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Interview mit Philipp Stölzl über seine ­„Parsifal“-­Inszenierung

ParsifalHerr Stölzl, an der Deutschen Oper debütierten Sie vor zwei Jahren mit Wagners „Rienzi“. Die Inszenierung war von filmischen Anspielungen und einem ironischen, parodistischen Gestus geprägt. Haben Sie Ähnliches auch bei „Parsifal“ vor?
Bei „Parsifal“ arbeite ich nicht mit Film. Ich bin ja hauptsächlich Filmemacher und gerade deshalb in der Regel auf der Bühne gar nicht so wahnsinnig an Film interessiert. „Parsifal“ ist wirklich so etwas wie Wagner in Reinform. Am Ende seines Lebens fließt da noch einmal alles zusammen, was er an Themen und an musikalischer Finesse hat. Und das alles mischt sich dann, verrückt genug bei Wagner, mit dem Christentum, zu dem er kurz vor knapp doch noch findet. Ich glaube, bei „Parsifal“ tritt einem Wagners Gesamtkunstwerk in seiner intensivsten Form entgegen. Es ist gleichzeitig total persönlich und weltverbesserisch und ein musikalisch so genialer Wurf, dass man dem mit Ehrfurcht, mit Begeisterung und einer Liebe zum Stück entgegentritt, um zu fragen: Was meint denn dieses verrückte Wagner-Privat-Christentum? 

Die berühmten Schlussworte – „Erlösung dem Erlöser“ – klingen nicht besonders katholisch …
Nein, katholisch ist das Stück garantiert nicht. Aber es ist eine Annäherung an das, was Jesus Christus ausmacht, wie er in die Welt hineintritt und wieder aus ihr geht. Und natürlich ist es auch eine Annäherung an Wagner selbst. Das ist das Tolle, dass sich da auf völlig ungehemmte Weise das Private mit dem Religiösen mischt. Deswegen ist das ganze Stück auch so kryptisch. Und eigentlich habe ich dabei das Gefühl, dass man das auch gar nicht näher entschlüsseln muss und soll. Bei „Parsifal“ gibt es nur zwei Wege: Entweder wie bei Christoph Schlingensief, 2004 in Bayreuth, oder wie bei Stefan Herheim in Bayreuth 2008. Entweder du nimmst die Musik und legst einfach deine eigene Geschichte drüber, also quasi Collage-Kunst auf abstrakter Musik. Der andere Weg, und das versuchen wir, ist die komplette Entschleunigung, sodass von Anfang an klar ist, hier gilt ein anderes Zeitmaß, Wagners Zeitmaß. Ich habe immer das Gefühl, schon im ersten Akt passiert eigentlich so wenig, dass man schon nach dem ersten Gralsritual ein bisschen ermüdet ist, auch durch diese sich sehr gleichförmig wiederholenden Motive. Und ich behaupte einfach mal, dass die Kraft des Werkes auch aus seiner Langsamkeit besteht: Das Stück ist viereinhalb Stunden lang und nichts passiert. Andererseits versuchen wir, Klarheit zu schaffen: Wo kommt der Gral, wo kommt die Lanze her? Bei Wagner gibt es ja immer diese Unmengen an Backstory. Wir versuchen, szenisch auch Sachen darzustellen, die in dem Stück einfach nur erzählt werden. Wir wollen uns genau anschauen, was da erzählt wird, und versuchen, auf eine sinnvolle und verdichtete und szenisch kraftvolle Weise umzusetzen, was da Sache ist.

Philipp_StoelzlWas da Sache ist, ist allerdings alles andere als klar, oder?
„Parsifal“ ist sozusagen eine musikalische Wolke, die ein Rätsel umhüllt. Ich glaube, man muss darauf achten, welche Themen und Kraftpunkte das Stück ausmachen: Die geheime Ritterschaft, der Gral und die Lanze, die sich direkt auf die Kreuzigung Christi beziehen. Dann diese verrückte Frauenfigur Kundry, die das ganze Stück über demütig leidet und am Schluss ihre Sprache verliert und zwischendurch im zweiten Akt als eine Mischung aus Femme fatale und Mutterfigur agiert. Letzlich ist das purer Surrealismus und gehorcht mehr den Gesetzen des Traumes als einer kohärenten Dramaturgie. Was ich daran spannend finde, ist die Frage nach den Ritualen von Religion, die Frage, wie ein Mythos eigentlich entsteht und wie daraus ganz schnell blutiger Fanatismus wird.

Interessieren Sie die religiösen Motive?
Ich bin zum Beispiel ursprünglich Katholik und mich hat immer fasziniert, dass in der Eucharistie der Wein hochgehoben wird und sich in das Blut Christi transformiert, eine Transformation, die eigentlich nur im Kopf stattfindet. Genau diese Faszination führt mich dazu, auf klassische Bühnentransformatione zu verzichten. Wagner  beschreibt all diese Transformationen wahnsinnig kraftvoll musikalisch. Zum Beispiel das Finale des 1. Aktes, mit der Transformation zur Gralskirche, mit den Chorlagen, die aus verschiedenen Höhen kommen, da wird eine gewaltige räumliche Reise nur mit dem Orchester beschrieben. Da kann man noch so viele Podien auf der Bühne rauf- und runterfahren lassen, das wird niemals die spirituelle Qualität haben, die Wagner komponiert hat. Es ist sinnvoller, das in der Imagination zu lassen. Es ergreift einen die Kraft dieser Musik, auch die des Rituals, man kapiert ein bisschen, wie Religion eigentlich funktioniert: Als Ritual, Ekstase, spirituelle Versenkung.

Pierre Boulez hat einmal gesagt, bei „Parsifal“ handele es sich nicht um die Feier eines fiktiven Kultus, sondern um die Manifestation eines metaphysischen Gedankenguts, das sich zwischen Siechtum und Kraft bewegt. Stimmen Sie zu?
Tatsächlich ist das so, ein Großteil der Oper siecht so dahin. Als Eröffnung haben wir deshalb auch eine Kreuzigung. Mit diesem langsamen Sterben setzt man ein Thema für den ganzen Abend.                            

Interview: Andreas Hahn
FotoS: Matthias Baus; Andre Rival

Parsifal (Termine)
Deutsche Oper,
z.B. am So 21.10., 16 Uhr, Do 25.10., 17 Uhr, So 28.10., 16 Uhr, So 4.11., 16 Uhr,
Karten-Tel. 34 38 43 43

Philipp Stölzl, Jahrgang 1967, geboren in ­München, ist ausgebildeter Bühnenbildner. Er arbeitete unter anderem regelmäßig mit dem Regisseur ­Armin Petras. Seit den späten 1990er-Jahren dreht er Werbefilme und Musikvideos. Bekannt geworden ist er dabei mit Videos für die deutsche Pathosrockgruppe Rammstein („Stripped“, 1998) und Madonna („American Pie“, 2000). Seit zehn Jahren ist Stölzl Spielfilm­regisseuer ( „Baby“, 2002, „Nordwand“, 2008, „Goethe!“, 2010). Seit 2005 inszeniert der Regisseur auch Opern. An der Deutschen Oper zeigte er vor zwei Jahren zusammen mit seiner Ko-Regisseurin Mara Kurotschka Richard Wagners Jugendwerk ­„Rienzi“. Dem folgt jetzt, wieder in Zusammenarbeit mit Kurotschka, die Inszenierung von Wagners letzter Oper „Parsifal“.

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