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Interview mit Christoph Schlingensiefs Opernhaus- Architekten

tip Herr Kйrй, Sie bauen für den deutschen Regisseur Christoph Schlingensief im afrikanischen Burkina Faso ein Festspielhaus, manche sprechen sogar von einem Opernhaus. Wozu braucht Burkina Faso das?
Diйbйdo Francis Kйrй Das habe ich mich auch gefragt, als man dieses Projekt an mich heran­getragen hat. Peter Anders, der Afrika-Koordinator des Goethe-Instituts, sprach mich 2008 in Johannesburg an, wo ich einen Vortrag gehalten habe. Er erzählte mir, dass Chris­toph Schlingensief für den Bau eines Opernhauses in Afrika noch einen Ort und einen Architekten sucht und ich mich später in Deutsch­land mal bei Schlingensief melden sollte. Ich habe daraufhin nur gelacht. Ich hielt das Ganze für einen Joke.

tip Einer Fachöffentlichkeit sind Sie bekannt geworden, als Sie 2004 den angesehenen und mit 70.000 Euro dotierten Architek­turpreis Aga Khan Award for Architecture gewonnen haben. Ihr Wettbewerbsbeitrag war eine von Ihnen für weniger als 50.000 Euro gebaute Schule in Ihrem burkinischen Heimatort Gando, die unter anderem gegen die Petronas Towers in Kuala Lumpur konkurrierte, einem 1,2-Milliarden-US-Dollar-Projekt. Was ist das Besondere an Ihrer Schule?
Kйrй Ich habe die Schule 2001 gebaut. Damals war ich noch Student an der TU Berlin und hatte extra den Verein Schulbausteine für Gando e.V. gegründet, über den ich Spendengelder sammelte. Ich wollte diese Schule angepasst und nachhaltig bauen. In Burkina Faso gibt es viele billige Naturmaterialien wie Lehm, aber wenig Geld, deshalb wollte ich Lehm einsetzen. Ich wollte mit billigem Baumaterial ein modernes Gebäude schaffen, das zu den klimatischen Bedingungen in Bur­kina Faso passt. Klimatische Bedingungen bedeutet: Im Schatten herrschen 40 Grad Wärme. Wenn man dann in einem niedrigen Raum aus Beton sitzt, der mit Wellblech abgedeckt ist, dann wird dieser Raum heißer als 40 Grad. So unerträglich heiß, dass man darin nicht lernen kann. Klimatische Bedingungen bedeutet aber auch, dass man Regenzeiten hat, in denen Häuserwände etwa durch Schlagregen zerstört werden und man außerdem gegen aufkommende Feuchte aus der Erde angehen muss.

tip Wie haben Sie diese Probleme gelöst?
Kйrй Es ging um eine, wie man unter Architekten sagt, ,konstruktive Lösung‘. Das bedeutet: weit überstehende Dächer, die die Wände vor Regen schützen, und ein Fundament, das verhindert, dass Wasser hochkommt. Außerdem brauchte ich ein Ventilationssystem, das ohne Ener­gie­verbrauch funktioniert. In Gando gibt es keinen Strom – ganz abgesehen davon, dass Burkina Faso auch kein Geld für Energie hat. Das Dach der Schule wurde so gebaut, dass die aufsteigende heiße Luft entweichen kann und durch Öffnungen tiefer im Gebäude frische Luft angesaugt wird.

tip Wie werden in Burkina Faso normalerweise Häuser gebaut, vor allem repräsentative Häuser?
Kйrй Repräsentative Gebäude, Großbauten, werden bei uns nach westlichen Vorbildern und von Chinesen gebaut. Die Chinesen dis­kutieren nicht lange und kommen auch immer gleich mit Entwicklungshilfe für die Regierung. Europäische Firmen halten sich inzwischen gerade bei Großbauten sehr zurück. Man befürchtet, mit solchen Gebäuden undemokratische Regierungen zu unterstützen. Deshalb können die Chinesen bei uns sehr viel machen. Wobei ich nicht als Kritiker der Chinesen gelten möchte. Schlecht ist nur, dass diese Gebäude nicht von unseren eigenen Leuten gebaut werden. Dabei können wir es uns eigentlich gar nicht leisten, teure Fachkräfte aus dem Ausland zu holen. Und wenn die Arbeit getan ist, wandern die Fachleute wieder ab und nehmen ihr Wissen mit. Die Afrikaner müssen mit eingebunden werden, damit sie ihren Kindern zeigen können, wie’s geht, auch wie man die Gebäude instand hält. Unsere Zukunft kommt nicht aus dem Ausland, nicht von der Regierung, sondern nur von der afrikanischen Bevölkerung. Deshalb baue ich mit Arbeitskräften aus dem Umfeld, die ich selbst ausgebildet habe. Das dauert zwar länger, ist aber die nachhaltigere Vorgehensweise.

tip Könnte man mit Ihren Prinzipien, die Sie bei der Errichtung der Schule angewendet haben, auch Regierungsgebäude bauen?
Kйrй Warum nicht? Man müsste dafür ebenfalls kons­truktive Lösungen finden. Das wäre der richtige Weg für Afrika. Aber letztlich wird das wohl nicht so laufen, denn unsere Politiker möchten sich darstellen und glauben dabei, sie müssten wie der Westen sein. Es ist schwer, dieses Denken zurückzudrehen. Die, die es sich leisten können, bauen Häuser, die sich an europäi­scher Architektur orientieren: Häuser mit viel Glas – in einem Land, in dem es sehr heiß ist.

tip In Europa gelten große Fens­terfronten als ideale Möglichkeit, Häuser mithilfe von Sonneneinstrahlung kostenlos aufzuwärmen.
Kйrй So ist es. Solche Häuser werden in Burkina Faso übermäßig heiß, und man muss sie mit viel Energie abkühlen. Das ist nicht angepasst, das ist meine Kritik. Wir versuchen, das Gegenteil zu machen. Normalerweise kommt man mit solchen Ideen in Burkina Faso nicht durch. Ich hatte aber das Glück, dass meine Leute in Gando hinter mir gestanden haben.

tip In Gando war man von Ihrem alternativen Architekturansatz gleich be­geis­tert?
Kйrй Überhaupt nicht. Als ich gesagt habe, wir bauen die Schule aus Lehm, da haben die Leute mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Hast du vergessen, dass ein Lehmhaus keine Regenzeit übersteht?“ Ich war ja von deutschen Mitarbeitern begleitet, und die Leute in Gando dachten nur, wenn die erst mal weg sind, dann werden wir Francis schon zur Raison bringen. Letztlich konnte ich meine Leute aber doch überzeugen.

tip Hält die Schule länger als eine Regenzeit?
Kйrй Ja, viel länger. Länger als all diese Betonhäuser. Ich komme nicht als großer, fremder Helfer, als großer weißer Mann, der heilig ist. Wenn ich Fehler mache, dann kommen sofort Leute und beschweren sich. Wenn das Haus nach fünf Jahren einstürzen würde, dann wären davon meine Verwandten betroffen.

tip Ihr Architekturbüro liegt in Kreuzberg, und so eine Auszeichnung wie der Aga Khan Award for Architecture ist eine Riesenwerbung: Sind Sie nach der Preisvergabe mit Aufträgen zugeschüttet worden?
Kйrй Dieses Glück hatte ich nicht. Aber das hat mich nicht daran gehindert, meine Arbeit fortzuführen. Ich habe weiter gebaut, unter anderem eine Ärzteschule für 120 Schüler, die wir zwei Jahre später erweitern muss­ten. Allerdings haben wir lange gebraucht, einen Sponsor zu finden. Mittlerweile haben wir den, der gibt uns jedes Jahr über 25.000 Euro.


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