Theater

„Ismene, Schwester von“ in den DT Kammerspielen

IsmeneSchwesterVon_c_ArnoDeclairAn diesem Abend gleichen die Kammerspiele des Deutschen Theaters einem Totenreich. Ein schmaler Steg ragt vor dem geschlossenen eisernen Vorhang fast bis ins Parkett. Durch einen winzigen Durchgang kommt Ismene mit langem, in den Jahrtausenden im Jenseits weiß gewordenem Haar aus der dunklen Höhle hinter dem eisernen Vorhang: Die Tote hat Ausgang. Sie scheint sich über den ungewohnten Besuch der Lebenden im Zuschauerraum zu wundern: „Wer seid Ihr?“

Wir erleben, wie sie sich an das Grauen ihres Lebens erinnert, an den Vater Ödipus , der seine Kinder mit der eigenen Mutter zeugte, an den Selbstmord der Mutter und die Selbstblendung des Vaters, an die Brüder, die einander umgebracht haben, an den Selbstmord der Schwester Antigone. „Jeder, den ich geliebt habe, wurde getötet oder hat sich selbst getötet“, sagt Ismene. Zwischen all den Toten ihrer Familie ist sie dazu verdammt, die Schrecken immer wieder zu rekapitulieren, als wolle sie das erste Grundgesetz der Psychoanalyse „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ ohne jede Aussicht auf Therapieerfolge in aller Ewigkeit befolgen.

Stefan Kimmig hat den Monolog „Ismene, Schwester von“ der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans inszeniert, ohne in die Fallen eines kitschigen Schmerz-Pathos zu tappen oder in die üblichen schalen Ironisierungen auszuweichen: An diesem Abend ist das Deutsche Theater eine mätzchenfreie Zone. Was die Aufführung trotz des über Strecken etwas flachen, mal bemüht poetisierenden, mal flapsig in Alltagssprache wechselnden Textes faszinierend macht, ist das konzentrierte, bei aller Wucht klar gegliederte, nie gefühlsklebrige Spiel von Susanne Wolff.

Sie wechselt von herben Tönen, in denen Hohn und ab und zu für Augenblicke eine trotzige Lebensgier mitschwingen, zu zarten, verletzten Momenten. Ihre Formel für die Tragödie ist nüchtern: „Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas beeinflussen kann. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass das Beste nicht existiert.“ Das wäre banal, würde im Spiel von Wolff nicht auch bei solchen lakonischen Passagen immer das absolute Grauen im Hintergrund vibrieren.

Die etwas dramaturgenhaft ausgedachte Begründung für diese qualvolle Rede, der sanften Ismene neben ihrer Schwester Antigone, die gegen das Verbot des Herrschers Kreon ihren Bruder beerdigt und so gegen die Staatsräson verstoßen hat, Sichtbarkeit und Recht zu verschaffen, wäre nicht nötig gewesen: Wie Susanne Wolff sich auf diese Reise ins Herz der Finsternis begibt, ist auch ohne solch bemühte Motivierungen absolut zwingend.

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In einer früheren, nur in Teilen überzeugenden Inszenierung am Deutschen Theater hat Kimmig vor zwei Jahren die Tragödie des Labdakiden-Geschlechts inszeniert („Ödipus Stadt“). Damals spielte Susanne Wolff den Herrscher Kreon hart an der Grenze zur Karikatur eines etwas debilen Politikers – womit Kimmig die Tragödie, in der beide Antagonisten moralisch im Recht sind, ans Kabarett verraten hat. Dass es auch anders geht, nämlich klug und ohne Weichzeichner-Rabatt, führt seine Regie und eine überragende Susanne Wolff jetzt aufs Schönste vor.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arco Declair

tip-Bewertung: Sehenswert

Ismene, Schwester von Deutsches Theater Kammerspiele, Do 17.4., 20 Uhr, Do 1.5., 19 Uhr, Mi 7.5., 20 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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