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Interview mit Solvejg Franke zur Oper „Die heilige Ente“

solvejg_frankeDas Genre der Oper besitzt noch immer die Konnotation von „bürgerlich“, „altbacken“ und „unmodern“. Das war in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts anders. Es gab den Slogan der „Zeitoper“, die ein zeitgenössisches Setting ausmachte. Zählt die „Die heilige Ente“ dazu?
„Zeitoper“ – ja, könnte man sagen. Hans Gбl brachte in dieser Oper die absolut angesagtesten musikalischen Zeitströmungen zusammen und dabei gelang es ihm, eine ganz eigene Kompositionssprache zu finden.  Wirklich fantastisch. „Die heilige Ente“ wurde 1923 in Düsseldorf von George Szell uraufgeführt. Über Nacht war Hans Gбl damit berühmt. Diese Oper wurde noch im gleichen Jahr von sechs großen Opernhäusern übernommen und bis 1933 sehr erfolgreich in ganz Deutschland und Europa aufgeführt. Gбls Oper war berühmter als vielleicht Richard Strauss. Das weiß man nur heute nicht mehr.  


Heute zählt das Stück nicht zum Standard-Repertoire des Musiktheaters. Was hat Sie an „Der heiligen Ente“ besonders gereizt?

Leider gehört es nicht zum üblichen Repertoire. Umso wichtiger ist es, dieses Werk wieder in den Kanon zurück zu bringen. Das erste Mal seit 1933 wird das Werk wieder vollständig aufgeführt. Ich habe nur ganz wenige Takte gestrichen. Es handelt sich also quasi um eine Wiederaufführung und Entdeckung zugleich.  Es gibt aus dieser Zeit nur wenig sehr gut komponierte und zugleich wirklich komische Opern. Diese stellt eine dar – auf höchst intelligentem Unterhaltungsniveau und handwerklich einfach perfekt.  Mich interessieren gut gemachte Werke, an denen ich mich abarbeiten kann und zugleich der Welt ein Stück vergessener Wege zeigen kann.

Nicht nur das Werk selbst, auch der Komponist Hans Gбl gilt heute als vergessen. Er war u.a. von der Wiener Klassik inspiriert, wirkte eher als Traditionalist. Aufgrund seiner jüdischen Wurzeln emigrierte er 1933 erst nach Österreich, 1938 nach Großbritannien. Dort wurde er schließlich interniert. Warum?
Hand Gбl wurde aufgrund seiner jüdischen Wurzeln verfolgt. Er emigrierte nicht, sondern war ein Flüchtling. In Großbritannien fiel er der damaligen Ausländerpolitik zum Opfer, dem nach alle Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich über Nacht zu „feindlichen Ausländern“ wurden. Für ihn war das eine der schlimmsten Zeiten. Aber sogar in diesen Zeiten komponierte er, wie z.B. die tiefergreifende „Huyton Suite“, die das erniedrigende Lagerleben nicht mit Schmerzensschreien und Dissonanz spiegelt, sondern die Situation durch große Heiterkeit und Souveränität zum Ausdruck bringt.

In Großbritannien war Gбl weniger produktiv, woran lag das? Arbeitete er nicht mehr primär als Komponist?
Hans Gбl hat bis zu seinem Tod 1987 sehr fleißig komponiert, nur weiß man das viel zu wenig. Nach seiner Flucht nach England 1938 komponierte er hauptsächlich Kammermusik, da sich ihm die Möglichkeiten, Opern zu komponieren und sie aufführen zu lassen, nicht wirklich boten. Außerdem schrieb Gбl zeitlebens tonal. Nach 1945 war dies in der Musikszene weniger angesagt. In England gehörte er leider nicht zu den Kreisen um Benjamin Britten. Inzwischen entstehen mehr und mehr Aufnahmen auf CD, um Hans Gбl besser kennenzulernen. Endlich.

Alexander Kluge prägte hinsichtlich der Oper den Satz „Ich fühle Schmerzen, also bin ich“. Er referiert dabei auf das Aufbrechen eruptiver Emotionen, der eine Triebunterdrückung durch die Familie zuvor geht.
Ich fühle mich nicht unterdrückt. Ich mag einfach Oper und deshalb habe ich dieses Projekt gemacht.

Sie haben Opernregie in Deutschland und Israel studiert. Worin unterscheiden sich denn die Zugänge zur Oper in den beiden Ländern?
Gar nicht. In beiden Ländern muss man improvisieren können. In Deutschland habe ich nur mehr Möglichkeiten, praktischer zu arbeiten. Israel verbraucht zu viel Geld für andere Dinge als für (Opern)-Kultur.

Als Barenboim in Israel Wagner aufführte, entbrannte eine kontroverse Diskussion, ob dies eine Tabu-Verletzung darstelle. Hätten Sie in Israel Wagner auf die Bühne gebracht?
Sehr gerne würde ich Wagner nach Israel bringen, einfach weil Wagner eine fantastische Musik ist und ich  glaube, viele Israelis wissen das. In der „Heiligen Ente“ sind übrigens sehr viele versteckte Wagnerzitate enthalten. Man sollte vielleicht Hans Gбl in Israel spielen, um den Wagnerzugang zu erleichtern.   

Schaut man Richtung Bayreuth, stehen mit der Verpflichtung von Castorf und Meese zwei Namen ab 2013 resp. 2016 auf dem Programm, die nicht aus der klassischen Opernregie kommen (wie dereinst auch Schlingensief). Handelt es sich um eine Bluttransfusion für die Oper? Junge Regisseure aus dem Fach scheinen es ungleich schwerer zu haben, Baumgartens „Tannhäuser“ wurde von der Kritik regelrecht verrissen.
Ich glaube, man hat Baumgarten einfach mit seinem Konzept nicht verstanden. Leider. Bluttransfusion – weiß ich nicht, ich glaube, man sucht nach Namen, damit sich die Events verkaufen lassen. Aber den jüngeren Regisseuren könnte man schon etwas mehr Vertrauen entgegenbringen. Allerdings braucht man für Wagner auch eine Menge Erfahrung.

Mit welchem Dirigenten würden Sie in Zukunft gern zusammenarbeiten?
Mit allen, die ihr Handwerk können, kooperieren und eine künstlerische Vision besitzen. Namen fallen mir sehr viele ein, aber wenn Sie konkrete hören wollen, dann z.B. Mario Venzago, Dan Ettinger oder auch Cornelius Meister. Aber in erster Linie kommt es auf das Werk an und aus welcher Zeit es ist, welches man gemeinsam aufführen möchte.

Interview:
Ronald Klein

Die heilige Ente
in den Sophiensaelen
6.-12.9.

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