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Interview mit Robert Wilson

Interview mit Robert Wilson

Robert Wilson, 1941 in Texas geboren, studierte BWL und Architektur. In den 1970ern prägte der Regisseur, Autor und Lichtdesigner Manhattans Theaterszene. Legendär ist die Kooperation mit Philip Glass für die Oper „Einstein on the Beach“ (1976). Seitdem verstärkt Theater-Produktionen in Europa, oft mit Pop-Stars wie Tom Waits oder Rufus Wainwright. Am BE inszenierte er zuletzt „Shakespeares Sonette“ (2009), „Lulu“ (2011) und „Peter Pan“ (2013). 2014 entwarf er das Lichtdesign für Lady Gagas und Tony Bennetts Jazz-Duette.

tip Herr Wilson, haben Sie schon mal einen Pakt mit dem Teufel geschlossen?
Robert Wilson Allerdings, mit diesem „Faust“-Projekt. Und ich versuche gerade, das heil zu überstehen. (lacht)

tip Goethe hatte schon als Kind Kontakt mit dem Faust-Mythos. Ihnen als Texaner ging es sicher anders … ?
Robert Wilson Ich wuchs auf in einer extrem konservativen, rassistischen Gegend. Religiöse Fanatiker. Das Theater galt als Haus der Schande – als würde man sich mit Prostituierten einlassen. In der Junior High School konnte man jeden Freitag um zwei Uhr einen Namen auf einen Zettel schreiben und in eine Box stecken, wenn man jemand dabei beobachtet hatte, dass er während der Woche sang oder tanzte oder ins Theater ging. Alle 600 Kinder auf der Schule beteten dann für diese Menschen.

tip Dort konnten Sie nicht bleiben.
Robert Wilson In der Stadt, in der ich lebte, gab es keine Kunstgalerien. Ich ging dann einmal als Schüler nach New York ins Metropolitan Museum, um klassische Kunst zu sehen. Von zeitgenössischer Kunst hatte ich keinen Schimmer. Das war also ein richtiger Schock! Ich behielt immer im Hinterkopf, dass das der Ort ist, wo ich eigentlich hinwill. Doch meine Familie entschied für mich, dass ich in Texas bleiben sollte. Nach drei Jahren sagte ich: Ich will hier weg! Ich mache Architektur! Das erschien mir seriöser als Malerei. Das war ein ganz anderes Leben in New York: Künstler auf den Straßen, in den Kirchen, Galerien, auf Häuserdächern und in den Gassen. Das waren die Sechziger! Eine richtige Explosion – in der Musik, im Tanz, in den bildenden Künsten. Das war meine Ausbildung. Ganz anders als die von Goethe.

tip Sie haben Gertrude Steins „Doctor Faustus Lights the Lights“ inszeniert und auch Manzonis und Gounods „Faust“. Woher rührt diese Faszination für den Stoff?
Robert Wilson Auch als ich mit Tom Waits und William S. Burroughs „The Black Rider“ entwickelte, ging es um einen faustischen Pakt – aus einer deutschen Geistergeschichte aus dem 17. Jahrhundert. Ich glaube, es ist eines dieser ganz universellen Themen. Jetzt widme ich mich endlich dem Original. Vielleicht habe ich mich all die Jahre lang bloß für Goethes Meisterwerk aufgewärmt.

tip Was macht den Stoff für Sie so universell?
Robert Wilson Für mich ist das eine sehr östliche philosophische Idee, das Prinzip von Yin und Yang: Der Himmel kann nicht ohne die Hölle existieren und umgekehrt. Sie sind zwei Hälften einer Welt – nicht wie George Bush sagte: „Wir müssen den Terror bekämpfen. Es gibt die Good Guys und die Bad Guys.“

?tip Wie gehen Sie auf der Bühne mit Goethes „Faust“, mit diesem riesigen Text-Gebirge um?
Robert Wilson ?Ich versuche es als eine einzige Welt zu begreifen. Wir sind noch nicht so weit, weil wir mit den Proben so sehr in Verzug kamen, aber: Am Ende werden wir nicht mehr wissen, wer Faust und wer Mephisto ist. Sie bilden eine Einheit. Nicht zwei Stimmen, sondern eine Stimme in mehreren Farben. Es geht für mich um eine Figur.?

tip Der zweite Teil des Stücks ist ohne Vorkenntnisse in vielen Passagen fast unverständlich. Wie gehen Sie damit um? ?
Robert Wilson Nicht 1+1=2, sondern 2=1. Es gibt den ersten und den zweiten Teil, aber sie sind doch eines. So wie meine rechte und meine linke Gehirnhälfte zusammengehören. Goethe bietet uns den Plot in „Faust I“ an, eine einigermaßen logische Abfolge von Handlungen. In „Faust II“ verfährt Goethe wie ein Künstler aus dem 21. Jahrhundert. Er setzt Kontrapunkte. Faust ist mal hier, mal dort. Als Regisseur muss man diesen unterschiedlichen Welten gerecht werden und dem, wie sie sich kontrastieren und komplementär zusammenfügen. Im ersten Teil geht es für mich darum, Dinge im Raum abstrakt zu sammeln. Und Dinge wieder abzuziehen. Addition und Subtraktion.  „Faust II“ ist wie ein Korridor, eine Passage – räumlich und zeitlich eine ganz andere Konstruktion. Eine Reise, auf der wir mal hier, mal da sind. Vogelschwärme, Tierherden.

?tip Seit der Finanzkrise wird oft das Papiergeld aus „Faust II“ zitiert. Betonen Sie solche aktuellen Aspekte? ?
Robert Wilson Es ist ja einfach da. Das muss man nicht updaten. So was wird doch immer langweilig. Als ich die Dreigroschenoper“ hier machte, wollten Leute, dass ich es noch offensichtlicher mache, dass es sich um eine aktuelle Situation handelt. Aber das ist nicht notwendig. Es steckt doch schon im Text. Ein Meisterwerk muss man nicht updaten. Ich will nicht Shakespeare in einen Supermarkt stecken oder Hamlet mitten auf eine Autobahn in Los Angeles. Das ist lächerlich. Ein großes Werk ist vielleicht nicht zeitlos, aber voller Zeit.

tip Wie meinen Sie das?
Robert Wilson Nicht zeitlos in dem Sinne, dass es kein Konzept hätte.

tip Peter Steins Inszenierung des kompletten „Faust“ dauerte 21 Stunden. Wie lang wird Ihre Fassung?
Robert Wilson ?Ich wünschte, ich könnte es Ihnen sagen. Aber auf keinen Fall 21 Stunden. Dafür bin ich zu alt. Als ich jung war, inszenierte ich ein 24-Stunden-Stück, ein 7-Tage-Stück. Diesmal könnten es vielleicht viereinhalb Stunden werden.

tip Welche anderen „Faust“-Inszenierungen haben Sie beeindruckt?
Robert Wilson Ich mag sehr Gründgens‘ Version am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Auch wenn das, was ich mache, ganz anders sein wird.

?tip Worauf legen Sie bei Ihrem „Faust“ mit der Musik von Herbert Grönemeyer besonderen Wert?
Robert Wilson ?Ich möchte keinen schweren „Faust“ machen. Oft hat man in Deutschland bei „Faust“ den Eindruck: Die armen Schauspieler bekommen ihre Köpfe wohl nicht aus dem Textbuch raus! In den Achtzigern klagte ich im Gespräch mit Heiner Müller darüber. Wir hatten einen „Faust“ gesehen und es war das Schrecklichste und Dümmste, was ich je gesehen habe. Das Stück als heilige Bibel hochzuhalten, ist so langweilig. Heiner meinte: Warum machst du dann ?nicht einen eigenen „Faust“? Mit den Schülern an der Ernst-Busch-Schule machte ich damals Getrude Steins „Faust“. Das ist sehr amerikanisch, voller Humor. Ich dachte, das wird die Schüler überraschen, die an Goethe ?gewöhnt waren. Und als ich jetzt darin ging, Goethes „Faust“ zu inszenieren, wusste ich, dass er leicht werden muss. ?

tip Konnten Sie bei Goethe schließlich auch etwas Humor finden? ?
Robert Wilson Wenn man keinen Humor hat, sollte man nicht am Theater arbeiten. Wenn ich meinen schwarzen Anzug trage, ist das eine Sache. Aber sobald ich dieses weiße Papier hier danebenhalte, ist das Schwarz doch gleich noch schwärzer. Wenn man König Lear spielt und stirbt, muss man ein bisschen lachen. Sonst wird es keine große Tragödie.

tip Verraten Sie uns ein Geheimnis: Warum mussten Sie eigentlich den Premierentermin verschieben? ?
Robert Wilson Es ist so eine große Produktion. Technisch sehr kompliziert. Im Oktober, zurzeit der Vorproben, hatte ich eine größere Operation. Einen Monat lang musste ich alles absagen. Und jetzt gab es eine Grippe-Epidemie in ?Deutschland. Ich selbst hatte drei Wochen lang die Grippe. So viele Schauspieler und Techniker fielen aus. Wir brauchen jetzt einfach mehr Zeit. Normalerweise halte ich Premierentermine ein.

Interview: Stefan Hochgesand

Fotos: Hsu Ping, Lucie Jansch

Faust I und II ?Berliner Ensemble, 12.–17.4., 19.–21.4., 19 Uhr (Voraufführungen), Mi 22.4., 19 Uhr (Premiere), Karten-Tel. 28 40 81 55

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