Theater

Interview mit Theaterregisseur Stefan Neugebauer

Stefan_NeugebauerHeiner Müller konstatierte einst, dass ihn beim Schreiben die Vorstellung des Raumes, beim Inszenieren das Haus resp. die Bühne inspiriere. Das Stadtbad Steglitz ist ebenfalls ein imposantes Haus. Ging es Ihnen ähnlich, als Sie begannen „Die Entführung aus dem Serail“ vorzubereiten? Welche Spezifika sind dem Haus zu eigen, die konkret in
Ihre Inszenierung einflossen?

Neugebauer: Die Schwimmhalle mit der sakral anmutenden Apsis ist
so imposant, dass sie förmlich danach verlangt, eine Oper in ihr zu inszenieren, auch die Überakustik ist eher für Musiktheater geeignet als für Schauspiel. Außerdem war es bei dieser Oper möglich, die Zuschauer im Becken so zu platzieren, dass man ringsum spielen konnte. Eine Art 360 Grad bewegliches Musiktheater, geboren aus den
spezifischen Möglichkeiten der Schwimmhallen-Architektur.

An den großen Opernhäusern gab es zuletzt mit Thalheimers Inszenierung und der von Calixto Bieito zwei nicht unumstrittene, aber medienwirksame Interpretationen des Stoffes. Sie gehen weniger radikal an die Oper. Worin besteht für Sie der Kern, das Skelett? Sie sprechen ja in diesem Kontext von einem „vermeintlichen Kampf der Kulturen“.
Ja, ich habe beide Aufführungen gesehen und beide waren aus verschiedenen Gründen sehr anregend, die eine in der Reduktion auf die Musik, und die andere in der Verortung – also Serail gleich Puff.
Uns interessierte bei der Bearbeitung der beiden Libretti von Stephanie und Bretzner, die wir neu bearbeitet haben, das Persönliche, also der von Bretzner angelegte Vater– Sohn–Konflikt: Was passiert, wenn ein Vater seinen vierjährigen Sohn verlässt, ihm später unwissend die geliebte Frau entführt und ihm dann bei der gescheiterten Entführung aus dem Serail erstmals nach 25 Jahren gegenüber steht? Das Orientalische reduziert sich bei uns auf eine Klangfarbe, und die anderen Konflikte, beispielsweise zwischen Osmin und Blonde resultieren viel eher aus einer anderen Auffassung von Mann-Frau-Beziehungen.

Entfuehrung_aus_dem_SerailLetztes Jahr inszenierten Sie „Die Zauberflöte“. Besitzen Sie eine Affinität zu Mozart – falls ja, woher rührt diese?
Nun in Albanien habe ich in der Tat „Die Zauberflöte“ inszeniert und dachte bei den Proben, Mozart ist der Shakespeare des Musiktheaters. Da ist alles drin. Trauriges, Komisches, Groteskes, Verrücktes – kurz das ganze Leben. Und natürlich ist es eine Art Privileg, über Wochen Mozart hören zu dürfen. Und je intensiver man Mozart hört, desto raffinierter wirken seine Singspiele. Er war und ist ein großer Entertainer.

Mozart entwirft – für seine Zeit – eine radikale Utopie: die der Versöhnung. Ist das ein Gedanke, den sie als Regisseur tendenziell aufnehmen?
Unbedingt, nur die Versöhnung ist sehr ambivalent, denn Bassa Selim ist am Ende nicht versöhnt mit seinem Schicksal, denn er schafft sich seine Freunde / Feinde lediglich vom Leibe. Es versöhnen sich nur die beiden Liebespaare.
Übrigens versöhnt sich Sarastro auch nicht mit der Königin der Nacht –egal, wie man die Geschichte erzählt. Aber natürlich „versöhnt“ einen Mozarts Musik mit der Welt.

Sie inszenieren Sprech- und Musiktheater. Es gibt Kollegen, die mit
Sprechtheater begannen, dann zur Oper fanden und nur noch selten zum Sprechtheater zurückkehren. Können Sie diese Entwicklung nachvollziehen? Worin besteht für Sie der Reiz, weiterhin parallel zu arbeiten?

Sänger bringen einem Regisseur ein größeres Vertrauen entgegen als Schauspieler. Das ist wunderbar, denn man steht viel weniger unter dem Druck, sich erklären zu müssen. Aber ob das der Grund für meine Kollegen ist, weiß ich nicht.
Der Reiz der Oper besteht darin, dass sich einige dramaturgische Fragen durch die musikalischen Spannungsbögen erübrigen und man mit dem Dirigenten einen Partner hat. Wenn dazu noch das Orchester und der Chor kommen, ist es wirklich faszinierend, wie am Ende alle Beteiligten zusammenwirken. Also im Idealfall eine sehr „versöhnliche“ Arbeit.

Interview: Ronald Klein
Foto: Bert Löwenherz

Die Entführung aus dem Serail: Termine
im Stadtbad Steglitz
(bis 11.8.)

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