Klassiker

„Iphigenie auf Tauris“

Ivan Panteleev inszeniert Goethes Anti-Tragödie „Iphigenie auf Tauris“ – in vielerlei Hinsicht eine Rarität

Foto: Arno Declair
Foto: Arno Declair

Für Friedrich Schiller war Goethes „Iphigenie auf Tauris“ ein Werk, das aus der „gegenwärtigen Epoche“ herausfalle – ein Fremdkörper im laufenden Theaterbetrieb der damaligen Hoftheater. So ein merkwürdiger Fremdkörper ist jetzt auch Ivan Panteleevs Inszenierung am Deutschen Theater. Panteleev macht etwas, was im derzeitigen Theaterbetrieb fast schon störrischen Eigensinn beweist: Er spielt einen klassischen Text, ohne ihn zu kommentieren oder zu demonstrieren, dass der Regisseur eigentlich klüger sei als der Autor. Ja, er lässt sich sogar auf die antikisierende Verssprache und das Humanitäts-Pathos Goethes ein, ohne es zu ironisieren oder die geschlossene Form des Schauspiels mit Fremdtexten aufzubrechen. Wie schon in seiner Berliner „Godot“-Inszenierung und seinem „Philoktet“ am Münchner Residenztheater folgt Panteleev uneingeschränkt der Stückvorlage: Goethe pur, direkt (und ohne Readers-Digest-Verkürzungen) vom Reclamheft auf die Bühne. Und das, obwohl die Exilsituation Iphigenies („Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern ein einsam Leben führt“) doch für allerlei zeitgenössische Flüchtlings-­Assoziationen herhalten könnte.

Noch erstaunlicher als die Bescheidenheit vor dem Groß-Klassiker ist, dass diese Nicht-Interpretation dank der Schauspieler über weite Strecken peinlichkeitsfrei funktioniert und nur selten, etwa in den Dröhn- und Brüll-Anfällen von Pylades (Camill Jamal) die Grenze zur unfreiwilligen Komik streift. Die Schauspieler können etwas, was fast so selten geworden ist wie der demütige Umgang der Regie mit der Stückvorlage: Sie sprechen die elegant rhythmisierten Jamben, ohne sie mechanisch zu rattern. Und sie denken, was sie sagen. So wirken selbst die wie ins Marmor der Sprache gemeißelten Formeln („Ein unnütz Leben ist ein früher Tod“) nicht wie gestelzte Sentenzen, sondern wie Gedanken, die gerade erst entstehen. Ihre Schönheit entfalten sie in der Selbstverständlichkeit, mit der sie hier gesprochen werden. Ein Satz wie Iphigenies „Den festen Boden deiner Einsamkeit musst du verlassen … trüb und bang verkennest du die Welt und dich“ ist hier kein erhabenes Klassiker-Zitat, sondern eine Wahrheit.

Vor allem der auch in ihren anderen Rollen am Deutschen Theater ziemlich großartigen Kathleen Morgeneyer als Priesterin Iphigenie gelingt es, ihre Figur in feinen ­Nuancen und Schattierungen zu zeigen und das Korsett der hohen Form sozusagen zu verflüssigen. Oliver Stokowski, der seinen König Thoas wie einen nachdenklichen Bauern spielt, und Moritz Grove als dauerüberhitzter Orest sind Kontrastfiguren zur leicht entrückten Iphigenie. Eine hochkonzentrierte Barbara Schnitzler als Thoas’ Diener Arkas scheint den einzelnen Worten und Gedanken aufmerksam hinterherzuhorchen – sie weiß, dass jeder Satz über Verhängnis oder Rettung entscheiden kann.

Die auf die Sprache konzentrierte Inszenierung wirkt, als wolle sie einen sehr prinzipiellen Satz, den die ohnmächtige, aber entschiedene Iphigenie zum Herrscher Thoas sagt, zum Regiekonzept machen: „Ich habe nichts als Worte.“ Denn so gekonnt die Spachbehandlung, so konfus und hilflos sind leider die szenischen Zeichen. Als Ausdruck größerer Erregung wird sich gerne weiße Farbe ins Gesicht geschmiert. Sehr bedeutsam malt man zu Beginn des Abends auch die schwarzen Wände weiß an, was sicher etwas zu bedeuten hat, auch wenn sich dem armen Betrachter diese Bedeutung nicht erschließen mag. Ansonsten wird viel herumgestanden oder wahlweise auf dem Boden gesessen. Die Bühne (Johannes Schütz) ist ein großer Tisch, dessen Bedeutung als Ersatz für Iphigenies Insel-Hain sich nicht erschließt. Vielleicht wurden die Bäumchen des Hains ja gefällt und zu Tischbeinen verarbeitet.

Aber Kathleen Morgeneyer als Titelfigur trägt den Abend. Sie befreit ihre Iphigenie von der Leidens- und Menscheitsversöhnungs-Ikone. Wir sehen: einen lebendigen Menschen. Selbst der Prolog, den sie als szenische Pathos-Formel sehr zerdehnt und wie statuarisch eingefroren spricht, ist hier kein feierliches Ausrufezeichen, sondern der Beginn einer langen Gedankenbewegung, der man über die zweieinhalb Stunden der Aufführung immer wieder gebannt folgt. Das ist keine kleine Leistung, denn diese Iphigenie ist (als erst von ihrem Vater Agamemnon dem Kriegsglück Geopferte, dann vom Opfer-Altar von der Göttin Diana Gerettete, aber auf eine ferne Insel Verbannte) erkennbar die Kopfgeburt eines Autors, der gerade die antiken Tragödien für sich entdeckte. „Ich schrieb meine Iphigenie aus einem Studium der griechischen Sachen, das aber unzulänglich war“, gab Goethe ein Vierteljahrhundert nach der Entstehung des Stücks zu Protokoll. Die Anti-Tragödie will den Schuld-Zusammenhang und heillosen Schrecken der antiken Vorlage als Edelmut-Erlösungsmärchen vom Verhängnis befreien. Kein Wunder, dass sie dem Autor selbst als „ganz verteufelt human“ etwas suspekt war. Dieser Überkonstruiertheit des Stücks entkommt auch Panteleev nicht.

Deutsches Theater Di 8.11., Do 17.11., Mo 21.11., 20 Uhr, Eintritt  5–48 €

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