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Jette Steckel und Markus Acher über „Das Spiel ist aus“

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Liebe in der Unterwelt: Ole Lagerpusch und Judith Hoffmann spielen in Steckels Inszenierung.

Frau Steckel, Herr Acher, wie kommt es, dass The Notwist die Musik zu Jette Steckels neuer Inszenierung am Deutschen Theater beisteuern?
Markus Acher: Die Jette hat uns gefragt.
Jette Steckel: Ich hatte eine Mail an Eure Homepage geschickt und gefragt, ob Ihr Lust hättet, mit mir zu arbeiten. Und eine halbe Stunde später hatte ich Eure Antwort. Das war ein schönes Erlebnis, Ihr habt gemailt, dass Ihr prinzipiell Lust habt auf Theater. Das ist jetzt bestimmt fünf Jahre her, es freut mich sehr, dass wir zusammengekommen sind.
Acher: Wie haben große Lust, uns mit anderen Künstlern auszutauschen. Wenn man im Studio für sich arbeitet, schöpft man die Referenzen und Themen und Ideen aus sich selbst. Deshalb macht es uns immer wieder Spaß, für Film oder für Theater zu arbeiten, das sind ganz andere Aufgabenstellungen. Man muss sich erstmal mit einem Stoff beschäftigen und versuchen, das, was man selber macht, dazu in Bezug zu setzen, man ist gezwungen, auf neue Sachen zu kommen. Das Gute an Jettes Inszenierungen ist ja, dass die Musik einen wichtigen Anteil hat, dass sie selber Geschichten erzählt und nicht nur so im Hintergrund ein paar Töne machen darf.

Weshalb interessiert Sie so eine altmodische Kunstform wie Theater überhaupt?
Acher: Mich interessiert an Theater natürlich das Unmittelbare, mir gefällt, dass es in dem Moment entsteht, in dem man da als Zuschauer sitzt, und danach ist es vorbei. Das finde ich erst mal sehr spannend, auch im Kontrast zu dem, was wir oft machen, dass man auf so eine Tonkonserve, einen Datenträger hinarbeitet, der dann für immer so stehen bleibt. Was mich besonders interessiert, ist dieses intensive Interagieren von Musik und Schauspielern und Text, das kann im Theater einen extremen Dialog und eine extreme Kraft entwickeln.
Steckel: Was mich am Theater immer schon interessiert hat, ist die Möglichkeit der Vereinigung der unterschiedlichsten Medien, der Wechsel von einer Sprache in die nächste, der Dialog zwischen Text und Schauspiel und Musik und Bild. All diese Medien kreisen um ein Thema und reagieren aufeinander, ohne dass der Text die Herrschaft hat, ohne dass ihm die anderen nur zuarbeiten. Das war von Anfang an meine Vorstellung von Theater. Manchmal erzählt mir die Musik mehr als der Text.

Wie verändert die Musik von The Notwist jetzt die Proben?
Steckel: Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich fast noch nie ein Stück ohne Notwist-Musik gemacht habe. (lacht) Aber jetzt ist es anders, weil sie diese Musik für uns gemacht haben. Das ist ein ganz anderer Austausch, ich versuche natürlich, auf das einzugehen, was aus dem Notwist-Kosmos kommt.

Was interessiert Sie an Sartres „Das Spiel ist aus“, in dem zwei Tote, die sich kurz nach ihrem Tod im Jenseits ineinander verlieben, die Chance bekommen, noch einmal für 24 Stunden ins Leben zurückzukehren?
Acher: Wir kannten das Buch schon und haben uns dann sehr gefreut, dass es dieses Stück wird. Wir haben natürlich extrem drauf hingearbeitet, wie sich Jette ihre Inszenierung vorstellt. Das Thema an sich und wie Sartre damit umgeht, kommt uns und dem, was wir so machen, sehr entgegen. Bei Sartre geht es um Sterben, Abschied, Tod, aber auch darum, dass sich Sachen immer wieder wiederholen, dass man immer wieder auf dieselben Zustände oder Themen zurückgeworfen wird. Dazu hat unsere Musik sicher eine Beziehung.
Steckel: Wir haben über viele Stücke geredet, das war ja ein längerer Prozess. Bei anderen Sachen, die ich vorgeschlagen habe, war Eure Affinität wesentlich kleiner als bei diesem Stoff. Was Eve und Pierre in Sartres Stück erleben, bedeutet, im Tod handlungsunfähig zu sein, dafür aber eine Art Draufsicht und Klarheit und umgekehrt im Leben Handlungsmöglichkeiten zu haben, aber jeglichen Überblick zu verlieren. Wir wollen, auch durch den Raum, eher ein Erlebnis spürbar machen als einfach eine Geschichte erzählen. Sartres Text ist ja eigentlich kein Theaterstück, sondern ein Filmdrehbuch, entsprechend funktioniert viel über Atmosphären. Diese atmosphärischen Welten gehen für mich total mit dem zusammen, was ich mit der Notwist-Musik verbinde. Deshalb wünsche ich mir ja, das wir vielleicht mal etwas zusammen machen, wo Ihr live spielt und die Musik und der Gesang genauso viel erzählen wie das Theater.

Herr Acher, ist ein Theaterprojekt, bei dem The Notwist live spielen, für Sie eher eine schöne oder eine beängstigende Vorstellung?
Zuerst fanden wir diese Idee eher etwas befremdlich. Aber je länger wir mit Jette zu tun haben und sehen, wie sie ihre Ideen entwickelt, desto mehr wollen wir das, unbedingt.

Ist jetzt bei „Das Spiel ist aus“ die Musik auch ein guter Schutz vor nostalgischen Assoziationen von Nachkriegszeit-Sartre-Stimmungen in Schwarz-Weiß?
Steckel: Ja, wäre schön. Der Schutz vor dieser Nostalgie kommt nicht nur von der Musik, sondern hoffentlich auch von der ganzen Inszenierung.

Interview: Interview: Peter Laudenbach

Fotos: Arno Declair, Joerg Kopmann München (The Notwist)

The_NOTWIST_2014_C_c_JoergKoopmannM__nchen_joergkoopmannThe Notwist sind Martin Gretschmann (aka Konsole, links) und die Brüder Markus (rechts) und Micha Acher (Mitte). Im Studio im oberbayerischen Weilheim produzieren sie seit Anfang der Neunzigerjahre Aufnahmen, die zum Vielschichtigsten und Schönsten deutscher Postrock-Elektro-Pop-Musik gehören. Spätestens seit ihrer CD „Neon Golden“ von 2002 gelten sie auch international als eine der interessantesten deutsche Bands. Im Februar ist ihre jüngste CD „Close To The Glass“ erschienen, bis Juni touren sie durch Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien, Niederlande, USA und Kanada.

Jette_Steckel_c_ArnoDeclair2007 wurde Jette Steckel, geboren 1982 in Berlin, in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt. Inzwischen ist sie vom Nachwuchsstatus weit entfernt, Jette Steckel arbeitet regelmäßig an den großen Bühnen, vor allem am Hamburger Thalia Theater, am Schauspiel Köln und in Berlin am Deutschen Theater – hier hat sie zuletzt Sartres „Die schmutzigen Hände“ und Gorkis „Kleinbürger“ inszeniert.

Das Spiel ist aus Deutsches Theater, Fr 28.3., 19.30 Uhr, Sa 29.3., 19?+?21 Uhr, So 6.4., 18?+?20 Uhr, Di 8.4., 20.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 25

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