Theater

Interview zum Festival Tanz im August

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TIP: „Wenn im Tanztheater ein Sack Tutus umfällt, interessiert das außerhalb desselben eh keine Sau“, meinte Diedrich Diederichsen neulich in der taz. Stimmt das? Und weshalb wäre es trotzdem ein Fehler, das Festival zu verpassen?

Bettina Masuch: Das Problem im zeitgenössischen Tanz ist weder das Tutu noch die üblichen Geschlechterklischees, die früher im Tanztheater verhandelt wurden. Diederichsen attackiert etwas, was vielleicht vor 30 Jahren stilprägend war. Heute geht es im Tanz, der sich als zeitgenössische Kunstform begreift, um ganz andere Dinge als um romantische Märchenwelten, mit oder ohne Tutu. Es geht zum Beispiel um die Frage danach, wie sich kulturelle Identität in der Globalisierung entwickelt. Es geht um urbane Lebensentwürfe und Bewegungs-Möglichkeiten. Der Tanz ist per se eine sehr internationale, sprachunabängige Kunstform, das macht ihn zum idealen Medium, um auf die kulturellen Reibungen, Überschneidungen und Patchworkidentitäten in der Globalisierung zu verhandeln. Die Arbeitsweisen im zeitgenössischen Tanz sind ohnehin transnational und die Choreographen reagieren heutzutage eben auch ästhetisch auf die Tatsache, dass sie zum Beispiel mit Tänzern mit 5 verschiedenen Nationalitäten arbeiten.

TIP: Was erwartet uns beim “tanz im August”? Gibt es Stücke, die auf die Globalisierung reagieren?

Masuch
: Ja, zum Beispiel Akram Khans Stück „Bahok“, das er mit Tänzern des National Ballet of China erarbeitet hat. Es geht um die Frage, was heute so etwas wie Heimat sein kann. In seiner choreografischen Arbeit lässt er seine sehr heutige Formensprache, die mit alltäglichem Bewegungsmaterial spielt, auf die Virtuosität des klassischen Balletts prallen. Diese beiden Welten verschmelzen nicht zu etwas diffusem Dritten, sondern stehen schroff und unverbunden nebeneinander. Das ist eine heutige Erfahrung vieler Menschen. Sie leben gleichzeitig in sehr unterschiedlichen, miteinander nur an der Oberfläche verbundenen Kulturen. Das Stück spielt in einer Transit-Zone, in der die unterschiedlichsten Reisenden aufeinander treffen.

TIP: Wieviele Aufführungen in welchen Ländern haben Sie zur Vorbereitung gesehen, um die Auswahl für das Programm treffen zu können? Nach welchen Kriterien entscheiden Sie und die anderen Kuratoren sich für eine Inszenierung?

Masuch: Ich sehe im Schnitt 3 oder 4 Aufführungen pro Woche, in Berlin, in Europa, in den USA, in Südamerika, teilweise auch in Asien.Ein Drittel des Jahres bin ich sicher auf Reisen, um mir Aufführungen irgendwo in der Welt anzusehen. Inzwischen schaue ich mir mindestens noch mal so viele Stücke auf Dvds oder im Netz auf youtube an. Das ist oft der erste Schritt vor der Entscheidung, mir eine Aufführung vor Ort anzusehen. Jeder der 25 Produktionen, die wir eingeladen haben, hat mindestens einer der Kuratoren live gesehen. Es geht uns eher um bestimmte Künstler, deren Arbeit wir kontinuierlich verfolgen, als um einen starren Kriterienkatalog oder bestimme definierte Ästhetiken. Wichtig ist uns, dass stilprägende, international bekannte Choreografen neben Jüngeren, noch unbekannteren Künstlern vertreten sind.
HIROAKI_UMEDA
TIP: Dieses Jahr feiert das Festival ein kleines Jubiläum. Wie hat es sich aus Ihrer Sicht seit der Gründung vor 20 Jahren verändert?

Masuch: Die Funktion des Festivals hat sich verändert. In den letzten 20 Jahren hat sich Berlin zu einer wichtigen Tanzmetropole entwickelt, das war Belin vorher definitiv nicht. Das Festival hat auch Pionierarbeit geleistet, es hat den internationalen Tanz nach Berlin geholt und ein Publikum, das es so vorher nicht gab, dafür begeistert. Das Festival war immer ein wunderbarer Weg, wichtige internationale Choreografen in die Stadt zu holen – z.B. Meg Stuart.

TIP: Ist das Festival in den letzten 20 Jahren offener für neue Formen und das Mischen von Genres geworden, von HipHop bis zu Installationen?

Masuch: Definitiv, und das ist gewollt. Damit reagiert das Festival auf die Entwicklung der jungen Choreografen, deren Arbeit sich Genrezuordnungen entzieht, zum Beispiel der japanische Choreograf und Tänzer Hiroaki Umeda. Er hat eine klassische Ausbildung, beschäftigt sich aber inzwischen mit Break Dance und Hightech-Videoinstallation-Environments.


TIP
: Ihr Geheimtip: Was sollen wir auf keinen Fall verpassen?

MASUCH: Hiroaki Umeda. Und die beiden großen, alten Damen des postmodernen Tanzes, Trisha Brown und Deborah Hey.

Interview
: Peter Laudenbach

Tanz im August, 15. – 31. August 2008

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