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Interview mit Rainald Grebe

Interview mit Rainald Grebe

tip Herr Grebe, Sie sind in Frechen aufgewachsen, einer Kleinstadt bei Köln. Wie viel Frechen steckt in Berlin?
Rainald Grebe?Das sind die ganzen Klein­städter, die ihre kleine Stadt mitschleppen.

tip Und man protestiert gegen Straßenumgestaltungen. Ist das Kleinstadtmentalität?
Rainald Grebe Das würde ich nicht so sagen. Wenn man jetzt zum Beispiel die Kastanien­allee sieht, da gab es ja den großen Protest dagegen. Stoppt K 21! Riesiger Aufmarsch. Und da ist es ja inte­ressant, dass viele von den Läden jetzt tatsächlich kaputt­gehen. Nur, weil das Pflas­ter jetzt sauberer ist und einen Meter schma­ler!

tip Können die Leute in Ihren Konzerten über sich selbst lachen, wenn Sie im Lied „Prenz­lauer Berg“ singen: „Wäre Hertha BSC ein Yoga-Verein, hier wär alles blau-weiß“?
Rainald Grebe Na ja. Ich wohne ja selber da. Ich laufe nicht durch die Welt und sage: „Du Arschloch!“ Auch in „Brandenburg“ heißt es: „Ich fühle mich heute so leer.“ Ich! Das ist mein Seelenzustand. Insofern ist es nie so, dass ich da jemanden verletze. Es sind alles Beziehungs­geflechte.

tip Wo, wie bei vielen Ihrer Lieder, das Knallige, das Hau-drauf-Lustige, so wunderbar ins Melancholische, ins Tragische kippt.
Rainald Grebe Manche sehen halt nur das Knallige, manche nicht. Ich sehe beides. Ich muss da auch weinen bei den Liedern. Zumindest, wenn ich sie schreibe. Dann werden sie gut. Ich sage ja immer: Ich lüge nicht. Jede Zeile muss irgendwas treffen. Sonst würde ich sie nicht singen.

tip Was ist eigentlich aus Ihrer Haussuche in Brandenburg geworden?
Rainald Grebe Das Haus habe ich. Da stehen Apfelbäume auf dem Feld herum. Dann kommen Freunde. Und wir ernten und machen Apfelsaft.

tip Ist das Landleben so, wie es in Rainald-Grebe-Liedern steht? Etwa so: „Dirk holt aus seinem Erdkeller das Dinkelbier.“
Rainald Grebe Diese Leute gibt’s da auch. Es gibt die unterschiedlichsten Leute auf dem Land. Erst mal die, die da herkommen. Die sind ja auch sehr speziell. Und dann gibt’s die Bouletten, da gehören wir dazu.

tip Die bitte was?
Rainald Grebe So heißen alle, die zugezogen sind. Ich habe mal nachgefragt. Die aus Leipzig sind auch Bouletten. Es gibt also die Dorfis, und es gibt die Bouletten. Das ist die Mischung auf dem Land.

tip Und wie bekommt Ihnen das Land so?
Rainald Grebe Das ist super. Ich habe keinen Empfang, da ist Funkloch. Wir proben in der Scheune jetzt auch mit der Band für die Wuhlheide.

tip Der nächste Nachbar ist weit genug weg?
Rainald Grebe Erstaunlicherweise sind die immer total nett. Die hören das ja schon im ganzen Dorf.

tip Wie laut wird es denn in der Wuhlheide?
Rainald Grebe Man muss schon mal aufdrehen. Der Anwalt sagt, bis um 23 Uhr dürfen wir.

tip Vor vier Jahren haben Sie in der Wald­bühne schon mal so ein Spektakel veranstaltet, im tiefsten Westen. Jetzt steht die Wuhl­heide-Bühne für den Osten – und die ­Weltfestspiele 1951 und 1973. Die sind ­Ihre Inspiration. Wieso denn gerade die Spiele?
Rainald Grebe Die fanden da statt. Bei der Waldbühne hatten wir Olympia 1936, die Rolling Stones, Boxwettkämpfe. Bei der Wuhlheide liegt die Geschichte ein bisschen im Trüben. Das Einzige, was ich gehört habe, ist, dass da FDJ- und Partei­veranstaltungen waren. Und eben diese Weltfestspiele. Also spiele ich mit zwei Dingen. Das eine sind die Weltfest­spiele. Das andere ist Volksmusik. Das sind meine Trigger­punkte. Die alte Zeit wird zitiert. Wie der Einlauf ins Stadion mit rhythmischer Sport­gymnastik. Wir werden auch Pionier­lieder singen.

tip Sie haben schon richtig Spaß daran, sich an solchen Ritualen abzuarbeiten, oder?
Rainald Grebe Überhaupt, dass ich in so ein Stadion darf! Zum zweiten Mal. Vielleicht ist es das letzte Mal, das weiß ich nicht. Mit dem Stadion zu spielen, das ist meine Lust daran. Diese Massen­spektakel. Die großen Aufmärsche. Mit dem Publikum zu spielen. Das ist dann auch wieder Rock’n’Roll! Diese Stadion­riten.

tip Wer macht so alles mit?
Rainald Grebe Ich freue mich, dass Gotthilf Fischer dabei ist.

tip Der ist mir zuletzt aufgefallen, als er bei der Love Parade Ecstasy genommen hat.
Rainald Grebe Mir auch! Auch schon wieder 15 Jahre her. Und Olaf Schubert aus Sachsen kommt, wegen Pegida­. Weltfest­spiele! Grüße aus Sachsen!

tip Wegen Pegida?
Rainald Grebe Im Januar, als Pegida groß wurde, war ich in Marokko. Ich habe einen Freund, einen Marokkaner, der mir sein Land gezeigt hat. Wir hatten im März gemeinsam einen Auftritt in Dresden, wo ich ihn als Bürgermeisterkandidaten vorgestellt habe. Und er sein Programm für Dresden. Minarette hier und da. Das war für das Publikum schon sehr verstörend.

tip Kann ich mir vorstellen.
Rainald Grebe Ich habe ja keine Lösung. Ich mache nur die Widersprüche fett. Deshalb: Diese Welt­fest­spiele, Pegida, Dresden. Das ist mein Futter.

tip „Halleluja Wuhlheide“ war ursprünglich schon für Herbst vergangenen Jahres geplant. Wieso haben Sie die Veranstaltung dann noch einmal verschoben ?
Rainald Grebe Ich hatte mich letztes Jahr übernommen. Da hatte ich gerade in Köln eine Inszenierung gemacht, dann die Tour, dann kam Theater in Hannover und Frankfurt am Main. Da hatte ich tatsächlich – ich will nicht sagen, einen Burn-out, aber ich habe gemerkt, ich schaffe das nicht. Ich weiß ja, was es heißt, so ein Stadion vollzumachen. Mit dem ganzen Werbe­aufwand. Ich war auch im Kranken­haus, ich hatte Rheuma­anfälle. Ich war einfach durch.

tip Vielleicht doch öfter mal kürzer­treten?
Rainald Grebe Es gibt immer Phasen, wo ich ein bisschen weniger mache. Wie dieses Jahr. Aber besser geht’s mir damit nicht. Das ist ja das Problem.

tip Das klingt aber schwer nach Ruhe­losigkeit.
Rainald Grebe Ja, noch. Aber was habe ich gerade gelesen? Castorf ist noch 20 Jahre älter als ich. Der macht ein Ding nach dem anderen, ein Ding nach dem anderen! Nicht aufhören. Gar nicht in den Zustand kommen, dass man mal Pause macht. Das ist ja die Krankheit. Wenn es eine ist. Vielleicht ist es auch einfach der Beruf.

tip So ein Alarm­signal des Körpers sagt einem aber schon, dass man keine 28 mehr ist.
Rainald Grebe Auf jeden Fall. Vorher habe ich auf nichts geachtet. Das geht einfach irgendwann nicht mehr. Jetzt habe ich auch mal aufgehört zu rauchen. Vier Monate. Gar nicht so schlecht.

tip Sie könnten doch mal Yoga ausprobieren.
Rainald Grebe Ich bin ja so unsportlich …

tip Oder diese tolle neue Geschmacksrichtung, von der jetzt alle schwärmen: vegan.
Rainald Grebe Ist mir vegal.

tip Geht’s nach der Wuhlheide dann also drei Wochen zu den Apfelbäumen aufs Land?
Rainald Grebe Danach habe ich einen Tag Pause. Oder zwei. Dann gehen die Vorproben für die Schaubühne im Herbst los. Ein Stück über West-Berlin.

tip So richtige Ruhe ist das aber auch nicht.
Rainald Grebe Nee. Aber weniger als sonst. Doch ich habe mich dann ja auch gefragt: Soll ich jetzt gar nichts mehr machen, wenn der Körper sagt: Ich will gar nicht mehr? Wäre auch Scheiße. Nein, ich will arbeiten. Es macht mir ja Freude.

Interview: Erik Heier

Foto: David von Becker

Halleluja Wuhlheide mit Rainald Grebe & Das Wuhlorchester ?und knapp 200 Mitwirkenden, ?u.?a. Gotthilf Fischer, Thomas Quasthoff, Olaf Schubert, Friedens­tauben, Bio-Feuerwerk-Erfinder Hans Krüger und Star-Kamel Yussuf. ?Kindl-Bühne Wuhlheide, Straße zum ?FEZ 4, Köpenick, Sa 20.6., 19.30 Uhr

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