Theater

Ivan Fischer ist neuer Chefdirigent im Konzerthaus

IvanFischerBerliner Orchesterchefs haben ein Frisurenproblem. Die Texas-Vokuhila von Donald Runnicles (Deutsche Oper) lässt sich unter modischen Aspekten kaum mehr vertreten. Der kükenzarte Flusel auf dem Haupt von Marek Janowski (RSB) verklärt die Glatze mehr, als dass er sie bedeckt. Selbst die dünner gewordene Krause von Simon Rattle verrät Handlungsbedarf.
Da fällt es geradezu angenehm ins Auge, wenn ein Mann wie der neue Chefdirigent des Konzerthausorchesters, Ivбn Fischer, offen und ehrlich zu dem steht, was er nicht hat. Er trägt Hut. Darunter aber: das Bekenntnis zur Platte.

Der neue Mann war ein Wunsch des Konzerthauses, nachdem dieses mit seinen Chefdirigenten seit vielen Jahren vom Pech verfolgt wurde; im Grunde seit dem Ausscheiden des legendären Kurt Sanderling. Der mit schwerer Maestro-Attitüde operierende Eliahu Inbal konnte den schönen Mahagoni-Klang des Orchesters höchstens konservieren. Der glücklose Lothar Zagrosek wurde von den Musikern selbst geschasst. Und sie waren noch die Besten, gemessen am arroganten Claus Peter Flor und dem hilflosen Michael Schönwandt.
Bei der Wahl des neuen Segensbringers vom Gendarmenmarkt ging man auch nicht gerade geschickt zu Werke. Ivбn Fischer lockte man aus Budapest für eine ‚Probe auf Engagement‘ nach Berlin. Man kannte ihn nur vom Hörensagen. Derlei kann ein Dirigent vom Bekanntheitsgrad des mittlerweile 61-jährigen Fischer nur dann über sich ergehen lassen, wenn er selbst starke Motive hat. Wie hätte man ihn abblitzen lassen können? Das Ergebnis: Liebe auf den ersten Blick!
Ivбn Fischer ist gewiss kein Schlechter. Er zählt noch zu den Schülern Hans Swarowskys, der Abbado, Jansons und Mehta ausbildete. Später wurde Fischer Assistent von Nikolaus Harnoncourt. Hier lente er, so sagt Fischer, „dass durchaus nicht alles Wichtige in den Noten steht – sondern dazwischen!“

IvanFischerMit dem von ihm gegründeten Budapest Festival Orchestra absolvierte er in London eine so erfolgreiche Gastspielserie, dass die Zeitschrift „Gramophone“ sein Orchester in die Liste mit den 20 besten Orchestern der Welt aufnahm. Ein Ritterschlag, durch den Fischer überhaupt erst aufs Radar der Berliner Headhunter geriet.
Ähnlich wie das RSB in Gestalt von Janowski vor Jahren eine harte Hand engagierte, um Zucht und Ordnung in den psychologisch maroden Verein zu bringen, sucht auch das Konzerthausorchester nach einer Vaterfigur. Gewiss kein Zufall, dass man einen Dirigenten wählte, dessen internationales Renommee sich eben deswegen in Grenzen hält, weil er als so gestreng und rigide gilt. Mit dem Co-Gründer seines Budapester Orchesters, Zoltan Kocsis, überwarf er sich. Als Chef des Opernhauses von Lyon wurde er nach kurzer Zeit abgesägt, weil er sich in den Kopf gesetzt hatte, nicht nur dirigieren, sondern auch inszenieren zu können.

Die Berliner Erwartungen an den Neuen sind ebenso hoch wie nebulös. Die anscheinend rückläufigen Abonnentenzahlen müssen verbessert, ein verstaubter Saal muss dringend neu belebt werden. Womit? Bei dem aus Budapest mitgebrachten Format „Überraschungskonzert“ bewährte sich Fischer immerhin als locker auftrumpfender Moderator. Ein großer Charismatiker ist Ivбn Fischer indes nicht. Sondern einer, dessen Handwerk goldenen Boden verspricht.
Irgendwie weiß sowieso niemand so genau, wo der Platz des Konzerthausorchesters neben den Berliner Philharmonikern eigentlich sein soll. Als deren Antwort wurde das Orchester 1952 in der DDR gegründet. Zum Neueinstieg seiner Ära dirigiert Ivбn Fischer eine Uraufführung von – immerhin – Detlev Glanert. Und lädt sich die leichtgewichtige Julia Fischer als Geigengast ein. Ein aufregender Anfang sieht anders aus. Doch die Karte „Qualität ist Trumpf“, die man hier ausspielt, ist so altmodisch, dass man schon fast wieder neugierig wird. Ivбn, schüttel dein Haar für uns! 

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Fotos: Felix Broede

Saisoneröffnungskonzert: Doppelkonzert von Johannes Brahms
am Fr 17.8., 19 Uhr,
im Konzerthaus,
Karten-Tel. 20 30 92-101

 

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