• Kultur
  • Interview mit Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs

Kultur

Interview mit Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs

Interview mit Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs

Schorsch Kamerun, ?52, hat als Sänger und Mitgründer der Konzept-Punk-Band Die Goldenen ­Zitronen Dissidenz mit kluger Musik und Pop mit Systemkritik versorgt. Seine Konzerte, Hörspiele und ­Theaterabende bewegen sich souverän zwischen den Genres, sie sind nie anbiedernd, aber so charmant wie widerborstig. Zuletzt ist von den Goldies das Album „Who’s bad“ erschienen.

Fabian Hinrichs, ?41, spielt in Inszenierungen von Renй Pollesch furios den Diskurs-­Beauftragten, zuletzt an der Volksbühne in „Keiner findet sich schön“ und/oder sich selbst. Seit April ist er im fränkischen „Tatort“ ein Kommissar. Er ist als Schauspieler alles, aber kein Dienstleister für Regie-Konzepte.

tip Im Text zu Ihrem neuen Stück am HAU heißt es: „Die wirklich großen Träume haben sich erfüllt, Berlin und all das.“ Ist Künstlerleben in Berlin noch ein großer Traum? Oder sind HAU-Performer auch nur ein Standortfaktor der Kreativ-Metropole?
Schorsch Kamerun?Vielleicht ist Berlin nur ein immer noch lauter Phantomschmerz, der wacker an all die wackelnden Seelen appelliert, die glauben, sie müssten irgendwie an der heißen Stelle sitzen, und dann würde schon irgendetwas mit ihnen passieren. Aber was soll`s, ohne Versprechen keine Hoffnung.
Fabian Hinrichs?Selbstverständlich sind auch wir Opfer des Kreativitätsimperativs: Jeder soll ja ständig kreativ sein, und sich das auch wünschen. Das Künstlerleben lässt sich genauso pessimistisch betrachten wie jedes andere Leben eines Marktteilnehmers: Jeder muss sich prostituieren. Orson Welles hat das für sich einmal so ausgedrückt: 98 Prozent Prostitution, zwei Prozent Kunst. Aber immerhin gibt es wenigstens diese zwei Prozent Kunst, könnte man sagen. Mir ist klar, dass ein Auftritt vor sowieso schon Bekehrten nicht unbedingt system-destabilisierend wirkt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Kreativität und Kunst. Kunst wäre vielleicht das Zweckmäßige ohne Zweck.
Schorsch Kamerun?Ja, es gibt die Richtung des sich „Aussetzens“ in der Kunst. Auch wir müssen es schaffen unbekanntes Terrain zu betreten,  egal bei welchem Thema, und egal auch erstmal, wie es zurückschallt. Das wollen wir probieren bei unserem Stück.

tip Seltsamer Titel für ein Musik-Performance-Theater-Stück: „Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück.“ Um was geht es an diesem Abend?
Schorsch Kamerun?Es könnte um Resonanzen gehen. Also um den Versuch, einzuhaken. Fabian und ich wollen herausfinden, ob irgendetwas zu Piepen anfängt, wenn wir uns begegnen. Oder sind wir „nur“ Freunde? Und dann: Piept auch was im Publikum? Wie wichtig ist uns das? Lässt sich das lenken? Welche Haut müssen wir auf welchen Markt tragen? Sind all die ineinander verkletteten Beziehungen nur interessengleitet oder ist das ein echtes, schönes Miteinander? Am Ende gar gute Kunst?
Fabian Hinrichs?Der Titel entstand aus einem Dialog zwischen uns. Ich bin einmal abgestürzt beim Bergwandern, leider sogar auf Mallorca. Ich lag invalide in einer Schlucht, bewegungsunfähig, inmitten eines riesigen militärischen Sperrgebietes. Da habe ich um Hilfe gerufen. Und es kamen nur Tierschreie zurück. Diesen Titel greift auf, dass die Herrschaft über die Natur auch Herrschaft über den Menschen bedeutet. Wir sind selbst ein Stück Natur, wir sind leibliche, drängende, fühlende Wesen. Ich würde gerne der Natur verständig gegenübertreten können. Aber wie geht das? Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück. Da habe ich mir natürlich Sorgen gemacht. Und Verzweiflung und Stress kamen auf. Das war die Zuspitzung eines Zustandes, wie man ihn eigentlich fast jeden Tag erlebt, nur eben ohne tierisches Gegenüber. Dieses Unversöhnliche und Ausbeuterische sich selbst gegenüber drückt sich eben auch in der Unversöhnlichkeit der Natur gegenüber aus. Wie könnten sich äußere und innere Natur entsprechen, aber ohne Berechnung, ohne Zweck?  
Schorsch Kamerun?Ich hatte bei dem Stück-Titel auch eher Assoziationen zu inneren Dämonen. Und die erleben wir alle auf mehreren Ebenen – im allgemeinen „Wettbewerb“ und im subjektiven Kampf mit den weitergeführten Störungen aus unseren Biographien. Und heute wird verlangt, dass beides abgebildet werden muss, möglichst öffentlich. Das Problem ist eben, wenn gerade mal gar nichts „ruft“. Aber genau dieses Aushalten von Stille ist die einzig wahre, gegenwärtige Kritik!
Fabian Hinrichs Ich möchte noch anmerken: Für mich ist das gar kein Stück, jedenfalls nicht, wenn man unter einem Stück etwas  Ausgearbeitetes, Geschlossenes, Durchkomponiertes versteht. Es ist eher ein Auftritt als ein Stück.

tip Zusammen mit dem Musiker PC Nackt und einer weißrussischen Tanztruppe …
Fabian Hinrichs Ehrlich gesagt, weiß ich noch immer noch nicht so recht, was ich da machen werde. Dieses Zweckmäßige ohne Zweck, das suche ich noch immer. Langsam wird es allerdings knapp.
Schorsch Kamerun?Vorab entschuldigen gilt nicht. Obwohl ich den Begriff des „Scheitern als Chance“ nicht mehr zeitgemäß finde. Es wird einfach zu gern und zuviel überall gescheitert. Ich will aber nicht, dass mir dabei alle zusehen. Viel zu intim!

tip Ihre Aufführung ist Teil des HAU-Festivals „Marx` Gespenster“, der Titel eines berühmten Buches von Derrida. Welche Gespenster gehen denn so um in Europa? Hat die FAZ recht, wenn sie behauptet, derzeit gehe das Gespenst des Neoliberalismus um: So ziemlich alle seien dagegen, obwohl keiner wisse, was das ist?
Fabian Hinrichs Natürlich ist einigen Milieus der Neoliberalismus verhasst, ohne dass die meisten wissen, was der Begriff bedeutet. Das Gleiche gilt natürlich für den Begriff Marxismus, überhaupt für Begriffe.
Das ist ja das zentrale Problem der Vernunft und deswegen auch der Kritik an ihr: das Nichtidentische geht in ihren Begriffen nicht auf. Ich würde sagen: Die Gespenster der Gespenster gehen umher in Europa. Entweder das Gespenst des Gespenstes geschichtsphilosophischer Konzepte oder das Gespenst des Gespenstes des Freien Marktes.
Schorsch Kamerun?Jedenfalls geht nicht das Gespenst des Kommunismus um. Ich glaube, es geht ein gefährlicher, emotional aufgeladener Nebel um. Geleitet von Krisenbehauptungen, abgeschöpft von angst-machenden Stimmenfängern, die sich diejenigen einsammeln, welche alles wollen, nur nichts „Anderes“. Wenn man sie ernst nehmen würde, müsste man ihnen ein Gebiet zur Verfügung stellen, in dem es dann nie wieder eine Veränderung geben darf.

tip Ist das eine Stimmung wie 1992, als die Asylantenheime schon mal brannten und die Goldenen Zitronen Stücke über „80 Millionen Hooligans“ gemacht und mit den Wohlfahrtausschüssen gegen die Nazis im Osten gespielt haben? Oder ist es, zum Beispiel, dank Merkels Haltung, eine andere Situation als damals?
Schorsch Kamerun?Man kann es nicht vergleichen. Wir haben damals die Stimmen „der Bürger“ wiedergegeben, die sehr hilflos in lautlosen Lichterketten verglimmten. Heute gibt es eine wirklich andere Anteilnahme, die allerdings nichts mit Frau Merkel zu tun hat. Dennoch, sie will diesmal wirklich etwas anfassen, so scheint es. Allerdings könnte sie sich verheben mit ihren „offenen Obergrenzen“.
Fabian Hinrichs Ein Psychoanalytiker hat das so beschrieben: 70 Millionen Tote in einem Umkreis von 4000 Quadratkilometern in den letzten 70 Jahren seien eben noch nicht unter der Erde. Viele Menschen trügen ein Vertriebenenschicksal in sich, und das führe nun zu einer idealisierten Flüchtlingshilfe. Das könne aber bald umkippen. Das ist natürlich ein sehr unbequemer Gedanke. Im Kern kann das ja stimmen, aber ich weiß nicht, ob in letzter Zeit so ein Umkippen auch herbeigeredet oder -geschrieben wird.
Schorsch Kamerun?Doch, es wird künstlich herbeigeredet. Es muss unbedingt katastrophal sein, sonst hört keiner zu und es ist unverkäuflich. Ein Inhalt, der nicht mit dem Zusatz „Krise“ winkt, ist keine gut verkäufliche Medien-Ware. Deshalb müssen auch wir uns fragen, ob wir irgendwo mal wieder eine Schippe drauflegen müssen, oder ob das dann auch nur populistisch ist. Ich habe das Gefühl, dass das Bild einer gehetzten Melancholie derzeit das treffendste ist.

Interview: Peter Laudenbach

Foto:
Dorothea Tuch

Ich habe um Hilfe gerufen. ?Es kamen Tierschreie zurück
HAU 1, Sa 14., Mo 16.11., 20 Uhr, ?Karten-Tel.: 25 90 04 27

Marx‘ Gespenster

HAU, 12. – 22.11. ?Festival mit Theorie, Theater, Performance und Party:  u.a. mit Patrick Wengenroth („!Geld?“), ?Phil Collins („marxism today“), Sylvain Creuzevault („Das Kapital und sein Affe“), Stan & de Koe („Marx Sisters“), Chris Kondek („Shoot out. Tauschen, Jagen, Klauen, Besetzen, Saufen, Verzicht“)? www.hebbel-am-ufer.de

Mehr über Cookies erfahren