Theater

Interview mit Ulrich Khuon – Teil 2

Ulrich_KhuonKhuon Ja, wahrscheinlich. In der Wirtschaft wurden ganze Branchen hochgejazzt und stürzten dann entsprechend brutal wieder ab. Im Gegensatz zu diesen wahnsinnigen Ausschlägen in der Wirtschaft verschlanken die Theater seit Jahrzehnten ihren Apparat. Die Theater lernten schon lange vor der Wirtschaftskrise, mit dem Spardruck umzugehen. Natürlich gibt es Gefahren. Es gibt innerhalb der Häuser Routinen und es gibt die elementaren, radikalen Aufbruchsenergien und Inhalte – zum Beispiel in der Arbeit eines so außergewöhnlichen Regisseurs wie Michael Thalheimer.

tip Der in den letzten Jahren einer der prägenden Regisseure am
Deutschen Theater war, aber auch über viele Jahre bei Ihnen am Thalia Theater gearbeitet hat und weiter am DT inszenieren wird.

Khuon Ja. Die Routinen in den Theatern sind auch notwendig, aber
der Apparat darf sich nicht behäbig auf alles drauflegen. Das ist tödlich. Das muss man immer wieder aufbrechen und Unruhe reinbringen.

tip Durch die Rezession brechen den Kommunen die Steuereinnahmen
weg, gleichzeitig sollen sie ihre Neuverschuldung runterfahren. So entstehen harte Sparnotwendigkeiten. Kultur ist anders als zum Beispiel Sozialausgaben keine Pflichtaufgabe der Kommunen. Geraten die Theater unter Druck?
Khuon Das glaube ich schon. Aber es ist völlig irre, zu glauben,
mit Einsparungen im Kulturetat öffentliche Finanzen sanieren zu können. Das sind letztlich keine Summen. In den öffentlichen Haushalten liegt der Anteil der Theaterausgaben deutlich bei unter einem Prozent. Ich finde es richtig, dass in Berlin der gesamte öffentliche Dienst spart. Aber zu glauben, die paar Theaterleute könnten die Finanzprobleme des gesamten öffentlichen Dienstes lösen, ist aberwitzig.

tip Wozu braucht eine Stadt wie Berlin überhaupt so viele subventionierte Theater?
Khuon Ich glaube, dass jedes Theater für seine Legitimation auch selber kämpfen muss. Gleichzeitig sehen wir, dass in den Städten öffentlicher Raum privat besetzt wird, durch Kommerz, durch Events, durch die ganzen Saufmeilen, wo es um nichts anderes geht als um die Betäubung. Inzwischen sind die gigantischen Showrooms der Autokonzerne, die VW-Autostadt, die BMW-World und so weiter, architektonisch aufregender als die Museen, Bauten wie große Inszenierungen, die die Ware feiern und heiligsprechen. Das besetzt öffentlichen Raum. Aber eine Stadt, eine Gesellschaft braucht Öffentlichkeit, Orte, wo öffentliches Nach­denken jenseits von Konzern-
und Privatinteressen möglich ist. Theater sind solche Orte.

tip Welche gesellschaftlichen Probleme verhandelt das DT in Ihrer ersten Spielzeit?
Khuon Das kann man ja an den Stücken festmachen – zum Beispiel an „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad und an „Öl“ von Lukas Bärfuss …

tip … die beiden Eröffnungspremieren der Spielzeit, zwei Urauführungen, inszeniert von Ihren beiden wichtigsten Hausregisseuren Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig.
Khuon Da geht es unter anderem um die Frage, wie schaffen wir
die Balance zwischen der Wahrnehmung und der Aneignung des Fremden und der Gefahr, uns selber fremd zu werden. Conrads „Herz der Finsternis“ ist dafür ein großer, existentzieller Rahmen. Auch die dritte Premiere, Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“, mit der ganzen Sprengkraft und Fremdheit, die das Stück hat, gehört dazu. „Öl“ handelt wie „Herz der Finsternis“ von Europäern in der Fremde. Was passiert, wenn wir unter dem Vorwand oder sogar im gut gemeinten Glauben, dass wir Demokratie und westliche Werte bringen, in solchen Ländern arbeiten? Am Ende geht es natürlich um Rohstoffe. Da funktioniert Wirtschaft glasklar und brutal. Maß und Moral kann man vergessen, die ganzen Corporate-Social-Responsibilty-Papiere der Konzerne sind
Tarnungsvorgänge für die PR und Elemente der internen Mobilisierung, mehr nicht.

tip Ist Wirtschaft nicht ein biss­chen komplizierter?
Khuon Die Stücke sind ja auch komplizierter. Bärfuss erzählt in
„Öl“ von der Fremde und gleichzeitig von sehr privaten Situationen einer Ehe, zum Beispiel. Sich fremd zu fühlen ist ja sowieso eine Metapher für die Moderne: Eine unglaubliche Kommunikationsintensität einerseits bei gleichzeitigem Fehlen echter Beziehungen. Joey Goebel, ein junger amerikanischer Schriftsteller, hat das neulich gesagt: Wir sind wie Babys, die 25-Jährigen brabbeln, twit­tern und spielen ununterbrochen … Das passt zu dem Gedanken von Pascal: Wir lenken uns dauernd ab, um den Abgrund nicht zu sehen, auf den wir zulaufen. Theater ist ein Ort, an dem man sich selber wahrnehmen kann. Es geht auch um Körper. Unsere Gegenwart leidet total daran, dass die Menschen mit ihren Körpern nicht mehr zufrieden sind. Körper sollen
irgendwelchen Idealmaßen entsprechen, gleichzeitig sollen sie ein Heilsversprechen darstellen. Im Theater sieht man unretuschierte Körper. Gerhard Stadelmaier von der „FAZ“ hat über das Thalia-Theater geschrieben: „Das Schwitz-, Schrei- und Stöhn-Ensemble“. Inzwischen würde ich das als Auszeichnung nehmen. Der Mensch ist ein schwitzendes, schreiendes, verzweifeltes oder glückliches Wesen. Und das sieht man
auf der Bühne.

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Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Jens Berger/tip


Herz der Finsternis

in den DT-Kammerspielen, Premiere Do 17.9., 20 Uhr
Öl Deutsches Theater, Premiere Fr 18.9., 19.30 Uhr
Prinz Friedrich von Homburg Premiere Fr 25.9., 19.30 Uhr

 

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