• Kultur
  • Theater
  • Interview mit Robert Stadlober über seine Theaterrolle in „Der Firmenhymnenhandel“

Theater

Interview mit Robert Stadlober über seine Theaterrolle in „Der Firmenhymnenhandel“

Robert_StadloberHerr Stadlober, Sie spielen am Heimathafen in einem Stück mit dem schönen Titel „Der Firmenhymnenhandel“. Weshalb braucht ein Unternehmen eine eigene Hymne? Und weshalb bitte ist das der Stoff für ein ganzes Theaterstück?
ROBERT STADLOBER Die Jungmanager, die in dem Stück eine Firmenhymne in Auftrag geben, wollen damit den Zusammenhalt in der Belegschaft stärken. Die Mitarbeiter sollen sich mit ihrem Arbeitsplatz identifizieren, mit dem Unternehmen und mit dem Produkt, das sie herstellen. Die Firmenhymne wird hauptsächlich intern verwendet, das ist kein Jingle für die Werbung, es geht eher darum, dass man bei der Weihnachtsfeier eine Hymne hat, die man nach dem fünften Bier zusammen rausschmettern kann. Es geht da­rum, dass die Leute über diese Erpressung zur Identifikation mit der Firma noch beschissenere Arbeitsbedingungen akzeptieren sollen, weil sie ja für so eine tolle Sache arbeiten.

Weil moderne Unternehmen nicht nur die Arbeitskraft und Lebenszeit ihrer Mitarbeiter wollen, sondern auch noch ihre Gefühle: Die Firma will den ganzen Menschen?
Genau. Die Stewardess soll nicht mechanisch lächeln, sie soll mit echter Freude lächeln und die verdammte Fluglinie, die sie ausbeutet, gefälligst lieben. Verkäufer im Apple-Shop sollen die schlechte Bezahlung und die straffe Disziplin begeistert akzeptieren, weil sie ja diese tollen Apple-Produkte verkaufen dürfen, mit denen sie sich bitte schön identifizieren sollen. Der alte Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit, das Bewusstsein, dass ich diesen Job nur mache, um das nötige Geld zu verdienen, der wird mit der Ideologie moderner Dienstleistungsunternehmen aufgeweicht. Firmenhymnen stehen genau für diese Ideologie.

Es waren idyllische Zeiten, als Marxisten noch die entfremdete Arbeit im Kapitalismus beklagen konnten. Ist heute der Dienstleistungsjob nicht mal mehr entfremdet?
Oder doppelt entfremdet, meta-entfremdet.

Künstler waren auch hier wieder mal ihrer Zeit und dem Arbeitsmarkt voraus. Von jedem Schauspieler wird erwartet, dass er sich mit seiner Arbeit identifiziert oder zumindest so tut, egal wie debil der Fernsehfilm oder die Theaterinszenierung ist, in der er gerade sein Gesicht vorführt.
Stimmt, zumindest bei dem, was man öffentlich sagt. Das wird vertraglich abgesichert. Aber man muss etwas differenzieren bei dem, was da hergestellt wird. Sich mit einem Theaterabend zu identifizieren, ist etwas anderes, als wenn die Firma verlangt, sich mit einem Schraubenzieher, einem Audi oder einem iPad zu identifizieren. Natürlich macht es Sinn, dass ich mich mit einem Theaterabend identifiziere, wenn ich da mitspiele. Sich mit einem technischen Gerät oder mit irgendeinem Industrieprodukt identifizieren zu sollen, ist schon etwas anderes.

Was passiert im „Firmenhymnenhandel“? Wenn ich es richtig verstanden habe, will  eine Nachwuchsführungskraft die Firma modernisieren?
Die Tochter des Hauses kommt aus der kritischen Pop-Linken. Sie hat sich in verschiedenen Studienfächern versucht, ist dann aber an der harten Arbeitswelt gescheitert. Sie kehrt in die schützenden Arme von Papi zurück und tritt ins väterliche Unternehmen ein. Sie hält die Illusion aufrecht, dass sie sich im Unternehmen mit den Ideen, die sie früher mal verfolgt hat, verwirklichen kann. Da kommen die Firmenhymnenhändler ins Spiel. Ich spiele einen alten Bekannten von ihr aus linken Zeiten und soll ihr jetzt eine Hymne liefern.

Und der linke Pop ist problemlos anschlussfähig an die Spiele der Mitarbeitermotivation im modernen Kapitalismus?
Das ist das Erbe der Postmoderne: Man schneidet sich seine Ideologie immer für die jeweilige Lebenssituation zurecht.

Das soll vorkommen. Sie haben ja auch den einen oder anderen Film gemacht, der nicht unbedingt ein linksradikales Manifest war.
Definitiv. Ich sehe das inzwischen pragmatisch. Ich muss auch meine Miete bezahlen.

Ist es gut fürs Image, neben den kommerziellen Projekten auch mal kapitalismuskritisches Theater zu spielen?
Ich mache das, weil ich das will, nicht für irgendein Image. Ich glaube auch nicht, dass es unbedingt besonders gut für die Karriere ist, wenn ich linke Positionen vertrete. Das hätte mir vielleicht vor 20 Jahren geholfen. Im Moment herrscht in der deutschen Filmszene ein anderer Zeitgeist. Die meisten sind pragmatisch und versuchen, ihre Felle ins Trockene zu bringen. Es klafft einfach eine große Schere zwischen Low-Budget-Autoren-Kino und kommerziell wahnsinnig erfolgreichen Filmen. Wie die aussehen, wissen wir alle, ich muss da keine Namen nennen. Am anderen Ende gibt es Leute, die sich selbst ausbeuten für ihre Filme und sich selbstironisch Berliner Sonderschule nennen. Bei solchen Projekten mit praktisch keinem Etat habe ich auch schon mitgemacht.

Weshalb ist es für Sie interessant, für eine vermutlich lächerlich kleine Gage Theater zu spielen?
Das ist eine große Spielwiese, auch wenn das jetzt fürchterlich klischiert klingt. Beim Theater reden einem nicht so viele Verantwortungsträger rein wie beim Film, einfach weil es billiger herzustellen ist. Man kann vor sich hin albern oder ernsthaft Positionen ausprobieren und Inhalte vermitteln, die man sonst vielleicht nicht vermitteln kann. Theater ist für mich im Prinzip vor allem eine Denkarbeit, ich bin auch kein ausgesprochen physischer Schauspieler, der dauernd Saltos schlagen muss. Thomas Ebermann, der Autor und Regisseur von „Der Firmenhymnenhandel“, hat das Stück mit uns Schauspielern als Kollektivleistung entwickelt, die Arbeit war ein gemeinsames Lernen voneinander.

Thomas Ebermann, ein Linksradikaler, war einer der Mitgründer der Grünen, aber als sie ihm zu sozialdemokratisch und reformistisch wurden, hat er sich von der Partei verabschiedet. Heute kippt er gerne Hohn und Spott über die Grünen. Was schätzen Sie an Thomas Ebermann?  
Thomas Ebermann ist in meinen Augen einer der klügsten Köpfe in diesem Land. Was er in den letzten 20 Jahren politisch von sich gegeben hat, spricht mich stark an. Ich finde seine politische Konsequenz bewundernswert. Er ist sehr früh aus der sich abzeichnenden Karriere als Berufspolitiker ausgestiegen, als er mit der Politik der Grünen nicht mehr einverstanden war. Und er ist im Umgang ausgesprochen angenehm und frei von Hierarchien, er muss andere nicht kleinmachen, um sich gut zu fühlen.
Sie haben mit 15 Jahren nach den ersten großen Film-Erfolgen die Schule abgebrochen. Ist das Theater und die Arbeit mit Thomas Ebermann für Sie so was wie …
… meine Ersatz-Uni? (lacht). Auf eine gewisse Art und Weise bestimmt. Ich bin nicht schul- oder unigebildet, ich bin eher kneipengebildet. Am Theater habe ich eine Möglichkeit gefunden, auch ohne Bier mit Leuten ernsthaft über Dinge zu reden.


Interview:
Peter Laudenbach

Der Firmenhymnenhandel
Heimathafen Neukölln, 8.–10.12., 20 Uhr, ­Karten-Tel. 61 10 13 13

Thomas Ebermann: Der Firmenhymnenhandel
Verbrecher Verlag, 120 Seiten, 19 Euro (erscheint im Februar)

weitere Theaterinterviews:

Die Opernintendanten Barry Kosky und Hans Neuenfels im gemeinsamen Interview

Gespräch mit Frank Castorf über 20 Jahre Volksbühne

Interview mit Opernregisseur Philipp Stölzl über „Parsifal“ 

Startseite Theater und Bühne in Berlin

 

Mehr über Cookies erfahren