Theater

Interview zu „Der(kommende) Aufstand“ im HAU

Der_kommende_AufstandHerr Karschnia, zum Einstieg ein Zitat: „Unter welchem Blickwinkel man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ausweglos“. Einverstanden?
ALEXANDER KARSCHNIA
Auf jeden Fall. Wir erleben seit Jahren eine Weltkrise, von der speziell Deutschland im Moment noch zu profitieren scheint. Aber dazu gibt es einen schönen Satz von Wolfgang Neuss: „Erst hab ich ’ne Krise, dann haben Sie ’se.“ Die de­struktive Dynamik, die da losgetreten wurde, wird uns einholen.

Der Satz stammt aus dem Pamphlet „Der kommende Aufstand“ eines „Unsichtbaren Komitees“, das Sie jetzt mit andcompany&Co. im HAU auf die Bühne bringen. Was reizt Sie an diesem linksromantischen Manifest?
Nach der ersten Lektüre, Ende 2010, fand ich den Text auch noch sehr romantisch. Besonders die These, dass 2001 nicht nur in Argentinien die Wirtschaft stillstand, sondern es auch Aufstände in Algerien gab und man erwarten müsse, dass sich als nächstes die arabische Welt erhebt. Das habe ich für vollkommen absurd gehalten. Als es dann so kam, dachte ich: Okay, vielleicht haben die in Frankreich andere Signale empfangen als ich. Außerdem hat mich die breite Wirkung fasziniert, die das Werk hatte: eine anarcho-autonome Schrift, die in sämtlichen Feuilletons besprochen wurde und im Bahnhofsbuchhandel auf dem Büchertisch liegt.

Das anonyme Autorenkollektiv behauptet, wir hätten die Fähigkeit zum Aufstand durch demokratische Anästhesie verloren. Reichlich konfus, oder?
In gewisser Weise ist das Buch sehr französisch. Das liest sich im deutschen Kontext manchmal etwas irreführend, auch nicht ungefährlich. Als sei nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nichts mehr passiert, was ja nicht stimmt. Natürlich war 1968. Für uns war wichtig, wie sich 1968 und 2011 auf verrückte Weise kurzgeschlossen haben, als Jahre, in denen Protest wirklich weltweit aufgeflammt ist. Ende 2010 verbrennt sich Mohamed Bouazizi in Tunesien, die arabische Welt steht Kopf, der Funke springt über bis nach New York in die Wall Streeet.

Womit wir wieder bei der neueren Protestfolklore wären, der Occupy-Bewegung zum Beispiel.
Ich glaube, dass Occupy noch lange nicht vorbei ist. Aber zur Protestfolklore: Es gibt ja die berühmte Marx-Formulierung, wonach Revolutionäre immer in den Kostümen vergangener Revolutionen auftreten. Das haben wir als Theaterleute aufgegriffen und uns umgeschaut, welche Kostüme wir uns anziehen können. Und dabei sind wir auf Revolutionäre gestoßen, die gar nicht im europäischen Bewusstsein verankert sind, aber eine große Rolle gespielt haben: die Geusen.
Über deren Aufstand hat Schiller seine historische Schrift „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande“ verfasst.

Weshalb schließen Sie das jetzt mit dem „Kommenden Aufstand“ kurz?
Das war die erste moderne europäische Revolution: Niederländer, die sich gegen das spanische Weltreich erhoben haben, beziehungsweise zunächst gegen die Inquisition. Die ihre Rechte und Privilegien als Bürger verteidigt haben, ganz unterwürfig erst mal. Die sind zur Statthalterin von Philipp II. marschiert, um sie zu bewegen, bestimmte Sondergesetze zurückzunehmen. Die war über den Aufzug der Geusen erschrocken, wodurch der berühmte Ausspruch eines Höflings zustande kam: „N’ayez pas peur madame, ce ne sont que des gueux“ – keine Angst, das sind nur Bettler. Daraufhin haben sich die Bürger in den Niederlanden als Bettler verkleidet. Das hat schon was von popaffinen Protestformen.

Der_kommende_aufstandDie Produktion ist mit einem deutsch-niederländisch-flämischen Ensemble entstanden und richtet sich konkret auch gegen die Kulturkürzungen in Holland. Bringt man Künstler am verlässlichsten auf die Barrikaden, wenn’s um ihr eigenes Geld geht?
Das ist wie bei den Geusen, die haben ja auch erst mal dafür gekämpft, dass bestimmte Steuern zurückgenommen werden. In den Niederlanden wird auf dem Rücken der Künstlerinnen und Künstler populistische Politik gemacht. Der Rechte Geert Wilders hat ja die mittlerweile auseinandergebrochene Minderheitsregierung toleriert und das Echo seiner Propaganda hallte auf der Straße wider. Ein Bekannter von uns hat Straßentheater für Kinder gemacht, umsonst, und auf einmal fragte ihn ein kleiner Junge: „Bist du subven­ti­oniert?“ Subventionsschlucker war noch eine der freundlicheren Bezeichnungen.

Aber bleibt der Aufstand auf der Bühne nicht Pose?
Wir sagen: Wir proben den Aufstand. Und wir haben durchaus das Szenario durchgespielt, dass es die Probe für eine Bühnenbesetzung ist. Dafür gibt es ja mit dem Teatro Valle in Rom und dem Embros Theater in Athen prominente Beispiele. Aber das hat auch etwas Spielerisches, die Politik der Kunst braucht den Moment des Unernstes. Wir betreiben eben nicht Kulturpolitik und machen realistische Vorschläge, die zwar notwendig, aber auch dröge sind, so а la: Wir wollen einen Teil der City Tax.

Das deutsche Stadttheater versucht ja gern mal, mit Schiller revolutionär zu werden. Dabei führen die Künstler meist Selbstgespräche.
Deutschland hatte statt einer bürgerlichen Revolution Schiller, statt eines Parlaments das Stadttheater. Als „Don Carlos“ 1848 bei einer Premiere Standing Ovations erhielt, ist Metternich geflohen, weil er dachte, jetzt bricht hier der Aufstand los. Das ist natürlich vollkommen verpufft. Aber dass zum Beispiel das Neue Theater in Budapest anno 2012 als letztes Stück vor der Übernahme durch den rechtsradikalen neuen Intendanten „Don Carlos“ aufführt, hat uns auch beschäftigt.

Ihr ehemaliger Professor, der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, glaubt, dass Politik im Theater höchstens indirekt verhandelbar ist. Stimmen Sie zu?
Wir haben darüber mit ihm viele Diskussionen geführt, weil wir schon immer politische Wirksamkeit erreichen wollten und trotzdem Theater machen. Ich bin selbst hin- und hergerissen zwischen Aktivismus, aber nur in performativer Form, und Theater. Deswegen bin ich auch mit Schlingensiefs Partei „Chance 2000“ in den Bundestagswahlkampf gezogen und habe sie selbst in den Hessen-Wahlkampf geführt. Das war prägend, diese spielerische Unterbrechung des politischen Diskurses, die eben nicht im Bierernst versackt. Das Theater als großes Spiel begreifen, das aber auch riskant werden kann – das ist die Tradition der Situationisten. 

Interview: Patrick Wildermann
Fotos: HansJoerg Michel


Der (kommende) Aufstand nach ­Friedrich Schiller

HAU 1, Di 26.2., Do 28.2., 20 Uhr, 
Karten-Tel. 25 90 04 27

Phantasma und Politik #1
Diskussion mit Alexander Karschnia, Hans-Thies Lehmann u.a.,
HAU 1, Mi 27.2., 1730 Uhr

 

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