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Interview mit Schlingensiefs Opernhaus-Architekten – Teil 2

Diebedotip Als wievielter Afrikaner haben Sie den Aga Khan Award gewonnen?
Kйrй Es hat wohl mal einen Al­gerier gegeben, der den Preis auch gewonnen hat. Aus Schwarz­afrika bin ich der Erste.

tip Liegt der Mangel an Folgeaufträgen daran, dass Sie Afrikaner und schwarz sind?
Kйrй Nur Gott weiß diese Antwort. Aber manchmal ist man schon verbittert, wenn man merkt, dass man, auch fachlich, nur als Exot gesehen wird. Das ist so ein Ding in dieser Gesellschaft, das schwer zu verstehen ist. Aber – es gibt auch Christoph Schlingensief.

tip Wie sind Sie und Christoph Schlingensief doch noch zusammengekommen?
Kйrй Etwa acht Wochen nach meinem Aufenthalt in Johannesburg hatte ich wieder Kontakt zu Peter Anders. Er warf mir vor, dass ich mich nicht bei Christoph gemeldet hatte. Daraufhin, Weihnachten 2008, habe ich ihn angerufen. Er erzählte mir, dass er im Krankenhaus sei, verzweifelt sei, dass er schwer krank sei, Krebs habe. Er hat erzählt und erzählt. Eigentlich traurige Sachen, aber mit einer unheimlichen Dynamik. Unglaublich! Nur zwischendurch hörte ich, wie er mal hustete. Bereits in diesem ers­ten Gespräch hatte er mich gewonnen. Er war so dynamisch und gleichzeitig so bodenständig, dass mir klar wurde, dass die Sache mit dem Festspielhaus keine Spinnerei war.

tip Was hat Sie an der Idee mit dem Opernhaus/Festspielhaus schließlich überzeugt?
Kйrй Burkina Faso gehört zwar zu den ärmsten Ländern der Erde, es ist aber auch ein stolzes Land mit stolzen Völkern. Was viele nicht wissen – Burkina Faso ist das Zentrum des afrikanischen Films und des afrikanischen Theaters. Christoph konnte mich überzeugen, dass ein Kunstprojekt, das dazu beiträgt, die kulturelle Identität einer Gruppe zu formen oder zu wecken, wichtig für die Entwick­lung eines Landes ist. Und wenn ich dieses Haus nach meinen Methoden bauen kann, indem ich die Menschen vor Ort einbinde, lokale Materialien benutze und auf die Identität der Menschen vor Ort eingehe, dann ist dieses Projekt auch für ein so armes Land richtig.

tip Kannten Sie zu dem Zeitpunkt die Arbeit von Christoph Schlingensief?
Kйrй Ich wusste, dass es jemanden mit diesem Namen gibt, der die Gesellschaft durch seine Kunst auf Missstände aufmerksam macht. Aber selbst erlebt hatte ich seine Kunst bis dahin nicht. Ich hatte keine Zeit dafür, Kultur zu konsumieren. Ich wollte bauen, ich wollte mich für meine Leute in Afrika einsetzen. In Berlin hatte ich bis dahin wie ein Getriebener gelebt. 1985 kam ich mit einem Ausbildungsstipendium nach Deutschland, ich sollte Entwick­lungshelfer für die Holzverarbeitung werden – für ein Land wie Burkina Faso, wo es gar kein Holz gibt! Das war mir aber egal, ich hatte einfach nur die Chance genutzt, der Armut zu entfliehen. Nach dieser Ausbildung habe ich mich an einem Abendgymnasium eingeschrieben. Dort habe ich bis zum Abitur vier Jahre lang abends von 18 bis 23 Uhr gelernt. Tagsüber habe ich gearbeitet, um meinen Aufenthalt in Deutschland zu finanzieren. Ich habe Zeitschriften ausgetragen, habe auch den tip ausgefahren und Kioske in Spandau beliefert. Nach der Schule habe ich mich in die Uni eingeschrieben und später an dem Schulprojekt in Gando gearbeitet. Es gab wirklich keine Zeit, um Christophs Kunst kennenzulernen.

tip Am 5. Februar ist für das Festspielhaus ers­ter Spatenstich. Wieviel von dem geplanten Gebäude stammt von Ihnen, wieviel von Christoph Schlingensief?
Kйrй Christoph Schlingensief und ich sind mehrere Male zusammen gereist, auch nach Burkina Faso. Er hat dort meine Arbeiten gesehen. Während der vielen Gespräche unterwegs habe ich gut he­rausfinden können, was Chris­toph eigentlich genau möchte. Er nannte Begriffe wie „Soziale Plastik“ oder „Totales Theater“. Auch meine Vorgehensweise deckt sich mit seiner Idee. Chris­toph möchte, dass diese Festspielhaus-Idee eine starke soziale Komponente hat: Die Menschen können zu uns kommen, bei uns Theater spielen, aber auch lernen, wie man ein ein­faches solides Haus baut. Wir könnten die so geschaffenen Prototypenhäuser als Umkleideräume für die Künstler oder als Gästehäuser für auswärtige Künstler nutzen. Es wird mehr ein Operndorf als ein Opernhaus. Christoph möchte, dass das Theater allmählich wachsen soll. Und als Architekt beginnt man dann, diese Überlegungen auf ein Papier zu bringen. Ich habe schließlich ein schneckenförmiges Gebäude entworfen.

tip Herr Schlingensief hat eine tückische Krankheit. Wie geht es mit dem Festspielhaus weiter, wenn er an der Krankheit stirbt?
Kйrй Christoph ist in Topform! Die Metastasen haben sich komplett zurückgebildet. Er hat an Gewicht zugenommen, er sprüht vor Energie. Aber natürlich muss man bei so einem Projekt auch daran denken, was ist, wenn wichtige Personen nicht mehr dabei sind. Es kann ja auch sein, dass er irgendwann keinen Bock mehr auf diese Geschichte in Afrika hat. Deswegen gibt es die Festspielhaus GmbH, das ist eine gemeinnützige GmbH, die mit der Bundeskulturstiftung und dem Goethe-Institut zusam­menarbeitet. Außerdem gibt es Verpflichtungen von Staat zu Staat, die Verträge werden gerade vorbereitet. Trotzdem ist Chris­toph natürlich sehr wich­tig. Seine Kraft und sein Charme sind unersetzlich. Aber ir­gend­wann wird das Festspielhaus ein Selbstläufer.

tip Was interessiert Schlingensief an Afrika?
Kйrй Christoph ist fasziniert davon, wie sehr Menschen in Afrika von Kultur begeistert sind. Wenn wir zum Beispiel unterwegs waren, und irgendwo draußen am Straßenrand stand ein Fernseher, hinter dem vielleicht 200 Zuschauer saßen, Kinder und Erwachsene, und unter lautstarker Anteilnahme einen Kungfu-Film guckten, dann ist er immer dort stehen geblieben, und wir konnten ihn nicht mehr wegkriegen. Trotz der brütenden Hitze und des Lärms. Dabei war der Mann zu dem Zeitpunkt von seiner Krankheit schwer angeschlagen.

tip Herr Schlingensief ist fasziniert davon, wie man sich für einfache kulturelle Genüsse begeistern kann?
Kйrй Ja. Christoph sagt, Theater habe in Europa seinen Sinn verloren. In Europa seien die Leute so verwöhnt, alles müsse immer perfekt und perfekter sein, obwohl man eigentlich immer das ewig Gleiche wiederhole. Chris­toph möchte zum Beispiel eine Filmklasse in dieses Operndorf integrieren. Damit meint er, dass Kinder Flipchart-Kameras ausgehändigt bekommen sollen, bei denen man ihnen zwar erklärt, wie die Technik funktioniert und wie man es anstellt, einen Film zu schneiden. Aber man sagt ihnen nicht, wie die Filme inhaltlich geschnitten werden könnten. Die Kinder sollen nach eigenen Eingebungen Filme machen. Ohne Anleitung eines Europäers, eines Professors, der glaubt, in diesen Dingen Bescheid zu wissen. Das Festspielhaus könnte ein Po­dium sein, um unterschiedliche Kulturen zusammenzubringen. Das geht aber nur im Rahmen einer echten Partnerschaft, denn nur dann entsteht eine gegenseitige Befruchtung. Wenn man es so anstellt, dann können die Europäer meiner Meinung nach soviel nach Afrika kommen, wie sie wollen. Sie sollen
hingehen, Schulen bauen, aber sie von den Menschen dort machen und bespielen lassen. Sie können Afrika anschubsen, inspirieren, aber sie müssen auch akzeptieren, wenn dabei etwas anderes herauskommt, als sie erwarten.

tip Es gibt viele westliche Experten, die den Afrikanern gerne sagen, wo’s lang geht.
Kйrй Afrika wird in den Medien stets als bedürftig dargestellt, wobei der segensreiche Fortschritt dann aus dem Westen kommen soll. Leider ist dieses Bild bei vielen Afrikanern oft genauso fest zementiert wie bei den Weißen. Umso mehr empfinde ich es als Glück, anders handeln zu können. Ich bekomme viele Briefe von Afrikanern, von Studenten, die in Belgien, Finnland oder Frankreich leben, die von meiner Schule in Gando gehört haben und sich in ihren Doktorarbeiten nun auch mit angepasstem Bauen befassen. Oder von promovierten Leuten, die ebenfalls in ihrem Heimatland eine Schule bauen möchten. Die schreiben: „Wir sind stolz auf dich.“ Das beweist mir, dass es viele Leute gibt, die Veränderungen wollen. Aber es ist so schwer. Wir sind im Westen, wir können da nicht weg.

tip Wieso können Sie nicht weg?
Kйrй Wäre ich nicht nach Europa gekommen, hätte man mich und meine Arbeit gar nicht entdeckt. Auch Sie und ich hätten nicht miteinander gesprochen. Ich hätte nicht den geringsten Einfluss entwickeln können.

tip Das heißt, das Schicksal ambitionierter Menschen wie Sie ist das Vagabundentum? Man lebt in Europa, um Geld zu beschaffen?
Kйrй … und Wissen. Geld und Wissen. Wir brauchen nicht viel Geld. Wir brauchen nur Mittel, um einfache Strukturen zu schaffen. Man kann Afrikanern mit diesen Strukturen die Chance geben, ihr Talent zu zeigen, etwa als Lehrer in einer Schule oder als Schüler dort.

tip Werden die Leute, die das Festspielhaus bauen sollen, auch anständig bezahlt?
Kйrй Unsere Projektkosten sind Arbeitskosten. Ich habe zum Beispiel ein inzwischen preisgekröntes Gymnasium im burkinischen Dano für 70.000 Euro gebaut. In diesem Geld waren nicht nur meine Flugkosten drin, es haben auch 30 Afrikaner ein Jahr lang Gehalt bezogen. Normalerweise müssten diese Leute dafür fünf oder sechs Jahre lang an die Elfenbein­küste oder nach Ghana auswandern. Warum kommen so viele Afrikaner auf so gefährlichen Wegen nach Europa? Die wollen etwas verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Ziel von Entwicklungspolitik ist es ja auch, Einkommen zu schaffen.

tip Die TU Berlin, wo Sie studiert haben, ist dafür bekannt, dass hier viele Ausländer aus sogenannten Entwicklungsländern studieren. Sie machen Abschlüsse etwa als Ingenieure oder Ökonomen. In den entsprechenden Chefetagen findet man sie bei uns nur selten. Wo sind diese Leute?
Kйrй Vielleicht wollen manche nach dem Studium gleich nach Hause? Vielleicht aber gibt es auch zu wenige Stellen in den gehobenen Positionen? Ich selber kenne leider auch nur wenige, die hier gute Positionen erreicht haben, und bin dankbar, dass ich an der TU Berlin eine Stelle als Assis­tent bekommen habe. Allerdings nur eine halbe Assistentenstelle ohne Tutoren. Die Uni lobt mich zwar sehr, meine Erkenntnisse sind ja in internationalen Architekturzeitschriften und anderen Publikationen veröffentlicht. Und der Trend hat gezeigt, dass nachhaltiges und angepasstes Bauen ein Teil der Antworten auf die anstehenden Herausforderungen liefert: Auf Klimaerwärmung, Ressourcenknappheit, Wirtschaftskrisen. Trotzdem frage ich mich manchmal, warum andere Leute mit vergleichbaren Leistungen, wie ich sie bringe, in anderen Ländern so viel weiter kommen. Dennoch ist diese Assistentenstelle für mich etwas Großartiges. In meinem Dorf war ich der Erste, der eine Schule besuchen durfte. Und jetzt lebe ich in Deutschland, bin Architekt, an der Uni, reise durch die ganze Welt und kann mich als Trendsetter bezeichnen. Für mich ist das so ähnlich wie für andere eine Landung auf dem Mond.

Interview: Eva Apraku
Fotos: Anna Blancke

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www.festspielhaus-afrika.com
www.fuergando.de

Zur Person:

Diйbйdo Francis Kйrй, Jahrgang 1965, wurde in dem burkinischen Dorf Gando geboren und besuchte die Schule in der Provinzhauptstadt Tenkodogo. 1985 kam Kйrй nach Deutschland, wo er erst eine Ausbildung, dann das Abendgymnasium und schließlich ein Architekturstudium absolvierte. Kйrй veröffentlicht regelmäßig in international erscheinenden Publikationen und hält weltweit Vorträge zu seinem Fachgebiet „Nachhaltiges und angepasstes Bauen“.

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