Theater

„Judas“ bei den Autoren­theatertagen des DT

JudasSein Name ist zum Synonym für Verrat geworden. Daran kann und will auch Judas selbst nichts ändern, jedenfalls der Judas nicht, dem die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans in ihrem 60 Minuten knappen Einpersonenstück eine Wiederauferstehung schenkt. Johan Simons, der Intendant der Münchner Kammerspiele, hat die deutschsprachige Erstaufführung inszeniert, die jetzt als Gastspiel zu den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters kommt.

Judas Monolog ist keine Verteidigungsrede. Er sucht nicht die Entlastung durch den Hinweis, dass es einen Sündenbock wie ihn brauchte, damit Jesus überhaupt erst zum Lamm Gottes werden konnte. Judas will sich nicht ent-schuldigen, also ganz wortwörtlich seiner Schuld entledigen. Wohl aber will er sich erklären. Sich und seine Überzeugung. Dieser Judas hängt durchaus einem Glauben an, nur ist das keiner, der auf die Erlösung im Jenseits zielt. Er hat sich von Jesus den politischen Kampf gegen die römischen Besatzer erhofft – und sieht sich bitter enttäuscht. „Ihm wäre der Kampf im Hier und Jetzt wichtig gewesen“, sagt Steven Scharf, der den Judas in Johan Simons’ Inszenierung spielt.

Interessanterweise hat der Regisseur diesen sehr irdischen Judas, diesen desillusionierten politischen Kämpfer, in einem eher sakral anmutenden Raum ausgesetzt. Eine Leiter lehnt am geschlossenen eisernen Vorhang, gut und gerne vier Meter hoch. Ganz oben hockt Steven Scharf als Judas, nur in mattem Kerzenschein, später in schummrigem Scheinwerferlicht. Richtig hell wird es nie. Scharf kauert dort mit dem Rücken zum Publikum, nackt wie der erste Mensch. Die seelische Entblößung von Judas in Vekemans Text ist damit übersetzt in die schutzlose Blöße des Schauspielerkörpers. Die Sprache wird ebenfalls transformiert: Scharf zeigt keinen Seelenstriptease nach den Regeln des psychologischen Realismus. Vekemans in freie Verse gefassten, leicht rhythmisierten Alltagsjargon überhöht er zur emphatischen Rede. Ein Zittern, ja beinahe Tremolo liegt in Scharfs Stimme, das seinem Vortrag Druck und Dringlichkeit verleiht. Der artifizielle Ton, dazu die künstliche Spielsituation oben auf der Leiter – beides zusammen stärkt den Kunstanspruch dieser Inszenierung eines nicht übermäßig kunstvoll geschriebenen Monologs und verleiht dem Abend archaische Kraft.

Fast wirkt es, als wolle sich Judas befreien aus einer Geschichte, die nicht die seine ist. Denn mit seinem politischen Anliegen steckt er definitiv im falschen Plot. Die Heilsgeschichte sieht für ihn nicht die anvisierte Rolle des freiheitskämpferischen Retters eines unterdrückten Volkes vor, sondern die des Verräters. In der Inszenierung von Johan Simons spiegelt sich die Ohnmacht des Titelhelden in der Bühnensituation: Judas, erklärt Darsteller Steven Scharf, finde sich in einem religiös anmutenden Setting wieder, „von dem er nicht weiß, wie er da reingeraten ist, und über das er keine Macht hat.“ Es ist ein aussichtsloser Kampf gegen sein Image, den Judas hier kämpft. Und doch kämpft er ihn. Das verleiht der Figur Größe und Würde. Weil sie nicht klein beigibt und auch auf verlorenem Posten Haltung zeigt. 

Text: Christoph Leibold
Foto: Judith Buss

JUDAS
Deutsches Theater,
Do 13.+Fr 14.6., 21.30 Uhr,
Karten-Tel. 28 44 12 21

 

Autorentheatertage am Deutschen Theater

 

 

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