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Interview mit Sigrid Grajek über ihr Claire-Waldoff- Programm

Sigrid_GrajekClaire Waldoff war vor hundert Jahren in Berlin ein Superstar. Wie würden Sie jemand, der noch nie etwas von Claire Waldoff gehört hat, ihre Bedeutung erklären?
Sigrid Grajek Sie war sowas wie Lady Gaga heutzutage ist: JEDER kannte ihren Namen! Und konnte sofort mindestens eines ihrer Lieder anstimmen. Wenn sie sang, saßen Fabrikdirektoren und Müllkutscher im Theater und amüsierten sich gleichermaßen.

Claire Waldoff und Kurt Tucholsky stehen programmatisch für eine Kabarettkultur, die sich sowohl durch bissige Texte wie auch einen libertären Lebensstil auszeichnete. Wieso wirken Kabarett und Comedy heute so bieder?
Es plätschert vieles so vor sich hin, ist nur am nächsten Lacher interessiert (der – wegen der Einschaltquote – bitte alle zehn Sekunden zu erfolgen hat) und das werberelevante Zielpublikum sollte möglichst nicht mit echten Inhalten drangsaliert werden. Damals wurden Tabus gebrochen. Claire Waldoffs Auftritt im Herrenanzug nach 23 Uhr wurde noch von der Zensur wegen „Unsittlichkeit“ verboten. Heute kann jede/r nackt mit einer Feder im Allerwertesten selbstgeschriebene Gedichte auf die Bühne bringen und sich dabei mit Tackernadeln öffentlich piercen – es kräht kein Hahn danach.

„Ich will aber gerade vom Leben erzählen“ verbindet die Biografie Waldoffs mit ihren größten Gassenhauern. Welche stehen auf dem Programm?
Von den Gassenhauern habe ich „Wer schmeißt denn da mit Lehm?“, „Emils unanstänje Lust“, „Hannelore“ und „Hermann heeßt er“ mit ins Programm genommen. Mir war es auch wichtig, Lieder herauszukramen, die vergessen sind, wie z.B. „Mein YoYo“ oder „Die kleine Villa“. Diese Lieder sind nicht unbedingt zum Mitklatschen, erzählen aber sehr viel vom Leben und der Zeit vor 100 Jahren.

Das Erzählen ist ein gutes Stichwort. Einerseits wollte die Waldoff „vom Leben erzählen“, bisweilen sehr berührend, gleichzeitig führte sie mit ihrer Lebensgefährtin einen Salon, in dem politisch-kultureller Austausch gepflegt wurde. Heute wird immer von Marlene Dietrich gesprochen, wenn es um emanzipatorische Momente geht. Wie wichtig war denn die Waldoff für die spätere Frauenbewegung?
Marlene Dietrich wurde zu Beginn ihrer Karriere sehr von Claire gefördert, es wird gar über eine Affäre der beiden spekuliert. Das, was Marlene berühmt-berüchtigt gemacht hat (z.B. die Film-Szene im Frack, öffentliches Rauchen etc.), hat Claire schon zehn Jahre vorher gemacht – allerdings ohne die verführerische Note von Marlene sondern „gerade heraus“. Für mich war Claire schon eine „neue Frau“, bevor es den Begriff überhaupt gab. Sie hat einfach getan, was sie wollte. Mit ihrer Kraft und Frechheit hat sie einen unglaublichen Erfolg gehabt, aber sie hat keinen theoretischen Überbau gepredigt. Und ich glaube, deshalb wird sie in ihrer Bedeutung für die Frauenbewegung unterschätzt. Ich treffe heute manchmal nach Veranstaltungen sehr alte Frauen, die mir erzählen wie allein der Ton von Claire ihnen Mut gemacht hat. Die waren Kinder, als sie Claire in den 30ern erlebt haben und kriegen heute noch glänzende Augen.

Mit der Machtergreifung der Nazis, endete Waldoffs Karriere zwar nicht abrupt, war aber mit der vorherigen Zeit nicht mehr vergleichbar. Wie kam es, dass sie trotzdem noch bis 1942 immerhin noch auftreten durfte?
Claire war zu populär, um sie wirklich zu verbieten. Aber die Machthaber haben alles versucht, ihr das Leben schwer zu machen. Sie wurde für den Rundfunk gesperrt und konnte keine Platten mehr aufnehmen. Das war ein herber Schlag, denn ihre Popularität hatte natürlich sehr viel mit dem Rundfunk und der Verbreitung der Schellack-Platte zu tun. Göbbels hat sie gehasst und hat z.B. dem Scala-Direktor Konsequenzen angedroht, falls er „diese Person“ noch einmal dort auftreten sieht. So zog sich die Schlinge immer enger. Sie hat dann auch mit ihrer Lebensgefährtin 1939 einen Wohnsitz in Süddeutschland gewählt. Das alles trug dazu bei, dass sie nur noch sehr selten und dann gegen Ende des Krieges gar nicht mehr auftreten konnte.

Auch nach Kriegsende konnte Claire Waldoff nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Ihr Programm hat folglich auch kein Happy End?
Nach dem Krieg wollte man sich aufs Neue stürzen, amerikanische Musik war „in“, Rückschau war nicht angesagt. Bei mir hockt Claire trotzdem am Ende ziemlich fröhlich auf der Wolke und „kieckt wat da unten so looft“. Das Bewunderungswürdige an Claire Waldoff ist, dass sie – trotz bitterster Not und Krankheit im Alter – ihren Humor und Witz nicht verloren hat. Nach dem Motto: „Jaja, det Leben, det is wenig heiter. Man schimpft und flucht und lebt jemütlich weiter.“ Mein persönliches Happy End wäre, wenn Claire nicht vergessen werden würde.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: Ronald Klein
Foto: Kenny Dee

Ich will aber gerade vom Leben singen (Sigrid Grajek)
am 10.8., 20.30 Uhr im BKA-Theater

weitere Interviews:

Gespräch mit Young-Euro-Classic-Organisator Dieter Rexroth

Gespräch mit Theaterregisseur Stefan Neugebauer

 

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