Theater

Jan Fabre bei „Precarious Bodies“ im HAU

ThePowerOfTheatricalMadnessDem flämischen Theaterkünstler Jan Fabre ist die Entscheidung, seine berühmten Stücke aus den 80ern, „This Is Theatre Like It Was to Be Expected And Foreseen“ von 1982 und „The Power of Theatrical Madness“ von 1984, noch einmal zu inszenieren, nicht leichtgefallen: „Ich wollte lange keine Wiederaufnahme der Stücke machen, denn der Mythos der beiden Theaterarbeiten ist größer als ihre Wirklichkeit“, sagt der Regisseur. Wir sitzen am schlichten Produktionstisch im Brüsseler Kaaitheater. Nebenan auf der Bühne läuft gerade der technische Durchlauf für die Brüsseler Erstaufführung von „Theatrical Madness“ am nächsten Tag. Für die Probe ist Fabre kurz aus Antwerpen gekommen: Seine Zeitfenster sind schmal, denn die nächste Oper hat bald Premiere – eine Hommage an Wagner und Nietzsche. Morgen muss er nach Italien.

Jan_FabreGerade mal 24 Jahre alt und bislang eher als schräger Kunstaktivist aufgefallen war Fabre 1982, als er das legendär gewordene „This Is Theatre Like It Was to Be Expected And Foreseen“ inszenierte. „Ich will nicht prätentiös oder arrogant wirken, aber ich war der erste Künstler, der im Theater­rahmen die Idee der echten Zeit, der echten Handlung eingeführt hat, mit echtem Schmerz und echter Müdigkeit“, sagt er heute über das achtstündige Stück, das vor drei Jahrzehnten für ein kleines Erdbeben in der noch jungen europäischen Performance-Welt sorgte.
Nichts an „This Is Theatre Like It Was to Be Expected And Foreseen“ war damals vorhersehbar. Die Inszenierung von der Dauer eines Arbeitstags funktioniert wie eine szenische Installation mit Videoscreens und elektronischer Musik. Darin werden die oft nackten menschlichen Körper in ihren Bewegungen und Reaktionen ausgestellt. Ihre Verletzlichkeit wird sichtbar. Von der Bühnendecke hängen Fleischerhaken. Mehr als eine halbe Stunde sind nur ein Mann und eine Frau auf der Bühne zu sehen. Sie ziehen sich aus, das Gegenlicht erzeugt Schatten. Wie Insekten zucken sie am Boden. Später schlagen sie sich: Der Körper gibt dem Schlag nach. Der andere nimmt die Körperhaltung des Geschlagenen ein. Dann erstarrt die kurze Geste der Empathie wieder. „This Is Theatre“ hat keinen Plot, nur Szenen, keine Narration, stattdessen: pures Theater, bei dem sich die Körper in der Wiederholung erschöpfen.

Diese radikale Theater-Installation machte Fabre weltberühmt. Schon 1984 eröffnete er mit „Theatrical Madness“ die Biennale in Venedig im Teatro Goldoni. Die Premiere war ein Skandal – eine echte Legendenbildung braucht Erzählstoff und Jan Fabre überschritt mit seinem auf Desillusion zielenden Körpereinsatz die damaligen Grenzen dessen, was auf der Bühne möglich ist. Logisch, dass sich Hans-Thies Lehmann in seinem Theorie­-Standardwerk „Postdramatisches Theater“ ausgiebig mit Fabres Kunst auseinandersetzt.

Heute ist Fabre 55 und er weiß, dass er auch Glück gehabt hat. Beim Gastspiel von „Theatrical Madness“ im Frankfurter Schauspielhaus 1995 zum Beispiel. „Der Saal war voll zu Beginn der Vorstellung“, erzählt er. „Am Ende waren nur noch 40 Leute da, darunter Tom Stromberg, William Forsythe und Peter Zadek.“ Viele dieser 40 Personen sind seine Freunde geworden. Und Tom Stromberg übernahm im darauffolgenden Jahr in Frankfurt das TAT und begann, Fabres Arbeiten mit einem europäischen Netzwerk zu koproduzieren, zu dem auch das Berliner Hebbel-Theater, das heutige HAU 1, gehörte. Jan Fabre lacht: „Im Nachhinein waren eine Menge Leute bei diesem historischen Ereignis – nicht nur 40.“

ThePowerOfTheatricalMadnessDass seine Arbeiten auch in Wirklichkeit und der Gegenwart nicht nur Legenden von einst, sondern noch richtig gut sind, beweist ihm jetzt seine „Re-Enactment Creation“ der beiden Klassiker, die letzten Sommer bei ImPuls­Tanz in Wien uraufgeführt wurde. Dabei ging es ihm auch darum, eine junge Generation von Performern in seine Arbeitsweise einzuführen. Die ist in den frühen Arbeiten vielleicht am radikalsten: in größtmöglicher Reduktion und Klarheit. Mit den neuen Performern hat er die alten Videoaufzeichnungen studiert und bis ins Detail umgesetzt. Dafür hat er aus 700 Performern von Amsterdam bis Zagreb 15 ausgewählt. Er ist wirklich davon beeindruckt, wie sich die Ausbildungsstandards in den letzten 30 Jahren verbessert haben. In „Theatrical Madness“ etwa vertanzen zwei nackte Könige das Motiv aus Hans Christian Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ – als Allegorie auf die Lüge der Theater-Illusion. Anderthalb Monate Probenzeit und einen Tangolehrer hat die Produktion in der Originalbesetzung mit Wim Vandekeybus benötigt. Letztes Jahr haben die Proben fünf Tage gedauert.

Jan Fabre redet schnell, beantwortet Fragen aber geduldig. Seine Umfangsform: leger, unkompliziert, zugewandt und mit dem Selbstverständnis des bedeutenden Künstlers. Wie auch sonst. 2008 hat der Pariser Louvre erstmals Werke eines noch lebenden Künstlers ausgestellt: von Jan Fabre. Aber altern Theaterstücke, die in ihrer Zeit das Theater revolutioniert haben, nicht besonders schnell? „Vor 30 Jahren hat uns die Post angerufen und uns mitgeteilt, dass ein Fax aus New York gekommen ist, und wir dachten: Wow, da ist ein Fax für uns angekommen“, schmunzelt Fabre. „Jetzt gibt es einen völlig anderen Time-Code: alles geht schnell und alles aus der Distanz. In diesem Sinne wirken meine Arbeiten heute sogar radikaler als damals: Die Stücke nehmen sich Zeit für die Physis des Körpers, für Schwitzen, Leiden und für Veränderung.“
Die Aufführung der „Theatrical Madness“, die ich in Brüssel sehe, ist sehr gut besucht und empört gegangen ist niemand. Weder vom älteren noch jungen Publikum. Auch wenn die Körper auf der Bühne viel zu schön sind, um nackt zu wirken, entfalten die vier Stunden eine immense Konzentration und in ihrer Musikalität (Wim Mertens) fast einen Sog. Als Motiv zieht sich ein Fragment aus Kleists „Penthesilea“ durch den Abend. Der Moment, in dem der Amazonen-Königin klar wird, dass sie ihren geliebten Griechen­helden Achill nicht geküsst, sondern zerfleischt hat. Die Performer übersetzen den Irrtum in klar choreografierte Vorgänge: Ein Paar balanciert direkt an der Rampe mit verbundenen Augen. Wenn sie sich in der Bühnenmitte begegnen, sticht er mit einem großen Schlachtermesser im wahrsten Sinne blind zu. Ein Mann wirft eine Frau von der Bühne. Zwanzig Minuten versucht sie mit allen Mitteln wieder hochzukommen – er schleift sie grob, stößt sie runter und brüllt ihr eine Jahreszahl entgegen: 1876. Erst als sie die Zahl mit der Bayreuth-Premiere von Wagners „Ring der Nibelungen“ belegen kann, darf sie auf die Bühne: Sie hat sich an die Geburtsstunde der autonomen Bühnenkunst, des modernen Gesamtkunstwerks erinnert.

Der ganze Abend steckt voller Jahreszahlen und theatergeschichtlicher Referenzen, im Hintergrund wechseln die Gemälde alter Meister. Einmal hüpft auch eine Gruppe ­Frösche über die Bühne. Sie wird gefangen, zertreten und hinterlässt Blutflecken auf den weißen Performer-Hemden. Damit ist das Märchen vom Froschkönig – die Illusion im Theater – im Prinzip gestorben. Aber es blutet Kunstblut. Am Anfang und am Ende der ­Theatergeschichte, die „Theatrical Madness“ aufruft, nennt sich Jan Fabre selbst: Echte Avantgarde fußt in Tradition.
Im Berliner Hebbel-Theater war 1999 zum  letzten Mal eine Arbeit Fabres zu sehen, noch in der Intendanz von Nele Hertling. Direkt in ihrem Eröffnungsjahr 1989 hatte sie drei ­Arbeiten von Fabre eingeladen. „Für viele Zuschauer und Theaterleute ist die Theater-Avantgarde der 80er-Jahre nach wie vor ein wesentlicher Bezugspunkt. Und hier interessiert mich natürlich auch der Bogen, den ich mit Fabres Arbeiten zu den Anfängen des Hebbel-Theaters schlage“, erklärt die HAU-Intendantin Annemie Vanackere. Dass der zeitliche Abstand den Blick auf seine Stücke behindert, befürchtet Jan Fabre nicht: „Es gibt eine geheime Verbindung zwischen einem Kunstwerk und seinem Publikum. Die kann man nicht stören.“      

Text: Anja Quickert
Fotos: Wonge Bergmann, Jeroen Mantel


The Power of Theatrical Madness

am Di 9.?+?Mi 10.4., 19.30 Uhr
im HAU1

This is theatre like it was to be ­expected and foreseen
Fr 12.?+?Sa 13.4., 18 Uhr
im HAU1,
Karten-Tel. 25 90 04 27

 

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