­fähigkeit aus. Niemand kommt auf die Idee, dem Regisseur zu unterstellen, dass er Morde gut findet, wenn er „Macbeth“ inszeniert. Aber wenn man auf der Bühne drastische Bilder für reale Diskriminierung findet, glauben offenbar die naiveren Kritiker, dass man damit selbst diese Diskriminierung vollzieht. Wir zeigen zwei Dinge: erstens, dass diese Flüchtlinge Teil der Aufführung sind und für sich selbst sprechen. Und wir zeigen zweitens, was tatsächlich passiert. Unsere Gesellschaft hat für sie die Rolle des Flüchtlings vorgesehen, und die ist nicht angenehm, sondern zutiefst diskriminierend.

tip Die Schauspieler sind, vielleicht stell­vertretend für uns alle, im Umgang mit diesem Flüchtings­chor hilflos – auch weil es mit etwas gutem Willen nicht getan ist. Das wird überdeutlich ausgestellt, wenn einer der Schauspieler sagt: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch spielen.“
Nicolas Stemann Das wird zugespitzt, wenn die Schauspieler sagen: „Wir sind Pöseldorf, wir als Theater, wir als Ensemble sind Pöseldorf.“ Das ist ein wohlhabender Hamburger Stadtteil, in dem sich Anwohner gegen die Errichtung eines Asylantenheims wehren, zum Beispiel mit dem schönen Argument: Die passen doch nicht hierher, schon weil es keine billigen Einkaufs­möglichkeiten gibt. Das ist der gutbürgerliche Rassismus der Besserverdienenden. Etwas Ähnliches passiert gerade auch in Wilmersdorf. Stellvertretend für die Zuschauer erkennen die Schauspieler, dass sie Teil des Problems sind, egal, wie gut sie es meinen. So endet die Inszenierung. Dabei kann man es aber nicht stehen lassen. Wir spielen den Ball also an die Zuschauer zurück. Weil es nach den Aufführungen einen großen Gesprächsbedarf gibt, bieten wir den Zuschauern an, anschließend an Tischgesprächen mit den Beteiligten teilzunehmen. Denn bei aller Größe dieser Dilemmata, in die wir uns in der Inszenierung in solchen Szenen begeben, kann man natürlich etwas ändern. Gerade im Kleinen kann man viel tun, ganz konkret. Die Hamburger Lampedusa-Flüchtlinge haben mittlerweile zum Teil Aussicht auf An­erkennung. Ohne die Proteste wäre das nicht denkbar gewesen. Im Großen ist das natürlich ein politisches Problem, und es ist klar, dass man als Einzelner überfordert ist, auch als Theater, wenn man es auffangen will. Deshalb sind auch Totschlag­argumente wie „Dann soll Frau Jelinek die doch selber aufnehmen, wenn sie die so toll findet“ so bescheuert. Genauso wie „und während die sterben, macht ihr über die Theater“. Ja. Leider. Was denn sonst? Sollen wir lieber Ibsen spielen?

tip Jelineks Text fragt auch danach, wie wir als Gesellschaft sein wollen – nur egoistisch oder empathiefähig? Geht es bei der Frage, wie wir mit Flüchtlingen umgehen, im Kern auch um uns selbst?
Nicolas Stemann Ja. Wollen wir wirklich so sein, wie sich Europa in diesem Punkt verhält? Geht es im Leben nur um ökonomische Macht oder sind noch andere Dinge wichtig? Geht es in diesem Europa, das dauernd irgendwelche Werte wie Menschenrechte oder Demokratie hochhält, nur um Profitmaximierung und den eigenen Wohlstand? In welchem Europa wollen wir leben?

Interview:
Peter Laudenbach

Foto: Krafft Angerer

Berliner Theatertreffen
1.–17.5., Haus der Berliner Festspiele und andere Aufführungsorte,? www.berlinerfestspiele.de

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