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Interview mit Sibylle Berg und Patrick ­Wengenroth

Interview mit Sibille Berg und Patrick ­Wengenroth

Sibylle Berg: Die Schriftstellerin wurde in Weimar geboren und lebt in Zürich. In ihren Kolumnen, Romanen und Theaterstücken erzählt sie so schonungslos wie komisch vom Unglück, in das sich die Menschen stürzen. 2012 erschien ihr Roman „Vielen Dank für das Leben“. Das Gorki Theater zeigte 2013 die Uraufführung ihres Stücks „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, das in der Kritikerumfrage von  „Theater heute“ zum besten Stück des Jahres gewählt wurde

Patrick ­Wengenroth: Der Regisseur, Performer und Autor lebt mit seiner Familie in Berlin. Für den Theaterdiscounter entwickelte er 2003 das Theater-Show-Format »Planet Porno«, das mittlerweile seine künstlerische Heimat im HAU hat. Er inszenierte u.a. am Staatsschauspiel Dresden, den Münchner Kammerspielen, dem Schauspiel Köln. Zuletzt inszenierte er an der Schaubühne „Leonce und Lena“.

tip Frau Berg, Herr Wengenroth, über dem Eingang der Schaubühne hängt in großer Schrift ein Zitat aus Patrick Wengenroths Stück: „Mach keine Diäten! Hab Orgasmen! Und geh wählen!“ Korrekter Vorschlag?
Sibylle Berg Wendet sich der lustige Aufruf an Männer? Dann finde ich das fast korrekt, obgleich ich denke, Diäten sind nicht das Hauptproblem von Männern. Man könnte eher sagen: Hör auf alles zu hassen, was anders ist als Du. Geh lieber was lesen.
Patrick ­Wengenroth Den Ausruf haben  wir aus dem Buch einer Frau entlehnt. Er richtet sich, glaube ich, leider eher an Frauen als an Männer. Aber natürlich ist so ein Satz mit diversen Klischees befrachtet. Den Aufruf von Ihnen, Frau Berg, Männer sollten aufhören, alles zu hassen, was anders ist,  finde ich sehr treffend. Lesen schadet auch nie. Ich würde aber eher sagen: Redet! Mit euren Partnern, mit euren Kindern, mit euren Freunden, mit euren Eltern. Menschen brauchen Menschen, und Menschen wachsen nur in Beziehungen, wie Klaus Theweleit gerne sagt.

tip Was sind denn die Hauptprobleme von Männern?
Patrick ­Wengenroth Beispielsweise, dass sie nicht verstehen, dass sie die Energie, die sie in ihre berufliche Performance oder ihre Hobbys oder andere Sachen stecken, umleiten können, in Interesse für ihre Nächsten oder die Kinderbetreuung beispielsweise. Männer können oft einfach nicht akzeptieren, dass der Tag nur 24 Stunden und ihre eigene Energieleistung Grenzen hat.
Sibylle Berg Ich bin mir nicht sicher, ob es ein geschlechterspezifisches Grundproblem gibt, oder ob man eher sagen kann: Die meisten Menschen haben ihre Sterblichkeit nicht begriffen. Klingt simpel, ist es auch. Wenn man weiß, dass es gleich wieder zu Ende ist, könnte man sich natürlich in seinem Leben viel sparen. Streit, Machtgier, Unfreundlichkeit, Raffsucht zum Beispiel.

tip Ist Theater immer noch eine sexistische Branche?
Sibylle Berg Die alten Stücke sind es. Ich verstehe, warum vornehmlich männliche Regisseure so eine große Freude an Klassikern haben. Die Frauen finden als Huren, Opfer, Idiotinnen, Intrigantinnen statt. Oder sie verbrennen auf Feuern. Wusch, weg sind sie. Bis vor kurzer Zeit war das Theater fast zu 100 Prozent männlich. Das ändert sich jetzt sehr schnell. Intendantinnen, Autorinnen, Regisseurinnen überall. Vielleicht hat es damit zu tun, dass den Theatern das Geld ausgeht und sich Männer nicht für schlecht bezahlte Jobs interessieren.
Patrick ­Wengenroth Das deutsche Theater ist immer noch geprägt von einem Regieverständnis des einen genialen Mackers und Machers, der den anderen sagt, was sie zu tun haben und lassen haben. Meine Hoffnung ist, dass man es schafft, eine ästhetische Zubereitung von Gedanken hinzubekommen, die kollektiv entsteht, und diesen Prozess in den Ergebnissen sichtbar werden lässt. Egal, ob dieser Theaterabend einmal oder hundertmal wiederholt wird.

tip Herr Wengenroth, Sie nennen Ihr neues Schaubühnen-Stück „thisisitgirl“ einen „Abend über Frauen und Fragen und Frauenfragen“. Kann ein Mann über Frauen schreiben oder ist das übergriffig?
Patrick ­Wengenroth Es wäre in meinen Augen nur dann übergriffig, wenn ich den Standpunkt der/des anderen übersehen und mich selber für die maßgebliche Stelle halten würde. Es geht hier um den Versuch einer dialektischen Untersuchung. Ich möchte mich austauschen mit einer feministischen Sicht auf die Welt. Ich lasse mich in zunehmendem Maße gern eines Besseren belehren. Wenn eines klar sein müsste, dann dies: Es ist nicht die beste aller möglichen Welten, in der wir leben.

tip Stimmt es. dass sich in Ihrem Stück eine bedauerliche Frau die Probleme von fünf Männern anhören muss?
Patrick ­Wengenroth Es stimmt, dass in meinem Theaterabend nur eine Frau auf der Bühne steht, die Schauspielerin Iris Becher. Sie ist mit der Präsenz von fünf männlichen Kollegen konfrontiert, drei Schauspielern, einem Musiker und mir. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass das von ihr als „bedauerlich“ eingestuft wird. Zumal fast alle anderen Produktionsbeteiligten – Bühne, Kostüm, Dramaturgie, Licht, Regieassistenz, Kostümassistenz – Frauen sind.

tip Frau Berg, die Mädchen aus Ihrem Stück „Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen“ sind in jetzt, in Ihrem neuen Stück, älter geworden. Wie geht das überhaupt, erwachsen werden?
Sibylle Berg Sterblichkeit begreifen? Siehe oben. Die erschütternde Wahrheit ist aber, dass die meisten Menschen die eigene Alterung nur sehr abstrakt begreifen. Sie beginnen sich irgendwann zu kleiden und zu benehmen, wie sie meinen, es würde von ihnen erwartet. Aber fühlen, fühlen tun das doch die wenigsten. Wie werden älter, aber wir haben den Sinn der Veranstaltung immer noch nicht begriffen

tip Was ist peinlicher, der klischeehafte Wunsch nach einer selbst gegründeten Familie oder die Leugnung dieses Wunsches?
Patrick ­Wengenroth Das peinlichste ist, wenn man es nicht schafft, seine eigenen Wünsche jemand anderem zu offenbaren. Dies gilt für alle Bereiche des Lebens.
Sibylle Berg Und das Megaallerpeinlichste ist, sich in der Erwartung von anderen zu bewegen.

tip In Sybille Bergs Stück wird die „übliche Langeweile während der Sexualpartnersuche“ erwähnt. Stimmen Sie zu?
Patrick ­Wengenroth Ich kenne keine Langeweile bezüglich der Suche nach erfüllter Sexualität. Ich kenne sehr wohl die Unfähigkeit, seine Wünsche in diesem Bereich zu formulieren, aufgrund von Scham. Emotionales Sich-Öffnen ist das Gegenteil des neoliberalen Programms der Selbstoptimierung. Zu lernen, zwischen den Aggregatzuständen von Emotion und Ökonomie zu switchen, ist die Hölle. Aber notwendig, sehr anstrengend und am Ende beglückend.
Sibylle Berg Naja, das hat die Autorin wohl ein wenig salopp formuliert. Gemeint ist eher die Langeweile bei der missglückten Suche nach Liebe. Die viele kennen. Tausend gescheiterte Versuche, Anfänge, Wiederholungen, die mithin auch fast identische Sätze beider PartnerInnen beinhalten: Ich kann mich nicht einlassen, bla, und so weiter.

tip Was sind die Gendertroubles in Ihrem Leben?
Patrick ­Wengenroth Ich kann es nach wie vor nicht fassen, was für eine große Akzeptanz es immer noch für ignorantes und chauvinistisches Verhalten gibt. In viel zu vielen Augen wird das mit diesem diffusen Klischee von Kraft und Stärke und Fokussiertheit positiv gewürdigt. Mir ist das ein Gräuel. Es ist viel schwieriger, weich und offen und durchlässig zu sein als hart und ignorant. Ich versuche, jeden Tag zu lernen, dass ich durch partnerschaftliches Verhalten gegenüber anderen und gegenüber mir selbst sehr viel mehr beglückende und natürlich auch beängstigende Erfahrungen mache, als wenn ich als scheinbar harter Kerl durchs Leben renne, der kurzfristigen Erfolgen wie Macht und Geld und Eigentum nachläuft. „Wenn das Herz denken könnte, würde es stillstehen“ – heißt es bei Pessoa. Kitschig? Nee, finde ich nicht.
Sibylle Berg Dito.

tip Frau Berg, die Hauptfigur Ihres Romans „Vielen Dank für das Leben“ ist Hermaphrodit und ein wunderbarer Mensch – ist das vielleicht die beste Antwort auf die Zumutungen der Geschlechterkämpfe und übereindeutigen Zuschreibungen?
Sibylle Berg Meine kleine futuristische Idee wäre, dass es keine Rolle mehr spielt, welchem Geschlecht man aus Versehen angehört. Das  kann man gerne auf Nationalität, Behinderung oder Nichtbehinderung und so weiter ausdehnen. Also, wenn es keine Ungleichbehandlung mehr gäbe, sondern nur noch: Menschen. Blöde, Nette, Idioten, Perlen.

tip Gute Idee, die eigenen Texte zu inszenieren?
Patrick ­Wengenroth Es ist schrecklich und zugleich schrecklich schön, wenn man auch die Auswahl der Texte oder die Textproduktion für einen Theaterabend in den eigenen Händen hält. Manchmal wünsche ich mir, dass ich einfach irgendeinen Text eines Autors als Regisseur bebildern kann, ohne die Verantwortung für die Inhalte der Texte inne zu haben. Aber die Möglichkeit, mit anderen Menschen einen Diskurs zu führen über ein relevantes Thema, ist wunderbar.  Da ist es, speziell bei diesem Projekt, fast ärgerlich, dass man dann am Ende ein repertoire- und marktfähiges Endprodukt im Rahmen einer so genannten Premiere abzuliefern hat. Besser und passender wäre ein einmaliges Happening.

tip Frau Berg, Sie führen zum ersten Mal Regie, am Neumarktheater Zürich. Gute Idee, die eigenen Texte zu inszenieren?
Sibylle Berg Eine sehr logische Idee. Schade, dass ich so lange damit gewartet habe. Es hat ein wenig Mut und 428269303 langweilige Inszenierungen im Theater benötigt, bis ich dachte: Meine Güte, schlecht bis mittelmäßig kann ich allemal auch. Ansonsten find ich es hochlogisch, denn wer soll denn den Text besser verstehen, als die Autorin? Wer kann so beherzt kürzen und streichen, und muss nicht in Angst vor dem Textverfasser, der Verfasserin agieren? Die Nonchalance, zu sagen, ist doch nur ein Text, kann sich eigentlich ausschließlich dessen VerfasserIn erlauben.
Patrick ­Wengenroth Interessiert Sie Theater als Ort des Live-Moments und Scheiterns oder als Ort, wo Literatur präsentiert wird?
Sibylle Berg Ich weiß gar nicht genau, ob mich Theater nicht nur aus nostalgischen Gründen interessiert. Es hat mir über die Kindheit und Jugend geholfen, und wurde eigentlich zunehmend bedeutungslos für mich. Ich rede mir ein, Theater heute als vollkommen andere Spielart für Kreativität zu betrachten. Literatur ist für den Urlaub und fürs Bett, Theater ist der Ort für Unterhaltung, Live-Erlebnisse mit Gruppenfreude. Im guten Fall. Mich interessiert Theater auch als Fallstudie des permanenten Scheiterns. Warum zum Teufel misslingen die meisten Versuche, einen großartigen Abend zu zaubern?
Patrick ­Wengenroth Teilen sie die Auffassung, dass Humor und Selbstironie des eigenen Standpunktes die Logik des Patriarchats aushöhlen und hinterfragen kann?
Sibylle Berg Ich hoffe das. Es ist immer noch uncool, ironisch zu sein, oder? Ich mag Ironie. Und ich liebe Humor. Das Patriachat weglachen – großartig.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: Katharina Lütscher; Gianmarco Bresadola / Drama-Berlin

Und dann kam Mirna Maxim Gorki Theater, Do 24., Fr 25.9., 19.30 Uhr, ­?Karten-Tel.: 20 22 11 15

thisisitgirl Schaubühne, Mi 16., Mo 28.8., 19.30 Uhr, So 27.9. 20.30 Uhr, Karten-Tel.: 89 00 23

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