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Jйrфme Bels „Disabled Theater“ beim 50.Theatertreffen

Disabled_theaterJйrфme Bels zum Theatertreffen eingeladenes Stück „Disabled Theater“ zu sehen, löst zuerst und vor allem ein Gefühl der Peinlichkeit aus. Ist es okay oder nichts als Voyeurismus, die elf Schauspieler mit Down-Syndrom dabei zu beobachten, wie sie sich ein­zeln vorstellen und von ihrer Behinderung erzählen, wie jeder zu selbst ausgewählter Musik tanzt und wie sie am Ende sagen, wie sie die Show und die Arbeit mit dem Choreo­grafen Jйrфme Bel finden? Werden sie als Behinderten-Darsteller vorgeführt wie früher missgebildete Menschen in zynischen Freakshows, müsste man sie vor dieser Show und ihrem Missverständnis-Potential schützen, obwohl sie sich auf der Bühne offenbar ziem­lich wohl fühlen? Oder sind ungekehrt genau solche Überlegungen entmündigend, geprägt von der Arroganz des vermeintlich „Gesunden“ gegenüber den „Behinderten“, kaschieren sie nur scheinbar wohlmeinend eigene Abwehrreflexe und das Unwohlbehagen angesichts der von den eigenen Normali­tätsvorstellungen abweichenden Schauspieler?

Kein Wunder, dass „Disabled Theater“ die Inszenierung war, die in der Kritiker-Auswahljury des Theatertreffens für die prin­zipiellsten Diskussionen sorgte. Mit der Formel „Gutes Theater“ ist ihr so wenig beizukommen wie mit eher theaterfernen, sozialpädagogischen Inklusionsabsichten. Jйrфme Bel geht es gerade nicht um die Gratis­phrase im Stil Evangelischer Kirchen­tage, dass wir alle Menschen sind und die Differenz zwischen Menschen mit und ohne Down-Syndrom nur eine zwischen jeweils An­dersbegabten sei. „Ich bin nicht für das Konzept der Integration“, sagt der Choreograf. „Dann wäre das Ziel, dass sie wie wir werden sollen. Gegen diese Idee richtet sich das Stück. Meine Arbeit ist nicht Pädagogik, ich mache Theater. Ich will, dass sie so sein können, wie sie sind, und dass wir akzeptieren, dass sie nicht nach den gleichen Regeln spielen wie wir.“

Die Schauspieler selbst benennen in der Aufführung diese anderen Regeln unverschnörkelter und nüchterner als jeder Behindertenbeauftragte es könnte. Schließlich müs­sen sie schon ihr ganzes Leben lang damit umgehen, dass ihr Gehirn etwas anders funktioniert als das ihrer Mitmenschen. „Meine Behinderung heißt Down-Syndrom, T 21. Das bedeutet, dass ich ein Chromosom mehr habe als Ihr im Publikum“, lautet eines dieser  Selbstauskunftstatements, ein anderes: „Ich glaube, ich habe mit vier angefangen zu sprechen. Ich bin ein bisschen langsamer als die anderen und wenn ich spreche, merkt man das.“ Oder auch einfach und souverän: „Ich bin ein fucking Mongo.“ Die Schauspielerin Miranda Hossle sagt es so: „Meistens wünsche ich mir, ich hätte das nicht. Aber ich kann damit leben.“    

Bel war schon im Vorfeld der Produktion klar, dass das ganze erhöhtes Irritationspotential haben würde.
Seine Freunde warnten ihn, ein Stück mit Behinderten zu machen könnte politisch unkorrekt wirken, man könnte ihm Voyeurismus unterstellen. „Aber genau deshalb wollte ich das Stück machen“, sagt Bel. „Für mich besteht das Theater aus Voyeurismus. Ich liebe es, im Dunkel des Zuschauerraums zu sitzen und Dinge zu sehen, die ich sonst nirgends sehen kann.“ Und dann wird der Konzept-Choreograf prinzipiell, denn die Fragen der Repräsentation, der Darstellung und Darstellbarkeit stehen im Zentrum seiner Arbeit. „Mit diesen Schauspielern zu arbeiten, hilft mir, anders darüber nachzudenken, was Theater und Tanz ist. Sie geben mir Antworten auf meine Fragen, was die Grenzen und die Kraft des Theaters sind. Theater ist ein Ort der Manipulation, der Manipulation des Publikums, was ich zu vermeiden versuche, und der Manipulation der Performer, auch das will ich vermeiden. Wenn die Performer Menschen mit Down-Syndrom sind, kann das kompliziert werden. Deshalb wollte ich von Anfang an, dass meine Arbeit für die Zuschauer sichtbar ist, die Struktur und der Entstehungsprozess der Inszenierung sollten transparent sein.“ Für diese Transparenz ist unter anderem ein Assistent zuständig, der vom Bühnenrand aus die Musik einspielt und die Darsteller jeweils zu ihrem Auftritt bittet – sozusagen ein Abgesandter der Welt der „normalen“ Zuschauer und Stellvertreter des Regisseurs.

Was dieses Stück, trotz oder gerade wegen den Doppelbödigkeiten, den Aporien der Repräsentation und den Ambivalenzen des Zuschauerblicks so berührend macht, benennt Jйrфme Bel so: „Wenn ich sie tanzen sehe, sehe ich, was sie denken. Das bedeutet Tanz für mich. Ich sehe, was sie fühlen, ihre Beziehung zur Welt.“ Stimmt.    

Text: Peter Laudenbach
Foto: Marcus Lieberenz_bildbuehne

Disabled Theatre
im HAU 1, Fr 10.5., 20 Uhr; Sa 11.+So 12.5., 17 Uhr
Kartentel: 25 48 91 00

 

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