Theater

Johannes-Passion im Konzerthaus Berlin

Johannes PassionEinem britischen Musikmagazin erzählte der Komponist James MacMillan vor Kurzem eine Beobachtung, die er bei der Uraufführung seines neuesten Orchesterwerks „Quickening“ gemacht hatte: Zufällig habe er im Publikum ein Paar bemerkt, das offenbar nicht wusste, worauf es sich eingelassen hatte. Doch als sie zuzuhören begannen und ihnen klar wurde, dass es in dem Stück um das Wunder der Geburt gehe, hätten sie ihre Hände ineinandergelegt. Dieser kleine, private Moment, so MacMillan, habe ihn darin bestätigt, dass seine Musik den Menschen etwas zu sagen habe.

Tatsächlich erreicht die Musik des 1959 geborenen Schotten das Publikum auf eine Weise, von der viele seiner Kollegen nur träumen können: Anspruchsvoller als die Einfachtöner Arvo Pärt und John Taverner, aber dennoch klar und zugänglich in ihrer emotionalen Botschaft, gehört MacMillan seit 15 Jahren zu den erfolgreichsten Komponisten des Vereinigten Königreichs. Auch bei der Londoner Uraufführung seiner „Johannes-Passion“ habe man die Ergriffenheit im Publikum spüren können, erzählt Chefdirigent Simon Halsey, der mit dem Berliner Rundfunkchor einer der Auftraggeber des Stücks ist: „MacMillan ist zwar durch seinen leidenschaftlichen katholischen Glauben geprägt, schreibt aber eine Musik, die die Bedürfnisse aller Menschen anspricht, die sich in ihrem Leben die Sinnfrage stellen.“ Wie ein Blick zurück in eine bessere Zeit, in der die Menschen noch die innere Heilsgewissheit gehabt hätten, sei ihm diese „Johannes-Passion“ mit ihren gregorianischen Chorälen und ihrer an Benjamin Britten geschulten klaren Formensprache vorgekommen, be­schreibt Halsey. Schon die Idee, überhaupt die Leidensgeschichte Christi noch einmal zu vertonen, würde das Stück ja in die Tradition der Passionen Johann Sebas­tian Bachs stellen.

James MacMillanMacMillans Werk passt gut in das Konzept des Projekts „broadening the scope of choral music“, in dem der Rundfunkchor einmal im Jahr versucht, sich ein neues Repertoire, aber auch neue Aufführungsformen zu erschließen. Was in diesem Fall bedeutet, dass bei der Aufführung im Konzerthaus auch ein Tänzer beteiligt sein wird, der den Gesangssolis­ten bei seinem Weg durch die Passionsstationen begleitet –, ein Erfolgsrezept, das schon das erste Stück der „Broadening“-Reihe, Ro­dion Schtschedrins „Der versiegelte Engel“, zum weltweit nachgefragten Exportschlager des Chors gemacht hat. Empor die Herzen!

Text: Jörg Königsdorf

Fotos: Detlef Klose,
Eric Richmond

Johannes-Passion
Konzerthaus, Gendarmenmarkt, Mitte, Sa 14.3., 20 Uhr

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