Theater

Interview mit Theaterregisseur Nicolas Stemann

NicolasStemann_c_OliverWolffSie arbeiten vor allem als Theaterregisseur, Thomas Kürstner und Sebastian Vogel kennt man als Theatermusiker. Weshalb treten Sie jetzt bei Ihrer „Gefahr-Bar“-Show in der Schaubühne als Band auf?
NICOLAS STEMANN Wir machen in dieser Konstellation schon sehr lange miteinander Musik, doch das war mit Ausnahme von eher sessionartigen Auftritten meist Teil meiner Inszenierungen. Fast alles, was wir zum Beispiel als Band während der Jelinek-Inszenierung von „Die Kontrakte des Kaufmanns“ spielen, ist durch Improvisation entstanden und wird während der Vorstellungen variiert. Das haben wir nie wirklich geprobt. Diesmal wollten wir uns als Musiker und als Band ernster nehmen, wir haben uns viel intensiver als sonst mit der Musik beschäftigt, die wir spielen. Herausgekommen ist eine ziemlich eigene Mischung aus Bebop, 70er-Jahre-Fusion-Rock, Electro-Trash und Chanson. Zwischendurch singen wir dann noch Wagner.

Was passiert sonst noch in Ihrer „Gefahr-Bar“?
Das ist eine Mischung aus einer Lesung, einem Konzert und einem Kunst-Happening oder so. Wir werden musizieren, wir werden Lieder singen, wir werden Texte vortragen, wir werden Gäste einladen, Schauspieler werden vorbeikommen, es gibt Film-Einspielungen und Hörspiele. Es wird ein Grundgerüst geben, aber letztendlich wird jeder Abend ein bisschen anders sein, auch, weil wir uns jedes Mal mit aktuellen Themen beschäftigen. Die Premiere am 22.12. findet zum Beispiel einen Tag nach dem Weltuntergang statt, wie wir dank des Maya-Kalenders wissen. Entsprechend werden wir uns natürlich auch mit dem Weltuntergang vom Vortag beschäftigen. Eigentlich wollen wir ein Unterhaltungsprogramm machen.

Was für Texte kommen zum Vortrag?
Ich habe nach meiner letzten Inszenierung im März eine kleine Inszenierungspause eingelegt. Ich wollte eine Zeit Dinge produzieren, ohne dass alles gleich ins Theater fließen muss. Da sind eine ganze Menge Texte und Lieder entstanden, Miniaturen und kleine Szenen. Wir sitzen auf einem Berg von Material …

Lustig ist der Text aus der Show, mit dem Sie die Premiere ankündigen: »Als Bobby Blanket damals die E-Gitarre erfand, war ihm der Spott der Dorfbewohner gewiss, was ihn zunächst verwunderte, hatte er doch immerhin gerade die E-Gitarre erfunden, die doch nicht weniger als die populäre Musik des soeben anbrechenden Jahrhunderts prägen sollte“. Das klingt nach heiterem Unsinn.
Das klingt nach heiterem Unsinn, es ist aber ein fiktives Kulturereignis, das da beschrieben wird. Fiktive Kulturereignisse gibt es einige an diesem Abend. Man weiß nicht, ob sie wirklich stattfinden oder nicht. Ohnehin interessieren wir uns für das Thema Kultur: Was treiben wir da eigentlich die ganze Zeit? Was soll das alles? Was unterscheidet die Tiere eigentlich von den Menschen? All solche Dinge …

Naheliegende Fragen für jemanden, der wie Sie seit vielen Jahren Kulturereignisse herstellt.
Genau deshalb wollen wir diese Fragen ja auch stellen – und beantworten. Das haben wir uns zumindest vorgenommen (lacht).

Sie sind in Ihren Theaterinszenierungen ab und zu schon selber als Performer und Musiker aufgetreten. Weshalb wechseln Sie jetzt mit der „Gefahr-Bar“ vom Regiepult auf die Bühne?
Ich stand als Musiker ja schon auf der Bühne, bevor ich anfing, Regie zu führen. Ich habe meine ersten Bühnenerfahrungen mit Bands gemacht. Das ließ sich aus meiner Theaterarbeit irgendwann nicht mehr raushalten. Das ist da durch die Hintertür wieder reingekommen. Das Musikmachen vor anderen Leuten und auf der Bühne zu stehen, das ist offenbar etwas, was mich umtreibt. Eine Zeit lang dachte ich, dass man das vom Theater trennen muss, dass man entweder Musik macht oder als Regisseur ein Theaterstück inszeniert. In den letzten Jahren ist die Musik zunehmend in die Regietätigkeit eingeflossen, da lag es eigentlich nahe, das jetzt auch mal als musikalischen Abend zu präsentieren.  

Stimmt es, dass auch Ihre Proben zu Theaterstücken etwas vom gemeinsamen Suchen und Entwickeln eines Songs wie bei einer Band im Probenraum haben?
Ich benutze beim Proben diese Band-Metapher eigentlich sehr gerne, weil ich das eine schöne Art finde, gemeinsam kreativ zu sein. Ich weiß gar nicht, ob es außer in Bands und der Arbeit im Theater andere Bereiche gibt, wo das so möglich ist. Ich versuche in meiner Theaterarbeit eine Inszenierung auch so zu führen, dass ein ähnlicher kreativer Prozess angestoßen wird, wie man ihn bei einer guten Band hat. Im Grunde entwickelt sich meine Theaterarbeit immer mehr in eine Richtung, die sich mit musikalischen Begriffen beschreiben lässt, auch wenn nicht nur musiziert wird.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Oliver Wolff


Gefahr-Bar
Schaubühne, 22., 23.12. 2012, 10.1. 2013, 20 Uhr,
Karten-Tel.: 89 00 23

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