• Kultur
  • Theater
  • Interview mit Ulrich Matthes über seine „Wastwater“ Inszenierung

Theater

Interview mit Ulrich Matthes über seine „Wastwater“ Inszenierung

Ulrich_MathesHerr Matthes, weshalb tun Sie es sich an, Regie zu führen?
ULRICH MATTHES
Ist ja nicht das erste Mal. Das Stück ist einfach gut. Und weil ich die Kollegen, die ich mir als Schauspieler für diese Inszenierung gewünscht habe, großartig finde. Ich habe mich auf sie gefreut und jetzt freue ich mich in den Proben über sie.

Wenn Schauspieler Regie führen, wird gerne unterstellt, sie wollten, dass ihre Darsteller alles so spielen, wie sie selbst es gespielt hätten.
Das versuche ich mit allen Mitteln der Selbstkontrolle zu verhindern (lacht). Ich habe mir zum Beispiel fest vorgenommen, nichts vorzuspielen, gar nichts. Und zu 99 Prozent habe ich mich auch daran gehalten. Diese Art von Papageienhaftigkeit, dass ein Schauspieler imitiert, was ihm ein Regisseur vormacht, hat am Theater nichts verloren.

Wie kamen Sie auf das britische Gegenwartsstück „Wastwater“?
Der entscheidende Impuls für diese Inszenierung war das großartige Stück von Simon Stephebs. Ulrich Khuon versammelt ab und zu Schauspieler, die Lust dazu haben, gemeinsam ein zeitgenössisches Stück zu lesen und dann darüber zu reden, wie man das so findet. Als „Wastwater“ zu Ende gelesen war, habe ich spontan gesagt, das würde ich gerne inszenieren. Das war ein emotionaler, im ersten Moment null intellektueller Vorgang.

Es geht in jeder der drei Szenen um sehr grundlegende Beziehungen, um Eltern und Kinder oder um ein Liebespaar. Nur sind diese Beziehungen leicht verschoben: Ein Ziehsohn verabschiedet sich von seiner Pflegemutter. Eine Frau und ein Mann treffen sich in einem Hotelzimmer, aber sie sind kein Liebespaar, es geht offenbar um ein reines Sex-Date. Ein Mann wartet in der Nähe des Flughafens auf die Ankunft eines Kindes aus einem Dritte-Welt-Land, das er illegal adoptieren möchte … Das sind Szenen, die – in der Sehnsucht nach so etwas wie Liebe – von einer großen Einsamkeit erzählen.
Die Figuren haben ein enormes Bedürfnis nach Nähe, aber letztlich stellt sich diese Nähe in keiner dieser drei Konstellationen wirklich ein. Es ist wie die pure, nackte Zustandsbeschreibung einer Bedürftigkeit. Sie kriegen es nicht hin, dafür sind ihre Egos auch zu groß. Die Egos wollen jeweils etwas erreichen und stoßen sich in diesem Bedürfnis eher noch mehr voneinander ab, als miteinander in Kontakt zu kommen. Aber ich habe offen gestanden eine große Verlegenheit, wenn ich mich in so einem Interview vor der Premiere mit irgendeiner Interpretation vorwagen soll. Ich möchte nicht mit mehr oder weniger klugen Interview-Sätzen den Zuschauern ihre Assoziationen und Fantasien, die sie hoffentlich in der Aufführung haben, vorgeben.

Wir können ja einfach über das Stück von Simon Stephens sprechen. Wie Sie das in Ihrer Inszenierung umsetzen, kann man dann ja im Theater erleben. Was hat Sie an diesen einsamen Menschen, die Stephens zeigt, gereizt?
Was mich beim ersten Lesen wirklich berührt hat, ist das Empathiepotenzial. Das Stück ist auf eine völlig unsentimentale Weise hochemotional aufgeladen. Trotz der Dunkelheit ahnt man sozusagen eine Art von nackter Humanität. Simon Stephens hat für unser Programmheft den schönen Satz geschrieben, Theater sei die Kunst der Empathie. Das ist für ihn die Grundlage von Theater.

Während jemand wie Heiner Müller sagen würde: Theater ist Konflikt. Da ist Stephens Sicht auf das Theater und die Welt menschenfreundlicher.
Ja, glaube ich schon. Im Übrigen treffen bei diesem Stück ja beide Sätze zu. Ich habe Simon Stephens kennengelernt, ein sehr lustiger, herzlicher Mensch. Man denkt gar nicht, dass er so dunkle Stücke schreibt.

Ich musste angesichts dieser einsamen Menschen in Stephens Stück an Gemälde von Edward Hopper denken, eine nüchterne, selbstverständliche Melancholie, in der die Figuren auf Hoppers Bildern ziemlich hoffnungslos alleine sind.
Ich denke bei dem Stück immer an die Akte von Lucian Freud, ich habe den Schauspielern auch Abbildungen dieser Akte gezeigt. Obwohl man jede Runzel und jede Falte erkennt, die unreine Haut, das schlaff gewordene Fleisch, die müden, verbrauchten, vom Leben gezeichneten Körper, wird man, wenn man diese Gemälde sieht, überhaupt nicht misanthropisch. Im Gegenteil, man fühlt sich diesen Menschen zutiefst zugehörig.

Könnte man sagen: Man fühlt sich ihnen verbunden in der eigenen Zerbrechlichkeit? Sehen wir in Ihrer Inszenierung etwas von dieser Zerbrechlichkeit und Not der Menschen?
Na ja, das ist mir ein bisschen zu feierlich. Der Abend ist auch eine Studie in Reduktion: Was kann man mit möglichst zurückgenommenen Mitteln erzählen? Zum Beispiel das Paar, das sich in der zweiten Szene in einem Hotelzimmer zum Sex trifft – was da verhandelt wird, geht weit über den reinen Sex hinaus. Natürlich suchen die beiden eine Nähe. Das ist ja eine Erfahrung, die man vielleicht auch von One-Night-Stands kennt. Dabei geht es fast immer um mehr als nur um Sex, um das Flämmchen der Illusion, es könnte sich aus diesem Moment eine Art von Amour fou ergeben. Diese Hoffnung schwingt zumindest bei den etwas sensibleren Menschen, ob sie es sich eingestehen oder nicht, immer mit, oder? (lacht)

Das schöne an Stephens Stück und seiner lakonischen Schreibweise ist ja, dass er die leisen Tragödien im Alltag entdeckt. Er braucht keine Überhöhungen, keine Pathosformeln, keine grellen Schockmomente, also all das, was im Theater gerne als Geschmacks- und Wirkungsverstärker eingesetzt wird. Stephens beobachtet gewöhnliche Menschen, aber das macht er ungeheuer genau. Interessiert Sie diese auf den ersten Blick vielleicht etwas untheatralische Alltäglichkeit der Figuren?
Total. Die Erforschung des Alltags interessiert mich enorm. Das ist übrigens ein Grund dafür, dass ich immer wieder mal damit hadere, dass ich im Film oft auf so historische Extremfiguren wie im „Untergang“ festgelegt werde. Ich würde gerne auch im Film diese 2013-Gegenwartsmenschen viel mehr erforschen, mit reduziertesten schauspielerischen Mitteln Zeitgenossentum erkunden. Es interessiert mich sehr, wie weit man da gehen kann. Das subtil Zeitgenössische an diesem Stück ist diese Menschenerkundung. Stephens kommt ohne die großen politischen Schlagworte von Finanzkrise bis Klimakatastrophe bis Hartz IV aus. Trotzdem ist sein Stück in jedem Moment zeitgenössisch und erzählt von unserer Gegenwart, von einem heutigen Lebensgefühl. Das ist auch konfrontativ zu diesem ganzen virtuellen Kram, der uns umgibt, der uns prägt und dekonzen­triert. Es ist übrigens auch ein Stück über Konzentration, darüber, was es bedeutet, sich auf den Moment einzulassen. Alle drei Teile spielen in Transiträumen, definiert durch die Flughafennähe. Für die Menschen in diesen Transiträumen hält für einen Moment die Zeit an. In dieser angehaltenen Zeit verdichtet sich enorm, was da miteinander erlebt wird. Es stehen sich zwei Menschen gegenüber und versuchen, miteinander in Kontakt zu kommen. Das ist wie eine Urzelle des Menschseins wie des Theaters.

Weshalb des Theaters?
Was geschieht im Theater? Zwei Gruppen, oder zwei Energien, versuchen miteinander zu kommunizieren, auf der Bühne die Schauspieler und unten im Zuschauerraum das Publikum, für eine bestimmte Zeit für diese Begegnung herausgelöst aus dem eigenen Alltag. Diese Art von Energie schafft ein enormes Maß an Gegenwärtigkeit. 

Interview: Peter Laudenbach
Foto: David von Becker

Wastwater: Termine
Deutsches Theater Kammerspiele,
u.a. am So 5.5., 19.30 Uhr, Mi 8., Sa 11., Sa 18.5., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 28 44 12 21

 

weitere Theaterinterviews:

Im Gespräch mit Jan Bosse über „Rigoletto“

Michael Thalheimer über „Geschichten aus dem Wiener Wald“

Im Gespräch mit dem Komponisten Steve Reich und seiner Frau, der Videokünstlerin Beryl Korot

Interview mit Alexander Karschnia zu „Der (kommende) Aufstand“ von Friedrich Schiller

Im Gespräch mit Anders Veiel und dem Ex-Banker Otto Steinmetz zum „Himbeerreich“

Theater und Bühne in Berlin

 

Mehr über Cookies erfahren