Theater

Iphigenie auf Tauris in der Schaubühne

Iphigenie auf Tauris in der SchaubühneOb es an diesen grün-goldenen Augen mit der sagenhaften Strahlkraft liegt, die alles, was ihnen un­terkommt, einerseits zu durchleuchten, andererseits zu erleuchten scheinen? Oder an der inneren und äußeren Spannung, mit der die Schauspielerin Judith Engel gern gefährdete, schwierige, nicht ganz durchsichtige Figuren darstellt? Wie in Neil LaButes Stück „Bash“, in dem sie 2001 an den Hamburger Kammerspielen in einem langen Monolog eine heutige Medea spielte. Und für die späte Rache am Vater ihres Sohnes, der die Schwangere einst plötzlich verließ, zur Mörderin wurde. Für diese in allem szenischen Minimalismus raumfüllende, herzzerreißende und abgründig bestürzende Meisterleistung wurde sie mit dem renommierten Eysoldt-Preis ausgezeichnet. Es sind gewiss etliche weitere Faktoren wie Handwerk, Intelligenz, Demut, die den Erfolg von Judith Engel ausmachen. Welche Qualifikation für einen Schauspieler am wichtigsten ist? „Die Fähigkeit“, sagt sie, „vieles auszuhalten: Die eigene Unzufriedenheit, das Hadern mit einem Stück, selbstverständlich auch den Misserfolg. Und dass man sich trotz alledem den Spaß am Spielen bewahrt!“

Seit 2004 ist die Vierzigjährige, geboren in Potsdam, ausgebildet an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule, fest im Ensemble der Schaubühne. Dort wartet jetzt Goethes „Iphigenie“ auf sie – das humanistische Idealwesen auf hohem Versfuß, die Galionsfigur der deutschen Klassik. Wie beglaubigt man eine solche Lichtgestalt, die nicht untergeht, obwohl der eigene Vater sie den Göttern opfern will – in der Hoffnung auf tüchtigen Wind für seine Kriegsflotte, die endlich nach Troja segeln will? Bei Goethe wird diese Iphigenie von Diana gerettet und auf der Insel Tauris abgesetzt, wo sie der Jagdgöttin als Priesterin dienen muss. Und dem dort herrschenden König Thoas die lokale Gepflogenheit abgewöhnt, alle Neuankömmlinge abzuschlachten. Als er sich in die kultivierte Griechin verliebt, will sie ihn sich vom Leibe halten, möglichst ohne sein Wohlwollen zu riskieren. Wie spielt man das?

Iphigenie auf Tauris in der SchaubühneDass Iphigenie ihre Verletzungen und Traumata mit Toleranz und Liebe transzendiert, hat Judith Engel von Anfang an am meis­ten interessiert. Lediglich eine Idee – und sei es die des Wahren, Guten, Schönen – fände sie zu wenig, wie auch der Regisseur Jossi Wieler, der „Iphigenie auf Tauris“ inszeniert. Sie ist nach Weimar gefahren und hat außer der Goethestadt auch das nahe gelegene Konzentrationslager Buchenwald besucht. Und sie hat viel über Entführungsopfer wie Ingrid Betancourt oder Natascha Kampusch gelesen. Es ist ihr fast peinlich, darüber zu sprechen, weil natürlich nichts davon direkt und platt in ihre Rollengestaltung einfließen wird, dazu ist Judith Engel viel zu anspruchsvoll und selbstkritisch. Jedoch hilft ihr diese Vorbereitung im weitesten Sinne, auf der Bühne einen Menschen lebendig zu machen, der zwar in fünffüßigen Jamben spricht – aber trotzdem nicht von gestern ist. Nach den zahlreichen zeitgenössischen Dramen der vergangenen Jahre freut sie sich wieder auf das Versmaß, das die un­terschiedlichsten Seelenzustände und emotionalen Erschütterungen in eine ebenmäßig klare Form bringt: „Mit 15, 16 Jahren, als ich merkte, dass ich Lust habe, Theater zu spielen, hat mich vor allem die Sprache fasziniert“, sagt sie im Gespräch. „Von Kleist und Büchner war ich zutiefst begeistert und hoffte, einmal vor anderen laut sagen zu dürfen, was die geschrieben haben!“

Judith_EngelIn der letzten Zeit ist die Mutter eines 14-jährigen Sohnes etwas kürzergetreten, weil sie noch zwei Kinder bekommen hat. Mit Matthias Matschke, ihrem Ehemann und Kollegen, organisiert sie nun Beruf und Familie nach einem strikten Stundenplan, um alles unter einen Hut zu kriegen. Auf den Proben erholt sie sich von zu Hause, zu Hause dann von den Proben. Und träumt zwi­schen­durch davon, ihr komisches Talent öfter ausschöpfen zu dürfen. Wunderbare Kostproben davon liefert sie gerade in David Gieselmanns Komödie „Die Tauben“ an der Schaubühne. Bei Goethes Klassiker wird es wohl weniger zu lachen geben, auch weil sich Judith Engel immer bemüht, all die Widersprüche zu zeigen, die ihre Figuren fast zerreißen. Aber so ist die Welt: „Man erschrickt über die grausamen Dinge, die Menschen tun“, sagt Judith Engel. „Und man ist wundersam schockiert von den Idealen, zu denen jeder auch fähig ist.“

Text: Irene Bazinger
Fotos: Arno Declair, Porträt: Jens Berger

Iphigenie auf Tauris
Schaubühne, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf,
14.5. (P), 19.-21., 25.+26.,29.+31.5., 20 Uhr

 

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