Porträt

Juan Diego Flórez in „Les Huguenots“

In Giacomo Meyerbeers „Les Huguenots“ gibt der beste Tenor der Gegenwart Juan Diego Flórez sein bislang größtes Rollendebüt. Die wichtigste Opernpremiere der Spielzeit

Foto: Rossano Ronci

Als vor bald einem Jahrzehnt Luciano Pavarotti starb, da suchte man unter jüngeren Tenören fieberhaft (und naiv) nach einem Nachfolger. Die Namen  (José Cura, Marcelo Álvarez, Salvatore Licitra, Roberto Alagna und wie sie alle hießen): heute halb vergessen oder verblasst. Den Peruaner Juan Diego Flórez nannte man auch, fand ihn aber ein bisschen zu leichtgewichtig. Und Jonas Kaufmann, obwohl 3 ½ Jahre älter als Flórez, gab es gleichfalls längst; aber niemand wäre auf den Gedanken verfallen, ihn als künftigen Tenorissimo aller Klassen zu taxieren. Wie sich die Zeiten ändern.

Heute ist der 43-jährige Flórez der gewiss Einzige, dem man einen historischen Rang innerhalb der Gesangsgeschichte zubilligen muss. Weil er höher hinaus kommt und in puncto Agilität und Freshness alle Vorgänger in den Schatten stellt. Noch dazu hat er sich unversehens in halb-heldische Regionen hinaufgearbeitet. Sein Raoul in Giacomo Meyerbeers „Hugenotten“, den er in Berlin erstmals überhaupt singt, stellt den größten Karriereschritt seines Lebens dar. Weil man dafür nicht nur Höhenschmelz und koloratösen Feinsinn benötigt. Sondern zugleich Eisbrecher-Qualitäten und Marathon-Puste.

Das schmale Hemd, das er mal war, trägt jetzt ein Kettenpanzer drunter. Vokal gesehen. So dass die Belcanto-Knallkorken, die er sonst zündete, nicht länger das Paradezentrum seines Könnens bilden so wie einst. Besonders die neun hohen C’s der Donizetti-Arie aus „La fille du régiment“ waren bislang ein unausbleibliches Zugaben-Wunder jedes Recitals von Flórez. Wohin es gehen wird, wenn er Rossini und seinesgleichen den Rücken kehrt, ist noch offen.

Die männliche Hauptfigur in Meyerbeers „Hugenotten“ jedenfalls, sonst eine Aufgabe für italienische „Stehtenöre“, wird Flórez vielleicht nur in Berlin singen. So selten ist das Werk. Meyerbeers Grand opéra schildert das Massaker der Pariser Bartholomäus-Nacht 1572. Bei der Uraufführung (1836) war das gewiss starker Tobak für das aufgebrezelte Opern-Publikum. Wie immer steht eine Liebesgeschichte zwischen Feinden im Mittelpunkt. Das Werk erlebte Ende der 1980er-Jahre an der Deutschen Oper Berlin eine poppige Wiederaufer­stehung (in der Regie von John Dew). An diese Großtat möchte die Neu-Inszenierung anknüpfen, für die man sich jetzt David Alden als ­Regisseur geangelt hat.

Die netto vierstündige Aufführung (plus zwei Pausen) ist ein Panorama-Schinken der Sonderklasse. „Meyerbeer hat Opern in Großformaten geschaffen, die vom Umfang her den Romanen von Dumas, wenn nicht Dickens entsprechen“, so David Alden. Interessant sei insbesondere, wie in Gestalt Meyerbeers „ein assimilierter Jude aus Berlin, der in Italien sein Geld gemacht hatte, zum erfolgreichsten Komponisten in Frankreich avancieren konnte“.
Tatsächlich handelt es sich um die wohl wichtigste Opernpremiere der Spielzeit. Und um einen Höhepunkt des großen Meyerbeer-Zyklus, der anschließend mit „Le prophète“ zu einem Abschluss gebracht werden soll. Richtig so. Bigger is better.

„Les Huguenots“ an der Deutschen Oper So 13.11., 17 Uhr, Do 17.11., 18 Uhr, So 20.11., 17 Uhr, Mi 23.11., 18 Uhr, Sa 26.11., 18 Uhr, Di 29.11., 17 Uhr, Eintritt 39–128 € (Premiere: 52–170 €)

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