Uraufführung

Interview mit Yael Ronen

„Verdrängung ist eine Zeitbombe“ – Die Regisseurin Yael Ronen über ihre Inszenierung Denial, mit der das Maxim Gorki Theater die Spielzeit eröffnet

 Yael Ronen
Foto: Esra Rotthoff

tip Herzlichen Glückwunsch, Frau Ronen. Ihr Stück „The Situation“ wurde vor kurzem zum Stück des Jahres gewählt, das Gorki ist zum zweiten Mal das Theater des Jahres. Wie starten Sie in die neue Spielzeit?
Yael Ronen Hoffentlich entspannt und ohne Druck. Nach diesem Erfolg können wir nur noch scheitern.

tip Das neue Stück, das Sie mit Ihren Schauspielern entwickeln, heißt „Denial“. Was wird denn da verdrängt?
Yael Ronen Ziemlich viel und ziemlich unterschiedliches. Der Auslöser für dieses Projekt war ein Aufsatz von Eva Illouz in einer israelischen Zeitschrift. Sie untersucht, wie sich die Mechanismen des Verdrängens bei sehr persönlichen, privaten Dingen, etwa in der Familie, und bei politischen, gesellschaftlichen Themen gleichen. Einen Genozid zu verdrängen und nicht darüber zu sprechen, funktioniert ähnlich wie das Schweigen über einen sexuellen Missbrauch in einer Familie. Illouz unterscheidet drei Arten des Verdrängens. Wenn wir Teile unserer Vergangenheit verdrängen, wollen wir nicht, dass das zu unserer Geschichte, zu unserer Identität oder zu unserem Bild gegenüber anderen gehört. Das zweite ist das Verdrängen von gegenwärtigen Geschehnissen, eine Art partielle Blindheit, wenn wir nicht sehen wollen, was in unserem Hinterhof geschieht oder was die Refugees auf ihrer Flucht erleben. Wenn man sich fragt, wie es in Deutschland zur Herrschaft der Nationalsozialisten und zur Shoah kommen konnte, muss man immer auch nach den Deutschen fragen, die weggeschaut haben und behaupten, nichts gewusst zu haben. Natürlich ist das nicht nur ein historisches Phänomen. Die dritte Form des
Verdrängens gilt der Zukunft, wenn wir Dinge, die offensichtlich geschehen werden, ignorieren oder lieber nicht darüber nachdenken – sei es der Klimawandel oder die Wahrscheinlichkeit, dass wir vom Rauchen Krebs bekommen können oder die Tatsache, dass jeder von uns sterben wird. Wir wissen, dass wir sterben werden, aber wir verdrängen das jeden Tag. Diese drei Arten des Verdrängens der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft analysiert Eva Illouz.

tip Verdrängung hat keinen guten Ruf, was sicher auch mit protestantischem Bekenntniszwang zu tun hat. Aber vielleicht ist es ja auch ein Selbstschutz, wenn man die Wahrheit nicht immer ertragen kann?
Yael Ronen Kann Verdrängung legitim und notwendig sein? Das ist eine der Fragen, die wir uns in dem Stück stellen. Ist es immer nötig und hilfreich, alles zu wissen? Wir fragen, was die Vorteile des Verdrängens sind und was sein Preis ist, auf einer persönlichen und auf einer gesellschaftlichen Ebene. Natürlich kann man sich besser fühlen, wenn man unangenehme Wahrheiten erfolgreich ignoriert oder verleugnet. Man kann dann wählen, welche Wahrheit man als Teil der eigenen Biographie akzeptiert und welche nicht, man konstruiert die eigene Identität. Es stimmt, dass wir uns durch Verdrängung schützen wollen. Irgendwo habe ich gelesen, dass Verdrängung ein effektiver Selbstschutz ist, solange es nicht um Geld geht. Irgendwann muss man die Rechnung zahlen. Verdrängung schützt dich vor der Tatsache, dass die Wirklichkeit brutal ist. Aber ich glaube, dass Verdrängung immer eine Zeitbombe ist. Man kann sie nicht für immer aufrechthalten, irgendwann rächt sie sich.

tip Diese Wiederkehr des Verdrängten ist eine der Kernthesen der Psychoanalyse.
Yael Ronen Ja. Die Kosten der Verdrängung haben zwei Aspekte – indivduell und gesellschaftlich. Was für den einzelnen nach traumatisierenden Gewalterfahrungen ein notwendiger Selbstschutz sein kann, wird zu einer gefährlichen Lüge, wenn ganze Gesellschaften zum Beispiel kollektiv begangene Verbrechen leugnen.

tip Haben Sie konkrete Beispiele?
Yael Ronen Unser ganzes Stück besteht aus einzelnen Geschichten auf unterschiedlichen Levels, einige sind sehr persönlich, zum Beispiel wenn es um die sexuelle Identität und ein Coming-Out geht. Ein anderes Bespiel ist der Blick auf die eigenen Eltern: Man projiziert, was sie sind, dann sieht man sie irgendwann realistisch, und später sieht man, wie sie alt, gebrechlich, krank und dement werden. Vielleicht kann man erst, wenn man sie so schwach sieht, erkennen, wer sie wirklich sind. Ein anderes Beispiel hat mit dem Narrativ des Staates Israel zu tun: Welche Geschichte erzählt Israel über sich selbst, etwa im Schulunterricht. Und was wird dabei ausgelassen – zum Beispiel zwei Jahrhunderte palästinensischer Geschichte. Natürlich hat es mit massiver Verdrängung zu tun, wenn heute jemand in Israel behauptet, es gäbe keine Besetzung palästinensischer Gebiete. Wie können Menschen sich selbst so blind machen und nicht sehen, was vor ihren Augen geschieht? Bürgerrechtsbewegungen wie „Breaking the Silence“  versuchen, dieses kollektive Verdrängen zu durchbrechen.

tip Gibt es Fälle, in denen Menschen keine Möglichkeit haben, über grausame Erlebnisse zu sprechen, weil sie daran zerbrechen würden?
Yael Ronen Jemand, der viele Jahre sexuell missbraucht wurde, weiß irgendwann vielleicht nicht mehr, welche Erinnerung wahr ist und welche nicht, und wie viel Wahrheit er oder sie aushalten kann. Eine Geschichte in unserem Stück handelt von einer iranischen Mutter und ihrer Tochter. Das Kind wurde im Gefängnis geboren, die Mutter war eine politische Gefangene. Die Mutter konnte das ihrer Tochter nie sagen, sie konnte ihre eigene Geschichte nicht mit ihrer Tochter teilen. Die Tochter hat irgendwann die Wahrheit über ihre Geburt erfahren, aber sie musste ihr Wissen vor der Mutter verbergen, das Aussprechen der Wahrheit wäre zu grausam gewesen. Das erzählt viel darüber, wie uns Verdrängung schützen kann.

Maxim Gorki Theater Fr 9.9., 20 Uhr, Mi 14., So 18.9., 19.30 Uhr, Eintritt 10–34, erm. 8 €

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