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„John Gabriel Borkman“ in der Volksbühne im Prater

JohnGabrielBorkmannAuf die Reflexe der „Bild“ ist Verlass. Mit der Meldung „Willkommen im perversesten Theaterstück Berlins“ schenkte sie der Volksbühne wieder mal einen kleinen Theaterskandal: „11 Stunden Sex und Gewalt“ warnt die Schlagzeile. „Ein Mann liegt auf der Bühne – und pinkelt sich in den Mund. Später metzelt er mit einer Pistole und einem Hammer wahllos Menschen nieder“, berichtet ein aufgeregter BILD-Reporter. Tatsächlich ist Ida Müllers und Vegard Vinges Inszenierung „John Gabriel Borkman“, mit der sie nach langer Umbaupause den Volksbühnen-Prater wiedereröffnen, mit lässigen elf Stunden Spiel- oder Installationsdauer eine völlig beabsichtigte Zumutung: Theater als monströse Geisterbahn. Das Volksbühnenkollektiv interessiert an Ibsens „John Gabriel Borkman“ das Drama der bürgerlichen Familie, die Bilanz einer psychopathologischen Keimzelle. Isolation, Gewalt und sexuelle Perversion stellen sich bei Familie Borkman in sechs einsehbaren Zimmern auf. Eine Computergame-Grafik aus Gotham City schmückt diem Bühnenbildpappe, zwei geschlossene Türen im oberen Stock stehen programmatisch für den Zugang zur Installation, die Handlung und Dialoge zerfetzt: Auf der einen steht „Musik“, auf der anderen „Maschine“.

Die Zwillingsschwestern Mutter Gunhild und Tante Ella frieren schon bei Ibsen neben denselben Männern. Im Prater sind die zombiehaften Avatare mit Totenmasken im elektroakustischen Stellungskrieg um Sohn Erhart eingerastet: im mechanischen Gestus zu einzelnen Ibsen-Sätzen, die als Samples wie musikalische Leitmotive vom Mischpult eingespielt werden. Gunhild: „Acht Jahre“ (Lebenszeit, die sie schon als Ehefrau des geächteten Ex-Bankenchefs in ihrer bürgerlichen Vorortvilla verstaubt) und „Ich will Genugtuung!“ versus Ella: „Ich bleibe hier!“ Endlose und jeden Gefühlsnerv abtötende Loops verwandeln die Figuren in Chiffren. Anstatt die beiden Vampire von ihrer Lebenskälte zu befreien, verschanzt sich der Erlöser im Jungszimmer.
Er winselt mit böser Koboldmaske: „Ich will nicht arbeiten!“, wichst laut genug, um die Nebengeräusche der Alten zu übertönen, oder kriecht einer Kreuzung aus Darth Vader und Marvel-Comic-Zyklop mit jämmerlichem „Papa“ hinterher. Papa wartet derweil im Verborgenen darauf, dass sich die Welt ihm wieder zu Füßen legt. Das ist grandiose und grässliche Comic-Oper: eine Bühnenpartitur aus konkreter Musik und Sprache.

Drastisch sind vor allem die sexuellen Borderline-Performances von Regisseur Vegard Vinge. Als Alter Ego von klein Erhart, oder als Alex-Widergänger aus Kubricks „A Clockwork Orange“, performt er Perversion und Sadismus. Was in aller Selbstbezüglichkeit auch auf den Regisseur zurückfällt. In dieser abstoßenden und berührenden Nacht ist nicht jede Zumutung gelungen, aber eine erstaunliche neue Art von Musiktheater entstanden, der man sich aussetzen sollte. Schmerz ist ein Gefühl.

Text: Anja Quickert

Foto: William Minke

tip-Bewertung: Sehenswert

John Gabriel Borkman Volksbühne-Prater, 11., 18.11., 19 Uhr; 13. , 20.11., 16 Uhr, Karten-Tel. 24 06 57 77

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