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Interview mit Philipp Stölzl

Interview mit Philipp Stölzl

tip Herr Stölzl, Sie inszenieren oft deutsche Stoffe, vorzugsweise von Wagner, und Künstlerdramen. „Faust“ war gar nicht zu vermeiden!?
Philipp Stölzl Der „Faust“ passt in meine Sammlung. Wobei ich mir Stoffe eher instinktiv suche. Alles, was älter ist als das 19. Jahr­hundert, sagt mir nicht so viel. Nicht mal Mozart, den ich mehrfach redlich bei mir herumgewälzt habe. Ich kippe, glaube ich, vor allem bei romantischer, suggestiver Musik. Außerdem mache ich wegen der Filme nur einmal pro Jahr Oper, was die Auswahl kleiner und zufälliger macht. Das Gute dran ist, dass bei mir selber nie ein Abo-Gefühl aufkommt.

tip Gounod verwandelt Goethes alten Sinn­sucher in einen flotten lyrischen Tenor. Sollte man die Oper unabhängig von Goe­the betrachten?
Philipp Stölzl Nicht unbedingt. Die Franzosen haben das Stück ja im Prinzip auf die tragische Liebes­geschichte verdichtet. Goethes philosophischer Überbau, das ganze Welttheater, ist alles raus. Und das tut dem Stück gut, es wird plötz­lich ein dichtes, emotionales Melodram, mit Margarete im Zen­trum. Der Goethe-„Faust“ war eins meiner aller­ersten prägenden Theater­erlebnisse, in München, an den Kammerspielen. Dieter Dorn hat das Stück in einer kleinen, gelben Kiste erzählt, mit viel Theater­zauber, Helmut Griem als Faust, die junge Sunnyi Melles als Gretchen. Danach wollte ich unbedingt zum Theater.

tip Und Murnaus „Faust“-Film?!
Philipp Stölzl Toller Film! Die Bilder haben eine ikono­grafische Wucht, und es ist sehr clever erzählt. Der Faust ist einfach ein Stoff, der viel ab­kann, total bühnen- und film­wirksam. Auch bei Gounod, das läuft total rund. Der Rhythmus stimmt, man versteht die Figuren, ihre Pro­bleme, Sehn­süchte, die Wendungen. Die Produktion ist ja eine Überarbeitung meiner Baseler Inszenierung. Den Theater­zauber haben wir weggelassen. Faust hängt schon zu Anfang an einem Beatmungs­gerät, im Rollstuhl, wie ein uralter Stephen Hawking, der sich verzweifelt nach dem Leben sehnt.

tip In Berlin haben Sie Ihre größten Erfolge erlebt, zum Beispiel „Rienzi“. Aber auch den größten Reinfall: „Or­pheus in der Unterwelt“. Färbt so etwas auf die künftige Arbeit ab?
Philipp Stölzl Na ja, man versucht, aus Fehlern zu lernen. Es hat keinen Sinn, wenn man sich krampf­haft verbiegt für den Erfolg. Der ist eine relative Größe. Kritiken, Publikum, Folge­angebote, was zählt da eigentlich? Am Ende versucht man vor allem, selber zufrieden zu sein. Ich bin  Gott sei Dank relativ entspannt, weil der Film immer noch mein Haupt-Lebens­inhalt ist. Auf der Oper ist da weniger Druck. Letztes Jahr hab ich mit Schauspiel angefangen, mit einer Roman­adaption von Shelley’s „Frankenstein“, wieder in Basel. Hat mir große Freude gemacht.

tip Dumm gefragt: Ist die Verpflichtung auf deutsche Stoffe bei Ihnen Ausdruck der Tatsache, dass man Sie als Sohn eines CDU-Politikers wahrnimmt?
Philipp Stölzl Wirklich eine blöde Frage! Ich muss allerdings einräumen, dass die Leute tatsächlich oft „Christoph“ zu mir sagen, als gäbe es da so eine Art Überblendung mit meinem Papa. Ich habe kein Problem damit, aber manchmal denke ich, es könnte sich auch mal langsam umdrehen …

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Matthias Baus

Faust Deutsche Oper, Fr 19.6., Mi 24.6., Sa 27.6., Di 30.6., Do 2.7., Sa 5.7., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 34 38 43 43

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