Theater

John Gabriel Borkman in der Schaubühne

John Gabriel BorkmannDerzeit ein Stück über einen bankrotten Banker zu inszenieren, zeugt von gutem Gefühl fürs Timing. Und da Thomas Ostermeiers Inszenierung zur Bankenkrise, die jetzt nach Berlin kommt, schon im Dezember in Frankreich rausgekommen ist, muss man dem Schaubühnen-Chef erstaunliche prophetische Fähigkeiten zugute halten.
Der gescheiterte Ex-Vorstandschef einer Bank, dem man jetzt an der Schaubühne in Ostermeiers Regie begegnen kann, heißt nicht Ackermann, sondern John Gabriel Borkman. Vielleicht um mehr oder weniger?dezent auf?Ackermann zu verweisen, hängt die?Schaubühne in Marius von?Mayenburgs Bearbeitung ein „n“ an seinen Nachnamen: „Borkmann“. Aber was dieser Banker getan hat, würde ein Josef Ackermann niemals tun, weil es einfach zu plump ist: John Gabriel Borkman, ein Unternehmer mit Initiative und großen Visionen, ein Held der Marktwirtschaft, hat ihm anvertraute Gelder für krumme Geschäfte geplündert und ist prompt aufgeflogen. Er landet, wo kriminelle Finanz-Jongleure zumindest im Theater landen, im Gefängnis. Alle Unternehmen Borkmans, seine großen Pläne, mit Bergwerken, Straßen und Überseelinien Tausenden Menschen Arbeit zu geben und selbst Millionen zu machen, sind geplatzt. Der Tatmensch endet als verkrachte Existenz, den erfolg­reichen Banker trennen vom Bankrotteur nicht viel mehr als ein paar gescheiterte Spekulationen. Das Geld ist futsch, sein eigenes und das der Bankkunden, als hätten sie Lehman-Zertifikate gekauft oder ihre Ersparnisse einer isländischen Bank anvertraut. Als das Stück beginnt, hat Borkman die bürgerliche Tragödie, den Bankrott und das soziale Aus schon hinter sich. Fünf Jahre war er im Gefängnis, acht Jahre ist er auf dem Dachboden seines Hauses, das ihm natürlich auch nicht mehr gehört, auf und ab getigert, ein Gespenst zu Lebzeiten.

Gute Frage: Was passiert nach dem Crash, wie geht es mit dem bürgerlichen Heldenleben nach dem Bankrott weiter, was bleibt übrig von den Figuren aus den Vorstandsetagen, wenn das eigene Vermögen und die Reputation weniger wert sind als ein feuchter Händedruck? Der Wirtschaftsteil der Zeitungen liefert derzeit reichlich Anschauungsmaterial: Der schwäbische Milliardär, der sich mit VW-Aktien ver­zockt hat und sich auf die Gleise legt, bis ihn ein Regionalzug überrollt, der amerikanische Finanzberater, der einen tödlichen Flugzeugunfall vortäuscht, mit dem Fallschirm abspringt und sich mit dem Motorrad absetzt, der Hedgefonds-Manager von der Wall Street, der seinen Selbstmord fingiert und „Sui­cide is painless“ auf die Motorhaube seiner Limousine schreibt, der Chef eines US-Immobilien-Auktionshauses, der sich Anfang Januar in Chicago in seinem Jaguar erschossen hat – und natürlich der große Bernie Madoff, bei dem die Superreichen ihre Millionen geparkt haben, weil er ihnen hohe Zinsen versprochen hatte, für die er dann einfach das investierte Kapital geplündert hat. Jetzt wartet er in seinem New Yorker Penthouse auf den Prozess und verschiebt noch schnell ein paar Millionen, Schmuck und wertvolle Uhren an die Verwandtschaft, bevor ihm die Gläubiger nichts mehr lassen von seinem zusammengegaunerten Vermögen. Schließlich kommt es bei einer Schadenssumme von lässigen 50 Milliarden Dollar auf die paar Rest-Millionen auch nicht mehr an.

Thomas OstermeierReichlich Material also aus dem bunten Wirtschaftsleben, das Borkmans bürgerlicher Tragödie schöne Echoräume und Realbezüge liefern könnte, wenn das Thea­ter sich denn die Mühe machen würde, sich dafür zu interessieren. Um es gleich zu sagen: Diese Chance verschenkt Ostermeier in seiner erschreckend konventionell und bis zum blanken Desinteresse an den Figuren routiniert abgewickelten Inszenierung.
Der erledigte Bankier John Gabriel Borkman hat sich in der Schaubühne und in Henrik Ibsens gut einhundert Jahre altem Theaterstück für einen anderen Ausweg als die selbstmordgefährdeten Hedgefonds-Manager entschieden: Er verkriecht sich und träumt jeden Tag vom Moment der Rache, wenn die anderen in der Bank merken, dass sie ihn brauchen, wenn sie ihn eines fernen Tages bitten werden, wieder den Chef zu machen. Ein König ohne Land, der nichts mehr hat als diese ewig wiedergekäuten Träume von einem späten Triumph, der, logisch, niemals kommt. Josef Bierbichler, noch in schwächeren Inszenierungen ein toller Schauspieler, lässt hinter der brummeligen Oberfläche das rück­sichtslos Gewalttätige des ehrgeizbefeuerten Ex-Bankiers durchschimmern. Aber wie er einigermaßen gelangweilt den entmachteten Machtmenschen gibt, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, könnte er genauso gut ein frühverrenteter Handwerksmeister sein, der so vor sich hin schimpft, weil man halt über irgendwas schimpfen muss, wenn einem die leeren Tage lang werden. Einzig der Anzug charakterisiert ihn als abgestürzten Wirtschaftsboss, der Rest ist Darstellerroutine. Das wäre zwar langweilig, aber noch halbwegs erträglich, würde Bierbichler die Figur nicht so sentimental weichzeichnen, dass jeder abgestürzte Hedge­fonds-Haifisch bei ihrem Anblick wohlig in Selbstmitleid baden könnte. Sein Verbrechen: kein berufsspezifischer Anfall von Gier, sondern eine Mission zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes. Das größte Opfer: Nicht seine Gläubiger, sondern er selbst, der Mann, dessen Visionen zu groß für diese kleinkarierte Welt waren. Das ist purer FDP-Kitsch. Vielleicht könnte die Deutsche Bank, wenn die Zeiten irgendwann wieder besser sind, so freundlich sein, Ostermeiers Inszenierung mit irgendeinem Wirtschaftskulturpreis auszuzeichnen, verdient hätte sie es.

Ohnehin ist der Kern des Stücks wie der Inszenierung nicht der Bankrott, sondern das gefühlig ausgepinselte private Unglück Borkmans. Die Frau, die er liebte, hat er einst aus Karrieregründen verlassen und stattdessen ihre ungeliebte Schwester geheiratet. Die wurde, kein Wunder, nach dem Absturz des Gatten, zu einem sorgfältig die eigene Verbitterung pflegenden Hausdrachen. Jetzt hofft sie nur noch, dass ihr Sohn Erhard die Schmach rächen und die Familienehre retten wird. Kirs­ten Dene macht aus Borkmans Gattin einen nervösen Dragoner unter dem Panzer einer helmartigen Frisur. Ständig reibt sie die Sessellehne oder ihre Hände, ein Gespenst, eine Tote zu Lebzeiten genau wie ihr Gatte, mit dem sie im gleichen Haus lebt, ohne mit ihm zu sprechen oder ihn auch nur zu sehen. Das Einzige, was sie noch halbwegs aufrecht hält, ist der aufgestaute kalte Hass. Leider spielt Dene das vollkommen äußerlich und überdeutlich illustrierend bis zur Plattheit. Ihre Karikatur der frustriert Verhärteten liefert nur den passenden Hintergrund für Borkmans Elend: Diese Zombie-Dame der besseren Gesellschaft hat der arme Mann, im Dienst der Sache, also der Karriere, kein Opfer scheuend, geheiratet – ein Kapitalist kennt keinen Schmerz. Der Kontrapunkt taucht in Form der Schwester der Gattin auf, Borkmans große Liebe, die die Ehre hat, von Angela Winkler gespielt zu werden: wehe Blicke, zartes Sehnen, Spuren der Verbitterung unterm jederzeit Liebe und Herzenswärme verstrahlenden Gesicht des alten Mädchens. Allen Beteuerungen zum Trotz, dies sei die große, nie gelebte Liebe Borkmans, sein großes Opfer, ertappt man sich unwillkürlich beim Gedanken, dass man so einer Esoterikerin der reinen Unschuld und des ungebrochen kitschfähigen großen Gefühls jederzeit jede noch so abgefuckte Karriere vorziehen würde – aber das ist ein privater Gedanke, eine Doppelbödigkeit, die die nicht so sehr an Gedanken interessierte Inszenierung in ihrer sorgfältig naiven Kontras­tierung des wahren Gefühls und der bösen, bösen Karriere in keiner Sekunde nahelegt. Dass das alles von großer unfreiwilliger Komik ist, ahnt man einzig im Auftritt des Sohnes: Ein pummeliges Riesenbaby im beigen Anzug, unter dem weißen Business-Hemd wabbelt gemütlich der Säuglingsspeck. Sebastian Schwarz spielt ihn als prima Thors­ten-Schäfer-Gümbel-Double.

Früher einmal hat Ostermeier in zwei grandiosen Ibsen-Inszenierungen, „Nora“ und „Hedda Gabler“ vorgeführt, wie nah uns die Psychomechaniken und Mentalitätsmuster, die kleinen Lebenslügen und die großen Zwänge von Ibsens Bürgern sind: lauter Zeitgenossen und gespens­tisch vertraute Sozialcharaktere. Von dieser Beobachtungsgenauigkeit und diagnostischer Schärfe ist in „Borkman“, seiner dritten und einigermaßen gedankenfreien Ibsen-Inszenierung, nicht das Geringste übrig geblieben.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Arno Declair, Harry Schnitger/tip

tip-Bewertung: Zwiespältig

John Gabriel Borkman


Schaubühne
, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf

Mehr REZENSIONEN:

Luc Bondys „King Lear“

The Umbilical Brothers im TIPI

Jan Bosses „Antigone“ am Gorki Theater

Mehr über Cookies erfahren