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Interview mit Stefan Pucher

Interview mit Stefan Pucher

Stefan Pucher, Jahrgang 1965, hat Amerikanistik und Theaterwissenschaft studiert. Erste Theaterarbeiten entstanden zusammen mit dem Performance-Kollektiv Gob Squad. Viele seiner Inszenierungen wurden zum Theatertreffen eingeladen („Richard III“, „Homo Faber“. „Othello“). Am Deutschen Theater hat Pucher zuletzt „Tape“ und „Hedda Gabler“ mit Nina Hoss inszeniert.

tip Brechts „Baal“ hat eine lange Karriere als Bürgerschreckstück hinter sich. Der Dichter Baal säuft, mordet und vögelt durch die Gegend. Schockt das heute noch jemanden?
Stefan Pucher Die ersten Fassungen von 1918, 1919 sind ganz klar auf Bürgerschreck angelegt.
Auf eine Art Publikumsbeschimpfung. Brecht hat das ja nicht naiv geschrieben, er war sich der Wirkung genau bewusst. Es gibt eine Szene, in der Baal das Publikum beschimpft, woraufhin die Leute ihn ausbuhen. Der provozierte Skandal ist ein Thema des Stücks. Stellt man so ein Stück jetzt einfach ins Museum? Versucht man den Skandal zu reproduzieren? Geht das überhaupt?

tip Und: Geht das?
Stefan Pucher Mich erinnert das Stück an die Sex Pistols – oder an Jonathan Meese. An Künstler, die ein klares Programm haben, an dem die Leute sich stoßen sollen. Nett und schön geht nicht mehr. Baal benutzt alles, was er an Material vorfindet. Und danach wird es weggeworfen. Auch wenn es Menschen sind.

tip Brecht hat gesagt, sein Baal sei asozial – aber in einer asozialen Gesellschaft.
Stefan Pucher Brecht schreibt: „Baal grast schmatzend alle Felder ab.“ Wenn man das liest, denkt man heute natürlich an Heuschreckenkapitalismus. Baal ist der Künstler als Kapitalist – oder der Kapitalist als Künstler. Und der ultimative Konsument. Der konsumiert alles, um daraus Rohstoff für sein Schreiben zu gewinnen. Baal schafft sich Situationen, in denen was Verwertbares passiert. Jeder Auftritt ist ein Skandal, mit dem er die Leute und ihr Begehren bloßstellt. Das sind Szenen, die er live schreibt, indem er sie durchspielt.

tip Der britische Theaterkritiker Kenneth ?Tynan hat Baal mit den Beatniks verglichen. Ist da was dran?
Stefan Pucher Die Beat-Poets haben als Erste Musik und Text zusammengebracht, um damit einen Künstleralltag zu beschreiben. In gewisser Weise kann man das Stück auch als frühes Roadmovie sehen. Baal ist mit seinem Freund Ekart unterwegs, kein Geld in der Tasche, aber man reist durchs Land. Das hat westernhafte Züge. Es gibt auch Szenen, bei denen man denkt, Brecht hat in den 20ern „King Kong und die weiße Frau“ gesehen. Melodramatische Versatzstücke, die aus einem frühen Stummfilm stammen könnten. Das ist das Aufregende an dem Stück, dass es so widersprüchliche Motive verhandelt.

tip Welche Rolle spielt dabei der Rausch?
Stefan Pucher Der hat ja eine Mechanik. Wenn man die Künstlerbiografie und die Ökonomie parallel betrachtet, geht es um Sprit. Öl und Benzin bringen die Wirtschaft zum Laufen, Alkohol die Kunstproduktion. Es muss was in den Tank, sonst kommt nichts in Bewegung. Ohne Schnaps keine Lyrik. Bei Baal hat die Mutter den Schnaps gegen Wasser ausgetauscht. ?Was ja ein absurder Witz ist: Welcher Trinker würde das nicht merken? Aber trotzdem ­lustig.

tip Hat Heiner Müller recht, wenn er sagt, der Asket Brecht würde Wein predigen und Wasser trinken?
Stefan Pucher Brecht spazierte Ende der 1910er-Jahre durch Berlin, nach dem Ersten Weltkrieg, wo ein Weltbild, auch in der Kunst, total aufbrach, wo alles explodierte. Da war ja auch viel Kokain im Spiel, nicht mal illegal. Brecht beschreibt eine Zeit, die rauschhaft ist, aber ohne Rausch gar nicht auszuhalten. Welche Zeit ist das schon? Ohne sich zu überhöhen oder zu betäuben?

tip „Baal“ ist das erste Brecht-Stück, das Sie inszenieren. Wie nah oder fern ist Ihnen Brecht?
Stefan Pucher Mit Heiner Müller kenne ich mich besser aus. Den habe ich noch während meiner Studienzeit in Frankfurt kennengelernt, als er zur Verteidigung von Einar Schleef kam und eine Rede gehalten hat. Schleef wurde damals ja von der Kritik vernichtet als Faschist, das war eine Wahnsinnsdebatte, eines meiner prägenden Theater­erlebnisse. Etwas Ähnliches habe ich erst wieder erlebt, als Christoph Marthaler in Zürich als Intendant abgesetzt werden sollte. Das wütete auch durch die ganze Stadt. Der wurde in der Tram angemacht: Rasieren Sie sich mal Ihren schmierigen Bart ab, Herr Mar­thaler. Das hat er aber nicht provoziert, Mar­thaler hatte gar keine Lust, in der Öffentlichkeit zu stehen. Baal sucht genau das, der hat Spaß daran, beschimpft zu werden. Da hat sich Brecht auch eingeschrieben als Autor. Mit dem unbedingten Willen, berühmt zu werden.

tip Ist Brecht ein früher Popstar, der weiß, dass Skandale gut fürs Geschäft sind?
Stefan Pucher Genau die Anfänge beschreibt er in „Baal“. ?Von heute aus betrachtet, wo es nur noch um Medienpräsenz geht, fast rührend. Da will einer berühmt werden, indem er ein Stück veröffentlicht. Das ist ein früher Mechanismus von: in die Medien kommen, sich eine Biografie aneignen, die vermarktbar ist. Dafür muss man in aller Munde sein, auch den Skandal haben. Baal stiehlt sich Räusche, der nimmt sich, was er will, lässt eine schwangere Frau sitzen. Das kann man ja gesellschaftlich gar nicht diskutieren. Nur in der Comedy geht das, wie bei den Marx Brothers, die total anarchisch sind. Das hat in jeder Gesellschaft eine Qualität, weil es einen Druck von Common Sense gibt. Dagegen steht der Mut, das Falsche zu machen, Erwartungen zu unterlaufen. Das Asoziale ist immer das Spannende.

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Arno Declair

Baal Deutsches Theater, Sa 29.11., 20 Uhr; ?Mo 1.12., 20 Uhr; Karten-Tel. 28 44 12 25

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