Theater

Interview mit Sebastian Krämer

Herr Krämer, Ihr neues Programm heißt „Tüpfelhyänen“. Was verbirgt sich hinter diesem Neologismus?
Ist das ein Neologismus? Meine Erfindung ist das Wort jedenfalls nicht. Im Berliner Tierpark können Sie Tüpfelhyänen angucken gehen. Und im Film „König der Löwen“ auch. Sinnbildlich ist es einfach die Aufforderung, mal über den Zaun zu schauen, wenn man schon im Zoo ist.

Der Pressetext spricht von Protestsongs. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama postulierte vor gut 20 Jahren „das Ende der Geschichte“ und sprach von der „liberalen Demokratie“ als einziger gangbarer Möglichkeit…Womit sich der Protest in seinen Augen auch erledigt hätte.
Wenn es etwas in Hülle und Fülle gibt, sind das Möglichkeiten. Davon wird in den Liedern und drum herum die Rede sein. Gelähmt sind die Menschen als Masse. Als solche sind sie auch dumm, faul und aggressiv. Deswegen spreche und singe ich lieber zu jedem Einzelnen. Denn der Einzelne ist oft nichts von alledem. Vor allem hat er immer die Wahl, sich so oder so zu verhalten.

Also befinden wir uns 20 Jahre nach „dem Ende der Geschichte“ gar nicht an jenem Punkt? Dann darf der Protest weitergehen. Wogegen protestieren Sie?
Ich protestiere gegen alle Versuche der Einschüchterung (die ein selbsterhaltendes System ist, weil sie nur aus Angst vorangetrieben wird) und gegen Phantasielosigkeit. Mein Programm heißt ja auch weiter „Die Entmachtung des Üblichen“. Ich verabschiede mich damit ganz ausdrücklich von herkömmlicher Gesellschaftskritik. Denn Kritik an der Gesellschaft als einer diffusen Größe entlässt das Individuum aus der Verantwortung; ich hebe seine Verantwortung für jede einzelne Sekunde seines Lebens gerade hervor.

Gegen „Big Brother“, wie er in Orwells Dystopie „1984“ beschrieben wurde, protestiert keiner mehr…
Es gibt doch viele, die gegen Überwachung protestieren. Aber besser ist natürlich, sich ihr ganz einfach zu entziehen. Zum Beispiel indem man ein Verhalten an den Tag legt, das für jeden Überwacher komplett uninteressant ist. Dazu gehört fast jede intellektuelle Tätigkeit.

Welche oftmals auch nicht opulent entlohnt ist. Wobei der Protest gegen zu geringe Entlohnung sich mit den Argumenten unterdrücken lässt, dass Arbeit sonst zu teuer sei. Aber die Autobauer kämen nie auf die Idee, zu behaupten, ihre Produkte seien wegen der Stahlpreise nicht auf den Markt zu bringen. Was ist die Ware „Arbeitskraft“ wert?
Meine vielleicht etwas unpopuläre Antwort ist, dass Arbeit, die getan werden sollte, auch ganz ohne jede Entlohnung etwas wert ist. Mit anderen Worten: Leistung lohnt sich immer. Wer seine Arbeitskraft überhaupt verkauft, handelt selten verantwortlich. An Autohersteller wie VW oder Opel ist sie in jedem Fall verschwendet.

Ihr Zorn könnte sich, so wie es in einem Song andeuten, in einer Joghurt-Bombe entladen…
Unwahrscheinlich. Jetzt, wo ich diese Pläne formuliert habe, wäre das zu leicht mit mir in Verbindung zu bringen. Es wäre auch kaum effektiver, als davon zu singen.

Zurück zu den „Tüpfelhyänen“ Was ist der thematisch rote Faden, der das Programm zusammen hält?
Die Frage, warum wir nicht alle alles ständig ganz anders machen. Dafür – also dafür, dass wir das nicht tun –  gibt es ja viele Grunde. Bloß keine guten.

Interview: Ronald Klein
Foto: Judith Triebel

 

Sebastian Krämer
am 14.3., 20 Uhr

bei den Wühlmäusen

 

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