Theater

Interview mit Theaterregisseur Johan Simons

Kasimir_und_Karolinetip Herr Simons, mit Ihrer Inszenierung von Ödon von Horvбths „Kasimir und Karoline“ am Schauspiel Köln wird das diesjährige Theatertreffen eröffnet. Diese Ehre hatten Sie bereits 2004 mit Ihrer grandiosen Interpretation von Heiner Müllers „Anatomie Titus“.
Johan Simons Ja, und das war, glaube ich, gerade meine zweite Arbeit in Deutschland, die erste an den Münchner Kammerspielen. Das hat mich sehr gefreut, da hatte ich richtig gute Laune.

tip Horvбths „Volksstück“ spielt auf dem Münchner Oktoberfest Anfang der 30er-Jahre. Kasimir hat seine Arbeit verloren und ist bald auch seine Karoline los. Die meisten Personen leben in Armut, haben keine Perspektive, leiden unter der Wirtschaftskrise. Das kommt uns heute wieder sehr bekannt vor, oder?
Simons Und wie! Die Parallelen haben mir beim Inszenieren geholfen. Kasimir ist Chauffeur und wurde „abgebaut“. Er hat reiche Leute kutschiert und auf einmal ist das vorbei. So fängt das Stück an.

tip Bestimmt, um mit Karl Marx zu sprechen, das Sein heute noch das Bewusstsein?
Simons Natürlich! Horvбth hat, wie Joseph Roth oder Lion Feuchtwanger, den Faschismus sehr genau vorhergesehen. Ich kann mir vorstellen, dass die zunehmende Arbeitslosigkeit in absehbarer Zeit auch hierzulande zu gesellschaftlichen Unruhen führen wird.

tip Wenn der Mann arbeitslos wird, heißt es in einer Szene, lässt auch die Liebe seiner Frau nach, „und zwar automatisch“.
Simons Das Schöne an dem Stück ist, dass es über die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge hinausgeht und zeigt, wie zum Beispiel die Arbeitslosigkeit die Leute ganz individuell kaputt macht. Ich denke, das hat sich bis heute nicht geändert. Es ist genauso schlimm wie in der Zeit um die Uraufführung 1932: Wenn einem gekündigt wird, fühlt man sich plötzlich völlig entwertet.

tip Arme Leute, vom Schicksal hart gebeutelt, wirken im Theater schnell kitschig, oder?
Simons Das ist leider tatsächlich so, weil die Ereignisse auf der Bühne meist nichts mit dem Leben der Schauspieler zu tun haben. Aber ich komme aus einer theaterfernen Familie, mein Vater war Bäcker, meine Mutter Bäuerin. Wir wohnten in einem Dorf und waren sehr arm. Trotzdem hatte ich eine schöne Jugend, darum geht es nicht. Durch die alltägliche konkrete Erfahrung der Armut habe ich immer ein Gefühl für Menschen wie in „Kasimir und Karoline“ gehabt, weil ich irgendwie selbst aus ähnlichen Verhältnissen stamme. Das gibt mir den Mut, solche Stücke anzupacken. Kasimir und seine neue Freundin Erna sind Leute, die sich einen bestimmten Stolz bewahrt haben, und das habe ich mitzuinszenieren versucht.

tip Was war zuerst da – die letzte Finanzmarkt­krise oder Ihre Entscheidung für das Stück?
Simons So direkt war der Zusammenhang nun auch wieder nicht. Ich wollte das Stück seit Jahren machen, weil es mich schon immer sehr ansprach. Wenn man es liest, erscheint es sehr einfach, jedoch sind die Geschichte und die Sprache unerhört komplex.

tip Sie haben eine hochgradige Vorliebe für die deutsche Dramatik. Ist das in Holland üblich?
Simons Oh ja, und ich glaube sogar, dass Holland mehr deutsch orientiert ist als englisch. Auch die großen Philosophen kommen für mich aus Deutschland. Ich habe mich dieser Kultur immer verbunden gefühlt.

tip In einer „Gebrauchsanweisung“ zu seinen Stücken sagte Horvбth, dass es ihm vor allem um die „Demaskierung des Bewusstseins“ gehe. Wie kann man das auf der Bühne darstellen?
Simons Das ist sehr schwer. Man muss sich in erster Linie überlegen, was damit jeweils gemeint ist. Schauen Sie, Kasimir und Karoline sind am Anfang des Stücks ein Paar. Am Schluss sind sie getrennt und haben neue Partner gefunden. In der letzten Szene wird dann ein Lied gesungen: „Jedes Jahr kommt der Frühling / Ist der Winter vorbei / Nur der Mensch hat alleinig / Einen einzigen Mai.“ Da schwingt eine große Trauer mit, aber zugleich ist eine echte Bewusstseinsentwicklung passiert. Kasimir und Karoline wissen, dass ihre große Liebe vielleicht nicht mehr da ist. Trotzdem haben sie sich auf neue Partner eingelassen und versuchen, wieder glücklich zu werden. Ich sage dazu, ganz bäuerisch und stur: Es stimmt, im Menschenleben gibt es nur einen Monat Mai. Jedoch kann es auch im Winter ziemlich gemütlich sein!

tip Sind die Worte aus dem Neuen Testament, „Und die Liebe höret niemals auf“, die Horvбth als Motto zitiert, vielleicht gar nicht so ironisch gemeint?
Simons Ich finde das überhaupt nicht ironisch, ich finde das mutig! Es ist ein beherzter und offener Umgang mit den eigenen Gefühlen und Sehnsüchten.

tip Sie sagen gern, „Wer seinen Stall nicht kennt, kennt die Welt nicht“. Was heißt das?
Simons Eigentlich ist das mein Prinzip gegenüber dem Leben und gegenüber dem Theater. Mit diesem Sprichwort ist gemeint, dass man, wenn man irgendwo hingeht – wie ich nach München, wo ich ab Herbst die Kammerspiele leiten werde –, unbedingt wissen muss, was da los ist, wie die Menschen ticken. Ich werde außerdem versuchen, ein Repertoire aufzubauen, das auch mit dieser Stadt zu tun hat. Mit meiner Gruppe „Hollandia“ bin ich fünfzehn Jahre lang durch die holländische Provinz gezogen, wir traten in Ställen, Scheunen, stillgelegten Fabriken auf und haben die Städte konsequent gemieden. Meine Meinung war: Wir kommen alle vom Land, da gehören wir hin und da müssen wir auch unseren eigenen Stil entwickeln.

tip Das klingt sehr bodenständig und nahe an den Menschen. Trotzdem gilt Ihr Theater eher als intellektuell, minimalistisch und diskursiv, ohne große Effekte und Emotionen. Kommt diese Ästhetik der Reduktion durch die notgedrungenen Einschränkungen einer mobilen Theatergruppe?
Simons Nein, ich glaube, bei mir hat das mit meinem Holländersein zu tun. Auf niederländischen Gemälden aus dem 17. Jahrhundert etwa liegt der Horizont zumeist sehr weit unten im Bild. Im Gegensatz zu italienischen oder spanischen Bildern erscheint die Leinwand deshalb nie richtig vollgemalt. Denn bei den Holländern erlaubte es der niedrige Horizont, viel Platz für einen freien Himmel und für die berühmte holländische Luft zu lassen, die mit dem Wasser zu tun hat. Für die Wolken ist das Wasser wie ein Spiegel. Und dann hat mich bestimmt Piet Mondrian mit seinem Minimalismus, seiner Kahlheit beeinflusst. Das holländische Prinzip hat offenbar auch mich geprägt: „Weniger ist mehr!“ Aber ich hoffe, ich mache noch irgendwann einmal Theater, dass dieses Motto ganz und gar nicht erfüllt!

tip Sie sind sehr freundlich, sehen auf Fotos allerdings oft extrem grimmig aus … Mögen Sie Fotografen nicht?
Simons (lacht sehr) Nein, das hat damit nichts zu tun, ich sehe einfach so aus! Mein Kopf ist so gebaut. Aber im neuen Spielzeitbuch der Münchner Kammerspiele wirke ich hoffentlich etwas freundlicher.  

Interview: Irene Bazinger
Foto: Klaus Lefebvre

Kasimir und Karoline (Schauspiel Köln)
am 7.+8.5. im Haus der Berliner ­Festspiele
Infos unter Tel. 25 48 91 00

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