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Interview: Philip Glass über „Einstein on the Beach“ im Haus der Berliner Festspiele

hilip_Glass_03_c_RaymondMeierEs ist das Theaterereignis des Jahres: Robert Wilsons und Philip Glass’ Oper „Einstein on the Beach“ kommt als Gastspiel nach Berlin. Die Uraufführung der Minimal-Music-Bilder-Oper wirkte 1976 wie ein revolutionärer Schock, ein Höhepunkt des postmodern-surrealistischen Theaters, das die Zeit endlos zerdehnt und wie im Traum Bühnenräume von kühler Schönheit zeigt. Jetzt haben Wilson und Glass ihr Meisterwerk noch einmal auf die Bühne gebracht. Das Gastspiel in Berlin ist das einzige in Deutschland. Wir haben mit Philip Glass in New York telefoniert.

Die Uraufführung Ihrer Oper „Einstein on the Beach“ war 1976 eine Sensation. Wie konnte eine Oper zu einem so großen Erfolg werden, die konsequent auf stringente Handlung, psychologische Motivierung und musikalische Entwicklung verzichtet?
„Einstein on the Beach“ kam einfach deshalb so ungeheuer gut an, weil noch niemand so etwas gesehen hatte. Damals haben Robert Wilson und ich gerade mit verschiedenen Theaterformen experimentiert, wir standen unter dem Einfluss von Peter Brook und des Living Theatre. Das waren unsere Vorgänger und wir waren die nachdrängende, jüngere Generation. Wir sind nicht vom Himmel gefallen, das haben wir auch nie behauptet. Das große Echo haben wir bekommen, weil wir Musik, Bewegung und Text auf eine völlig neue Weise zusammengedacht haben. Ich war ein Mittdreißiger und hatte bereits seit etwa 18 Jahren an verschiedenen Theatern gearbeitet. Robert Wilson ist vier Jahre älter als ich, wir sind damals also nicht gerade frisch von der High School gekommen. Robert Wilson arbeitete an seiner Bühnensprache und ich an meiner Kompositionsweise, wir konnten sehr gut zusammen arbeiten. Wir waren beide bereit, ein großes Projekt in Angriff zu nehmen, und begegneten uns auf demselben Level von Professionalität.

War das einfach ein glücklicher Moment der Theatergeschichte, in der zwei aufstrebende Künstler ihr Schicksal in die Hand nahmen?
Das Stück dauert ziemlich lange und es stellt hohe Anforderungen an die ausführenden Künstler. Man braucht zahlreiche Instrumentalisten, eine Tanzcompagnie und Gesangssolisten. Insgesamt haben etwa 35 Menschen an dem Stück gearbeitet, weil wir uns mehr damals nicht leisten konnten. Heute sind mindestens doppelt so viele Menschen unmittelbar an der Aufführung beteiligt. Was aber daran offenbar so faszinierend war, ist die Tatsache, dass wir eine fertige Sprache eines neuartigen Musik-Tanz-Theaters auf die Bühne bringen konnten, das scheinbar aus dem Nichts kam. Ich betone nochmal, dass unsere Arbeit überhaupt nicht aus dem Nichts kam, sondern dass wir Vorgänger hatten, aber es wirkte ungeheuer neu und frisch. Wir standen in engem Kontakt mit dem Komponisten John Cage, dem Choreografen Merce Cunningham oder dem Maler Robert Rauschenberg. Sie waren unsere Mentoren und mit ihrer künstlerischen Qualität auch unser Ansporn.

Einstein_on_the_Beach_c_LucieJansch2012_PomegranateArtsDie Uraufführung liegt inzwischen fast dreißig Jahre zurück. Was ist an dieser Inszenierung heute noch von Interesse?
Wir haben „Einstein on the Beach“ nach der Uraufführung noch mehrmals auf die Bühne gebracht, jeweils mit einigen Jahren Abstand. Jedes Mal hatten die Aufführungen dieselbe bemerkenswerte Wirkung auf die Zuschauer. Ich habe mich oft gefragt, warum die Inszenierung immer noch so neu wirkt, obwohl wir eigentlich nichts verändert haben. „Einstein on the Beach“ hat merkwürdigerweise nicht Schule gemacht. Niemand hat unseren Stil imitiert, niemand hat ihn weiterentwickelt. Das Stück stand immer für sich selbst. Es ist ein Zwischending, ein experimentelles Werk, das ein großes Publikum erreichen konnte. Dabei konnten es zunächst gar nicht viele Menschen sehen. Nach der Premiere gab es nur 35 Aufführungen, und die Inszenierung wurde nicht verfilmt oder für das Fernsehen aufgezeichnet. Auch bei den Wiederaufnahmen 1984 und 1992 konnten nicht besonders viele Menschen die Oper sehen. Es war also tatsächlich neu für jene, die es im Theater sahen.

Hat sich die Inszenierung im Lauf der Jahre verändert?
Als wir die jetzige Tour im Jahr 2012 vorbereiteten, geschah allerdings etwas Neues. Robert Wilson und ich sind keine Mittdreißiger mehr, wir haben unser ganzes Leben im Theater verbracht. Ich habe mehr als zwanzig Opern komponiert, Filmmusik und andere Werke, und Robert Wilson war vielleicht noch produktiver als ich. Ich habe die ebenfalls erfolgreichen Opern „Satyagraha“ und „Kepler“ geschrieben, aber ich habe nie wieder etwas wie „Einstein on the Beach“ gemacht. Allerdings sind die ausführenden Künstler in der Zwischenzeit deutlich virtuoser geworden. Die Choreografin Lucinda Childs hat die Tänzer auf eine ganz neuartige Weise in das Geschehen eingefügt, das mussten auch die Tänzer erstmal lernen. Für die aktuelle Neueinstudierung haben wir Tänzer ausgesucht, die heute ungefähr so alt sind wie wir damals waren, aber die heutigen Tänzer sind viel besser ausgebildet als die Tänzer der Uraufführung. Sie sind einfach überwältigend gut. Als wir uns die Proben ansahen, dachten wir bloß: „Wie haben wir das eigentlich damals gemacht?“ Erst heute erreicht die Produktion eine Perfektion, an die wir damals nur in unseren kühnsten Träumen dachten. Man kann sich einige Ausschnitte auf Video anschauen, und wir haben das ganz ordentlich hingekriegt, ich will im Rückblick auch nicht zu nörgelig sein, aber das Stück ist über die Jahre gewachsen. Schon allein weil die Beleuchtungstechnik heute sehr viel weiter ist und Robert Wilson jetzt viel exakter mit den Lichtstimmungen arbeiten kann. Es handelt sich also nicht bloß um eine Wiederholung, sondern um eine deutliche Verfeinerung des Kunstwerks.

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