Theater

„John Gabriel Borkman“ beim Theatertreffen 2012

John_Gabriel_Borkman„Der Theaterabend ‚John Gabriel Borkman‘ soll für sich alleine stehen“, lässt das Regieteam durch die Pressestelle der Volksbühne ausrichten. Seit dem kontrovers diskutierten Auftritt ihrer „Wildente“ beim Ibsen-Festival in Bergen 2009, entziehen sich die Künstler jedem öffentlichen Interesse an ihrer Person. Die Regisseure sind abwesend und hinterlassen eine Leerstelle, wo Kollegen ihren Marktwert durch Interviews füttern.

Dabei holen die Öffentlichkeits-Verweigerer nur nach, was zumindest in der Theorie schon lange ein ergiebiges Thema ist: den Tod des Autors, bekanntlich von Roland Barthes schon 1968 ausgerufen. Der hehre Autoren-Begriff leidet, seit er in der Öffentlichkeit der Massen- und Medienkultur in der Rolle des Markt-Kollaborateurs aufgeht. Die Kritik am Subjekt verschlimmerte seinen Zustand, bis die Soziologie mit Helmuth Plessner begann, ihr Menschenverständnis dem Schauspieler, seinen Rollen und Masken abzugewinnen – prinzipielle Künstlichkeit als Freiheitsoption. Dichter wie Eliot oder Pound schützten sich und ihre Texte durch literarische Masken – gegen Biografismus und dem Ende der Lektüre durch Verstehen.

Denkt man den „Tod des Regisseurs“ von der betreffenden „Borkman“-Inszenierung her, erscheint er nur logisch. Denn die Bühne setzt selbst alle erdenklichen Mittel ein, das Drama der bürgerlichen Kleinfamilie um Übervater John Gabriel in eine entpersonalisierte Theatermaschine zu verwandeln. Fern jeder Realitätsbehauptung ist ein detailverliebtes Puppenhaus, verspätete Pop-Art. In die Zwölf-Stunden-Patchwork-Dramaturgie und ein ganzes 20. Jahrhundert an Zitaten verstrickt sich jeder Zuschauer anders. Mechanisch wie Avatare bewegen sich die Figuren zum elektronischen Sound vom DJ-Pult. Endlose Loops. Nicht einmal in ihren grotesken weißen Masken sind sie einmalig, sondern mehrfach besetzt. Karl Marx’ „Charaktermaske“ stülpt sich kategorisch über Väter, Mütter und Jungen und maskiert sie zur Kenntlichkeit – fremdbestimmt im Rahmen der alltäglichen Reproduktion ihres Lebens. Bis zum nächsten Ausbruch von Gewalt, die der jungsmaskierte Regisseur Vinge als einziges Merkmal von Individualisierung feiert.

Text: Anja Quickert
Foto: William Minke


John Gabriel Borkman
Volksbühne im Prater,
5., 7., 11., 13., 17., 19.5., 16 Uhr,
Karten-Tel. 240 65 777

ÜBERSICHT THEATERTREFFEN 2012 

DIE MÜNCHNER KAMMERSPIELE AUF DEM THEATERTREFFEN 

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