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Interview mit Patrick Wengenroth

Interview mit Patrick Wengenroth

tip Ihr neues Stück „Leonce und Lena“ eröffnet als zweite Premiere die neue Schaubühnen-Spielzeit. Warum haben Sie sich für Büchner entschieden?
Patrick Wengenroth Büchner gefällt mir sehr, weil er wahnsinnig modern ist. Im Nachklang zu meiner Beschäftigung mit Nietzsche, Rainer Werner Fassbinder und Rainald Goetz sind mir etliche Parallelen aufgefallen – nur, dass Büchner 200 Jahre seine Ideen formuliert hat. „Leonce und Lena“ handelt in meinen Augen von Zeit, die vergeht. Zeit, die man eigentlich nutzen will, um in Gesellschaft zu sein und die Sehnsucht nach Zweisamkeit als Gegenmodell zu politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Ich empfinde auch selbst einen ähnlich dramatischen Leidensdruck wie Rainald Goetz, der sich bei einer Lesung mal die Stirn aufgeritzt hat. Auch Büchner ebenso studierter Mediziner wie Goetz, geht es darum, das Hirn aufzuschneiden, um zu sehen: „Was zuckt da?“ und „Wie funktioniert dieser Mechanismus, das Zusammenspiel von Herz, Geist und Seele?“. Apropos Zweisamkeit: In Fassbinders „Petra von Kant“ wird gesagt „Der Mensch ist so gebaut, dass er den anderen Menschen braucht; nur hat er nicht gelernt, wie man zusammen ist“. Wie wahr…

tip In Ihren Inszenierungen übernehmen Sie häufig mehrere Rollen, sind Schauspieler, Regisseur und Dramaturg in einem.
Patrick Wengenroth Diese Praxis habe ich in meiner Zeit am Theaterdiscounter begonnen. Eigentlich mache ich ja nur Theater, um selbst auf der Bühne zu singen. Unterstützt werde ich dabei seit zehn Jahren vom großartigen Musiker Matze Kloppe. Da ich seit fünf Jahren die Möglichkeit habe mit dem tollen Schaubühnen-Ensemble zu arbeiten, kennen die Schauspieler meinen Stil, für die ist das nichts Ungewöhnliches mehr. Ich will kein Dompteur sein, bei dem die Darsteller das Gefühl haben, völlig einer Konzeptwillkür ausgeliefert zu sein. Manchmal fühle ich mich wie ein Trainer, der mit seinen Spielern gemeinsam auf dem Platz steht. Öfter wünschte ich mir auch eine Auszeit, wie beim Basketball. Dann könnte man sich kurz beraten und aus einem vielleicht schlecht laufenden Abend einen geilen machen.

tip Zurück zu dem neuen Stück…
Patrick Wengenroth Klar. „Leonce und Lena“ ist übrigens mein erster richtiger Klassiker aus dem dramatischen Kanon. In der Vergangenheit habe ich zwar schon zwei bis drei zeitgenössische Werke inszeniert, sonst mich aber eher mit theoretischen Schriften von Schiller bis Brecht beschäftigt. Das wird also gewissermaßen Neuland für mich, das ich nicht selber die Komposition der Textfassung vornehme.

tip Im weiteren Verlauf reden wir über Theaterkritik, darüber wie die BILD Vegard Vinges Ibsen-Adaption („11 Stunden Ekel-Sex, Blut und Massaker – und wir alle zahlen dafür!“) zum Skandal erklärt und auch Wengenroths Beschäftigung mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ an den Pranger stellte. Die B.Z. titelte damals „Christiane-F.-Stück: Taktlose Werbung?“  und unterstellte Wengenroth, dass ihm das Schicksal der Drogenabhängigen quasi egal ist. Daraufhin:
Patrick Wengenroth Provokation ist doch für mich kein Selbstzweck. Sich provozieren zu lassen, ist immer auch dem jeweiligen Rezeptionsverständnis bzw. –missverständnis der Zuschauer, Kritiker etc. unterworfen. Was wäre denn dann der Gegenentwurf? Zum 500. Mal irgendein Stück durchs Repertoire nudeln, nur weil dieser oder jene berühmte TV-Star darin mitwirkt? Das ist ja auch das tragische Problem mit „prominenten“ Darstellern. Die Menschen kennen sie aus dem TV und kommen dann, um die mal live zu erleben. Das stellt nicht nur die Darsteller unter enormen Druck. Das hat auch nichts mit dem Stück, den Kollegen oder Regisseur zu tun. Wenn der „große Star“ dann auftritt, heißt es automatisch „Der hat alle an die Wand gespielt.“ Was macht das aber aus dem Menschen – Konsument wie Schauspieler – in diesem Moment? Das ist schade, weil es die Qualität des Theaters schmälert, wenn da einer sitzt als wäre er bloß im Kino oder dem heimischen Fernsehsessel. Ich erinnere mich an Zeiten, zu denen Herbert Fritsch noch auf der Bühne stand und seine Szene 20, 30 oder auch 45 Minuten in die Länge gezogen hat, es war egal, man wusste ja, dass es irgendwann weiter geht.

tip In dieser Saison wird auch die „Autorenklub“-Reihe fortgeführt, dessen erste Ausgabe sich –natürlich– Büchner hinwendet.
Patrick Wengenroth Um es prollig zu sagen: Büchner ist einfach geil. Stell dir mal vor, der war privat und politisch völlig am Ende: Er hat eine Frau geliebt, die er nicht lieben durfte und nur selten sehen konnte und er hat politisch extrem gelitten. Er wollte die Revolution vorantreiben, alle seine Mitstreiter wurden eingekerkert und er sitzt dann im stillen Kämmerlein und schreibt für sich selbst diesen Wahnsinn runter – nur für sich, um diesen Druck irgendwie aushalten zu können. Die Kombination aus Sprachgewalt und Alltagssprech fasziniert mich besonders. Da gibt es auf der einen Seite schönste Poesie, dann wirkt’s wieder zerscratcht wie eine HipHop-Scheibe. Die ungeheure Kraft, die sich da in Büchners Werken entfaltet, ist mir wichtiger als jeder Furz von Goethe und Schiller. Heutzutage kann ich mein Theater als Beruf machen und sogar halbwegs davon leben. Büchner hingegen hat sich, selbst als er schon totkrank war, an seinen Werken abgearbeitet – ohne Aussicht auf Erfolg. Das hat er alles für sich selbst gemacht.

tip Dann reden wir über die anstehende BE-Saisoneröffnung. Auf dem Spielplan steht – wer hätte es gedacht – Büchner, mit „Woyzeck“, in der Version von Leander Haußmann. Da erinnert sich Patrick Wengenroth an seinen Karrierebeginn:
Patrick Wengenroth Gotscheff, der ja mit Haußmann in Bochum war,  war ja quasi mein Regie-Ziehvater. Was die damals gemacht haben, war schon genial. Ich meine, auch Peymann war ja angeblich  in den 70ern irgendwie revolutionär. Da wäre ich gerne beigewesen. Mittlerweile sind die alten Herren ja oft nur noch Schatten ihrer selbst. So wie ein Matthias Lilienthal alle paar Jahre neue Wege einzuschlagen, ohne einzuschlafen, ist nicht so leicht. Nochmal zur Rolle des Theaters: Alexander Scheer war in „Sonnenallee“ wirklich gut, aber ich gucke ihn mir dann doch viel lieber in einem Castorf-Abend live an, auch wenn der sieben Stunden dauert. Theater muss schließlich wie Theater sein. Jeder Abend wird live generiert, würde es mechanisch ablaufen, könnte man es auch einmal abfilmen und gut ist. Das ist auch das schöne an Büchner. Er sagt nicht: Die Welt ist so und so und boing. Er sagt, die Welt ist furchtbar anstrengend und nie gleich. Das sieht man auch in „Leonce und Lena“. Die Menschen sind halt abhängig voneinander.   

Interview: Maximilian Müller

Foto: Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena ab 4.9. in der Schaubühne

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