Theater

„Japan Syndrome“ im HAU

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Hier haben Menschen gelebt: Japan im März 2011. Foto: Hikaru Fujii

Die sieben Frauen in Toshiki Okadas Stück „Current Location“ wissen nicht, was die ungewöhnlichen Wolken bedeuten, die sie am Himmel beobachten. Klar ist nur, dass sie etwas Bedrohliches haben. Das Stück war Okadas unmittelbare Reaktion auf die Reaktor-Katastrophe in Fukushima am 11. März 2011. Jetzt eröffnet seine Inszenierung das Programm „Japan Syndrome“ im HAU. Mit Theater, Diskussionen (zum Beispiel über Mangas oder das „Ende der Komfortzone“), Konzerten (Tori Kudo am 21.5., Sangatsu am 27.5.) Video-Installationen und Performances („Hiroshima Salon“) untersucht das HAU ein von den Nachwirkungen und Verdrängungen Fukushimas und anhaltender Rezession geprägtes Japan.

„Bei Regisseuren wie Akira Takayama oder bei Takuya Murakawa entsteht Theater aus einem Bewusstsein von Krise, Katastrophe und Engagement heraus“, beobachtet der Theaterwissenschaftler und Japan-Kenner Hans-Thies Lehmann. „Paradoxerweise erkennt man die Notwendigkeit dieser Kunstform gerade dann, wenn sie sich selbst, wie in diesen Arbeiten, radikal infrage stellt. Das Theater verzichtet hier auf die Show, auf die Repräsentation, und wird zu einem gemeinsam erfahrenen Vorgang.“ Takayanas und Murakawas neue Arbeiten sind jetzt im HAU zu sehen.

Dass die unter großem Konformitätsdruck stehende japanische Gesellschaft drei Jahre nach Fukushima zumindest an der Oberfläche wieder zur Normalität zurückgekehrt ist, ist für viele Künstler kein Zeichen dafür, dass Japan die Katastrophe verarbeitet hat – eher im Gegenteil. „Akira Takayama, Tadasu Takamine, Toshiki Okada, die Künstler, die zu uns kommen, finden diese Scheinnormalität sehr schlimm, eigentlich schlimmer als nach der Katastrophe“, sagt die HAU-Intendantin Annemie Vanackere. Sie berichtet von Künstlern, die davon überzeugt sind, dass sie keine Chance haben, derzeit in Tokio kritische Stücke zu zeigen: „Bis zur Olympiade können sie dort nicht arbeiten. Jetzt ist alles darauf ausgerichtet, ein positives Bild des Landes zu zeigen.“

Der Harmoniezwang im offiziellen Selbstbild des Landes verlangt energische Verdrängungsleistungen. Die nach einem auf Pump finanzierten kurzen Aufflackern der Konjunktur erneut in die Rezession kippende Wirtschaft mit zahlreichen prekär Beschäftigten radikalisiert die Dauerkrise des Landes. Offenbar wächst mit ihr auch der kompensatorische Wunsch nach Harmonie an der Oberfläche.

Als sarkastische Reaktion auf das offiziell gepflegte Selbstbild eines „Cool Japan“ entwickelte Tadasu Takamine, Gründungsmitglied des berühmten Performance-Kollektivs Dumb Type, die Videoarbeiten „Japan Syndrome“. Sie zeigen Reenactments von Alltagssituationen. Takamines Darsteller spielen das Leben im Post-Fukushima-Japan nach. Zum Beispiel, wenn Menschen beim Einkaufen verunsichert sind, weil sie nicht wissen, ob Lebensmittel radioaktiv verstrahlt sind. Aber sie machen das, ohne Requisiten und Gebrauchsgegenstände zu verwenden. So entsteht ein fast abstraktes Körper-Ballett der Alltagsbewegungen. Die Wirklichkeit wird durch diese Verfremdung so fremd und unheimlich, wie sie sich nach Fukushima für viele Japaner anfühlt. Diese Videos verknüpft Takamine mit seiner Serie „Nuclear Family“, die hier erstmals zu sehen ist.

Weiterlesen: Toshiki Okada über das Leben nach der Katastrophe in Japan und seine Stücke beim HAU-Festival 

Mit ähnlichen Verfremdungseffekten wie Takamine arbeitet der dreißigjährige Regisseur Takuya Murakawa in seiner Inszenierung „Zeitgeber“, die den Alltag eines Schwerbehinderten und seines Pflegers zeigt. „Theater ist für Murakawa eine Praxis des Spiels zur Bewältigung des Schreckens“, beobachtet Hans-Thies Lehmann.

Der Bühnenakteur Shuzo Kudo ist kein Schauspieler, sondern, wie im Theater der Experten des Alltags bei Rimini Protokoll, ein echter Behindertenhelfer. Indem wir seine Arbeiterabkäufe sehen, sehen wir, wie Kommunikation unter Extrembedingungen funktioniert – und wie zerbrechlich menschliches Leben ist, wie sehr wir einander brauchen. „Kudo zeigte alles in vollendeter Sachlichkeit und Nüchternheit. Die Handlungen, auch die peinlichen, die Hilfe bei der Toilette, den Patienten reinigen und so weiter, werden mit einer radikal unprätentiösen Ruhe einfach demonstriert“, berichtet Hans-Thies Lehmann von dieser Aufführung. „Zugleich war und blieb der gesamte Vorgang – Theater. Verwandelte sich nicht in einen politisch-moralischen Aufruf. Das Theater sprach, indem es zeigte – und schwieg.“

Text: Peter Laudenbach

Japan Syndrome  HAU 1,2,3, Di 20.–Do 29.5.; Zeitgeber HAU 3, Do 22.–Do 24.5., 19 Uhr, www.hebbel-am-ufer.de, Karten-Tel. 25 90 04 27

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