Theater

„Jochen Schanotta“ am DT Berlin

JochenSchanotta_04_c_Arno_DeclairDas Deutsche Theater gräbt ein Stück des halb vergessenen, 1990 mit gerade mal 44 Jahren viel zu jung gestorbenen DDR-Dramatikers Georg Seidel aus. Frank Abts unaufgeregte Inszenierung von Seidels 1985 geschriebenem „Jochen Schanotta“ in den DT-Kammerspielen ist ein Blick zurück in die marode ihrem Ende entgegentorkelnde DDR der Achtzigerjahre. Und es ist der Versuch, im Zeitstück von damals ein auch jenseits der historischen Situation gültiges Muster von Verweigerung gegenüber den Zumutungen der Sachzwänge einer verregelten Gesellschaft zu entdecken. Jochen Schanotta ist ein Radikalaussteiger, ein Anarchist ohne Hoffnung, der sich aus der sozialistischen Enge herausträumt.

Andreas Döhler in der Titelrolle probiert mit seinem ersten Auftritt, in dem Schanotta seine Verweigerungshaltung formuliert („Man hätte das nie mitmachen dürfen.“), verschiedene Haltungen der Individual-Dissidenz aus, indem er den Monolog drei Mal in Variationen durchspielt: beiläufig, mit expressionistischem Pathos, sensibel nach innen gekehrt, als wäre der Text nicht von Georg Seidel, sondern von Reiner Kunze. Schon klar, Dissidenz ist auch nur eine Pose. Allerdings eine, hinter der bei Döhlers Schanotta echte Not steht. Die Bühne (Anne Ehrlich) ist meistens leer bis auf einen arg symbolschwer aufragenden Quader, kleiner Hinweis auf die böse Mauer. Die Inszenierung kommt weitgehend ohne Zeitkolorit und DDR-Folklore aus. So wird Schanottas hilflose Weigerung mitzuspielen zur systemübergreifenden Anarcho-Haltung – nicht nur gegen die Dressur im Sozialismus, sondern gegen alle Disziplin-Regime.

Zweite zentrale Figur ist ein Mädchen mit dem sprechenden Namen Klette, sie verliebt sich in Schanotta, und Seidel gönnt ihnen ein kurzes Glück. Die Inszenierung malt das aus, wenn sich die Verliebten Pappkronen aufsetzen, als wären sie jetzt die Herrscher aus eigenem Recht in ihrem privaten Königreich der Liebe, endlos weit weg von der grauen DDR. Sie hören Mozart, lassen sich von Konfetti beregnen, ziehen gut gelaunt am schön altmodischen roten Theatervorhang – der Traum vom Glück ein Parallelreich wie die Kunst. Das ist naiv, aber auch rührend sympathisch, und weil Abt das so nüchtern erzählt, auch schön kitschfrei. Wie Kathleen Morgeneyer diese Klette als halb verstörtes, halb in die eigenen Gefühlswelten eingekapseltes Mädchen spielt, wie sie die Balance hält zwischen Verrohung, früh zerstörten Lebenschancen und Momenten einer unverstellten Glückssehnsucht, ist eine Freude. Am Ende steht nicht Schanottas kurzer optimistischer Moment einer diffusen Aufbruchsstimmung („Das Leben ist schön. Fangen wir an. Komm.“), sondern mit der Einberufung zur Armee die nächste rigide Disziplinierungsmaßnahme.    

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair

Tip-Bewertung: Sehenswert

Termine: Jochen Schanotta,
in den DT-Kammerspielen,
Karten-Tel. 28 44 12 25

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