Theater

Interview mit Thomas Hermanns zum QCC-Geburtstag

Thomas_HermannsHerr Hermanns, fast jeder Deutsche kennt Sie und Ihren Quatsch Comedy Club, den  QCC. Doch was genau ist eigentlich Ihr Job?
Thomas Hermanns Ich bezeichne mich zur Zeit als Showmacher. Ich denke mir Live-Shows aus, besetze, beaufsichtige, style sie. Ich bringe sie manchmal auch selbst auf die Bühne oder produziere sie selbst, weil ich dafür sorgen will, dass meine Sachen so umgesetzt werden, wie ich sie mir vorgestellt habe. Der Ansatz ist eigentlich immer: live, Bühne, Humor, meist mit Musik.

Warum stehen Sie nicht selbst als Comedian auf der Bühne?
Ich habe mich nie als Komiker gesehen und auch nie ein Solo-Comedy-Programm gemacht. Ich war immer der Gastgeber und Showmaster, das heißt, du bist halt immer in Sektlaune, egal, in welchem Zustand du wirklich bist. Seit zwei Jahren moderiere ich live fast gar nicht mehr. Ich inszeniere oder schreibe Textbücher, wie 2011 das Musical „Kein Pardon“ nach dem Film von Harpe Kerkeling. Mit der Autorenseite meiner Showmacher-Funktion bin ich im Moment sehr happy. Ich muss nicht mehr immer das Show-Pony auf der Bühne abgeben.

Wie waren die ersten Jahre, als Sie die Stand-up-Comedy nach Deutschland brachten?
Als ich Anfang der 1990er-Jahre damit anfing, wusste keiner, was das ist – wir auch nicht! Von Pro7 haben wir noch einen Brief, in dem steht, dass es bei diesem Sender NIE ein Stand-up-Comedy-Programm geben werde, weil sich derlei nicht als Format fürs Fernsehen eignet.

Und nun zeigen Sie mit dem Quatsch Comedy Club das am längsten bestehende Comedy-Format im Fernsehen.
Wir hatten viel Glück: Die erste Staffel umfasste zwölf Folgen, das wird heute niemandem mehr garantiert. Dann wurde die Sendung auf 0.30 Uhr verschoben. Da haben wir erst wütend aufgeheult, aber im Nachhinein hat uns das den Arsch gerettet, weil wir aus dem Quotendruck raus waren und uns schön langsam entwickeln konnten. Unter den heutigen Bedingungen auf dem Fernsehmarkt wäre die Gründung des QCC unmöglich.

Theater im Fernsehen ist meist schwer genießbar. Wie konnte sich ein Bühnenformat wie der QCC durchsetzen?
Durch die Live-Shows hatten wir die Nummern immer schon ausprobiert, ehe sie ins Fernsehen kamen, und wussten, dass sie gut sind. Das hat viel zum Erfolg beigetragen. Die Fernsehleute konnten sich auf uns verlassen, wir konnten nachweisen, dass das Publikum unter Live-Bedingungen gelacht hatte. Wir haben uns allerdings auch sehr darum bemüht, dass Comedy im Fernsehen nicht wie Kleinkunst aussieht. Als Kind der 1980er-Jahre wollte ich unbedingt, dass die Comedians wie Popstars rüberkommen – durch die Beleuchtung, den Einsatz der Kameras, durch Gegenlicht und Nebel. Das war neu. Als wir nicht mehr im Studio in München aufgezeichnet haben, sondern in der originalen Berliner Clublocation, wollten wir dann genau das abbilden, was hier passiert. Wir schneiden deshalb auch kaum, außer es gibt technische Probleme.

Wäre es schlimm für Ihre Clubs in Hamburg und Berlin, wenn Pro7 die Sendung einstellen würde?
Es wäre schade, aber nach 15 Jahren auch nicht wirklich überraschend. Den Club-Betrieb würde es aber, glaube ich, nicht beeinflussen. Wir waren immer eine Live-Marke, die zwar durch’s Fernsehen berühmt gemacht wurde, aber im Club vor Ort spielt die Musik und live ist es lustiger als im Fernsehen. So können wir pro Jahr in Berlin etwa 370 Vorstellungen bestreiten, in Hamburg sind es 150, dazu kommen regelmäßige Gastspiele in Düsseldorf.

Es gibt so viel Nachwuchs, dass Sie einen Club in Hamburg, einen in Berlin und hier überdies eine Talentschmiede führen können. Wieso wird jemand Comedian?
Ich glaube, die meisten Comedians haben das Gefühl, außen vor zu stehen und eine Außensicht auf die Welt zu haben. So jemand ist nie der Populäre auf dem Schulhof, auch nicht der Klassenkasper. Man muss natürlich eine Rampensau sein, aber eine große Klappe genügt nicht, es gehört schon eine Verletzlichkeit und die Bereitschaft dazu, die Seele zu öffnen und das Publikum heranzulassen. Und man muss mit den Leuten im Saal irgendetwas teilen können, was sie kennen und auf ihr Leben anwenden können, etwas, woraus sich eine Gemeinsamkeit entwickelt.

Sind Ihre Clubs immer noch wie in den frühen Jahren ein Zuschussgeschäft?
Es ist nicht so, dass man damit reich werden kann. Man muss ganz genau rechnen und immer für Querfinanzierungen sorgen, etwa durch Fernsehen, Sponsoren, Gastronomie. Als unsubventioniertes Haus mit 300 Plätzen ökonomisch zu überleben – das ist eine sehr sportliche Herausforderung.

20 Jahre QCC heißt auch: 10 Jahre QCC in Berlin. Ist das Publikum in Hamburg anders als hier?
Unser Publikum setzt sich aus sämtlichen Schichten und Generationen zusammen. Aber eigentlich lachen alle über dasselbe. Die Hamburger haben mehr Geld, die Berliner das größere Angebot an Live-Entertainment.

Sie sind offen schwul und haben Ihren Mann im Roten Rathaus geheiratet. Sagen Sie als Experte: Gibt es einen speziellen schwulen Humor?
Es gibt den sogenannten „campen“ Humor, den können aber auch Heteros machen. Dame Edna ist ja eine Erfindung eines heterosexuellen Australiers – und niemand könnte camper sein! Aber auf der ganzen Welt ist Comedian ein Heterojungsberuf. Zu 80 bis 90 Prozent üben ihn Heteromänner aus, nur ganz wenige Frauen und noch weniger Schwule.

Thomas_HermannsAus Ihrer reichen Erfahrung – was ist lustig?
Bezogen auf die klassische Stand-up-Comedy-Konstellation – ein Mann oder eine Frau, ein Mikro, keine Verkleidung, kein Rollenspiel – ist es lustig, wenn die Person auf der Bühne etwas erlitten hat, davon erzählt, und das Publikum kann sagen, das kennen wir auch. Menschen haben die Fähigkeit, Missgeschicke durch das gemeinsame Lachen, durch die Katharsis zu überwinden. Comedy sagt: Keiner ist perfekt, gib’s zu, red’ darüber auf der Bühne, und dann wirst du von allen im Saal erlöst und freigesprochen, weil es denen genauso geht wie dir.

Wie lange werden Sie mit Ihrem QCC noch weitermachen?
Der QCC ist wirklich mein Baby. Seit zwei Jahren ist es volljährig. Der QCC ist jetzt ein Klassiker, das ist ein tolles Gefühl. Allmählich wird er vielleicht so einen Nimbus wie ein guter Jazzclub in New York kriegen, in den alle gehen und sagen: Wow, hier hat einmal Miles Davis Trompete geblasen! 

Interview: Irene Bazinger
Fotos: Harry Schnitger

20 Jahre Quatsch Comedy Club – die große Jubiläumsgala
u.a. mit Michael Mittermeier, Dieter Nuhr, Cindy aus Marzahn, Rainald Grebe, Oliver Pocher, Ingo Appelt
Mi 1.2., 19.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle,
Karten-Tel. 44 30 44 30

Zur Person: Thomas Hermanns
geboren 1963 in Bochum, ist nicht nur Moderator, Drehbuchautor, Regisseur und Humorunternehmer, sondern auch Magister der Theaterwissenschaft. 1992 brachte er mit seiner Bühnenshow „Quatsch Comedy Club“ die Stand-up-Comedy nach Deutschland und wurde damit selbst zum Star. Die Show läuft seit 1997 bei Pro7. Mit dem Quatsch Comedy Club zog er 2002 von Hamburg nach Berlin, eröffnete aber vier Jahre später in Hamburg erneut eine Spielstätte. Thomas Hermanns bot anfangs kaum bekannten Comedians wie Michael Mittermeier, Dieter Nuhr, Olli Dittrich, Rainald Grebe oder Gayle Tufts eine Bühne und entdeckte neue Talente wie Cindy aus Marzahn, Bülent Ceylan oder Rйnй Marik.

 

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