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Jochen Sandig über die Zukunft von Sasha Waltzs Tanz-Compagnie

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Noch tanzen sie. Jochen Sandig (Foto unten) hofft, dass es so bleibt.

Der Compagnie von Sasha Waltz fehlt Geld. Erst im November hat Kulturstaatssekretär Andrй Schmitz einen Mehrbedarf in Höhe von 970.000 Euro bestätigt. Seit Jahren versucht die Künstlerin im Gespräch mit der Politik, eine Lösung für das Defizit zu finden. Kultursenator Wowereit lässt das an sich abperlen: Der vor Kurzem verabschiedete Doppelhaushalt sieht keinen Cent zusätzlich vor. Sasha Waltz hatte keine andere Wahl als die festen Verträge mit ihren Tänzern zu kündigen. Wir sprachen mit Jochen Sandig, dem Manager und Mitbegründer der Compagnie.

Herr Sandig, haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Kulturpolitik Sasha Waltz & Guests so rücksichtslos im Stich lässt?
Nein. Ich habe bis jetzt nicht verstanden, was sich hinter den politischen Kulissen wirklich zugetragen hat. War es ein „Unfall“, war es ein Machtspiel in der Koalition, welche Rolle hat Klaus Wowereit als verantwortlicher Kultursenator gespielt? Aber das Ergebnis ist eindeutig: Es fehlt immer noch der politische Wille, den zeitgenössischen Tanz in Berlin institutionell zu fördern.   

Sind Versprechen gebrochen geworden?
Erst wenn der Haushalt verabschiedet ist, wird es verbindlich. Viele haben uns ja voreilig gratuliert, als in der Zeitung stand, die Compagnie soll eine Million mehr bekommen. Sasha ist stattdessen vom Worst-Case-Szenario ausgegangen und hat mit den Tänzern schon Kündigungsgespräche geführt.

Jochen_Sandig_c_HarrySchnitgerGab es zur Streichung der festen Tänzerstellen keine Alternative?
Es bleiben auf Tänzerseite tatsächlich nur drei Repetitorenstellen erhalten. Die sind nötig, um das Repertoire zu pflegen. Alle anderen festen Verträge werden aufgelöst, auch im Team werden drei Stellen abgebaut. Das ist ein sehr radikaler Schritt, Sasha hat lange damit gerungen. Wir waren aber dazu gezwungen. Sonst hätten wir ein Defizit erwirtschaftet und unsere gesamte Zuwendung riskiert.

Was bedeutet der Schritt für die Zukunft der Compagnie?
Seit Schaubühnen-Tagen haben wir mit einem festen Ensemble gearbeitet. Darauf gründet der Erfolg von Sasha Waltz & Guests. Wir wissen selbst nicht, ob wir dauerhaft überlebensfähig bleiben. Wenn die Tänzer irgendwo ein anderes Angebot bekommen, können sie es jederzeit annehmen. Sie werden auch eigene Projekte realisieren. Vielleicht ist das der einzig positive Aspekt: Es wird eine noch größere Zahl von freien Choreografen in Berlin geben, die spannende Arbeiten machen, die wir vielleicht in den Sophiensaelen, den Uferstudios oder im Radialsystem sehen werden. Aber für die Compagnie folgen Garantieverlust und Gefährdung.

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Warum ist es keine Lösung, bis zu 500.000 Euro aus der Opernstiftung für Sasha Waltz abzuzweigen, wie es Wowereit und Schmitz in Aussicht gestellt haben?
Das ist nicht haushaltsrelevant. Sasha hat sofort erkannt, dass sie das nicht annehmen kann. Mit der Staatsoper besteht die wichtigste Partnerstruktur, die wir seit 2005 in Berlin haben. Auch mit der Deutschen Oper wird es 2015 ein Projekt geben. In so einer Arbeitsbeziehung greift man sich nicht gegenseitig in die Tasche.

Hätte Sasha Waltz Intendantin des Staatsballetts werden sollen?
Das wäre eine sinnvolle Lösung für den Tanz in Berlin gewesen. Sashas Vorstellung war eine Zusammenarbeit mit einer Fachfrau für klassisches Ballett, Sasha Waltz & Guests hätte in den institutionellen Strukturen aufgehen können. Aber diese Gespräche wurden abgebrochen. 

Sasha Waltz ist weltweit an den großen Opernhäusern gefragt. Ist es so schlimm, wenn sie fortan als freie Regisseurin arbeitet?
Es ging nie allein um die Künstlerin Sasha Waltz, sondern um eine gewachsene Struktur. Wir wollten sozialversicherungspflichtige Tänzerstellen sichern, mehr Vorstellungen und Uraufführungen in Berlin zeigen und unser Repertoire erhalten.

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Bernd Uhlig (oben), Harry Schnittger

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