• Kultur
  • „Judith“ an der Volksbühne

Kultur

„Judith“ an der Volksbühne

Antonin Artauds Roman „Heliogabal“ ist harter Trash, also genau das richtige für den gefürchteten Frank Castorf. Schon der Untertitel dürfte den im Volksbühnen-Verlies am Rosa Luxemburg Platz residierenden Fürsten der Theater-Finsternis angesprochen haben: „Der Anarchist auf dem Thron.“ Eine schönere Stellenbeschreibung für sein Selbstverständnis als Intendant und Regie-Extremist hätte sich Castorf himself nicht ausdenken können. Artauds von Blut und Exkrementen und Vorzeit dampfendes Splatter-Delirium kommt ihm gerade recht, um seine neue Volkbühnen-Inszenierung von Friedrich Hebbels eher unbürgerlichem Trauerspiel „Judith“ großflächig mit Massakern und anti-aufklärerischem Gift anzureichern. Das ist, wie immer, wenn dieser erschreckend belesene Regie-Wüstling Text-Fremdkörper in seine Inszenierungen einbaut, so nervtötend wie passgenau und in diesem Fall eine konsequente Fortsetzung des Hebbel-Dramas.
Bedient sich Hebbel bei einem apokryphen Bibel-Text um Anschluss an die gefährlicheren Regionen des menschlichen Gefühlslebens zu finden und Trieb auf Krieg zu reimen, suhlt sich Artaud freudig in Bildern eines archaischen Zwielichts, in dem keine lästige Affektdomestizierung die animalischen Energien stört. Castorfs Inszenierung ist natürlich eine Zumutung, und genau das will sie auch sein: Düster und kaputt, ein Hassgesang aus dem Leichenschauhaus, eine schwarze Messe, in der jeder jederzeit damit rechnen muss, irgendeinem übellaunigen Gott oder größenwahnsinnigen Herrscher als Menschenopfer dargebracht zu werden. Darüber dass die szenischen Mittel eher anstrengend als genussorientiert sind, sollte man sich also nicht wundern.
Vom gekonnt schlampig sprechenden Kaputtnik-Darsteller Mex Schlüpfer über den im Einar Schleef-Stil aufmarschierenden und rhythmisch brüllenden Chor (Chorleitung: die tolle, bewunderte, Schleef-gestählte Schauspielerin Christine Groß), von gnadenlos ausgedehnten Artaud- und Folterphantasie-Textpassagen bis zum brutal hochgedrehten Krach-Soundtrack – hier dementiert jedes theatralische Moment energisch die Hoffnung, dass das Theater ein irgendwie schöner, anheimelnder, zum Staunen und Berührtsein einladender Ort wäre. Spaß macht es, eine gewisse Neigung zum sadomasochistischen Theatergenuss vorausgesetzt, natürlich trotzdem. Und das nicht nur, weil kurz vor Mitternacht, nach viereinhalb Stunden Castorf-Trip, ein gemütlich staksendes Kamel auf die Bühne geführt wird. Schon klar: Wüste, Syrien, Orient. Und weil Castorf keinen schlechten Kalauer verschmäht, muss natürlich irgendwer rufen: „Haste mal ’ne Camel?“ Es gibt vermutlich nur wenige Schauspieler, die mit einem Kamel mithalten können. Aber für die große, herbe, gefährlich laszive Birgit Minichmayr (als Killer-Vamp Judith), den großartig verlebten, beneidenswert verspielt tänzelnden Martin Wuttke (als Blutsäufer Holofernes) und Jasna Fritzi Bauer als Magd Mirza (wie passt eine so große Schrei-Stimme in einen so schmalen Körper?) ist die Kamel-Konkurrenz nicht das geringste Problem. Spätestens wenn etwa in der dritten Stunde dieser Reise ans Ende der Nacht Frau Judith und Herr Holofernes, die jüdische Terroristin und der asyrische Gewaltherrscher, einander im starken Gegenlicht verfallen um sich entweder zu töten oder zu lieben oder am besten beides, hebt die Inszenierung ab.
Zu den Zumutungen und visuellen Rauschmitteln der Aufführung gehört der unvermeidliche Einsatz der Theater-Folter-Droge Video: Wie um sich im eigenen Reich einzukapseln, zieht sich die Inszenierung systematisch in geschlossene Hinter- und Seitenräume, in orangene Zelte (die Antwort des Baumarkts auf die Beduinen-Romantik) oder ein Kabuff hoch über der Bühne zurück. In der Life-Übertragung flackert dann Wuttkes bleiches Verbrecherantlitz oder die mord- und sonstwielüsterne Minichmayer über die Leinwand: ein Licht in der Finsternis. In Bert Neumanns Bühnenraum türmen sich schwarze Kissen auf der asphaltierten Bühne zu einem monströsen Gebirge, das wie ein schwarzes Loch im All alle Materie aufzusaugen scheint. Kein Wunder, dass die Triebtäter auf der Bühne wie Tote auf Urlaub wirken: It’s Zombie-Time.
Hier sind, wie in den Gemälden von Francis Bacon, Mensch und Tiere nichts als ein Fleisch, das früher oder später geschlachtet werden wird. In ihrer abgefuckten Trostlosigkeit ist Castorfs Höllenfahrt die moralfreie Kehrseite seiner letzten Arbeit, der erstaunlich klaren Auseinandersetzung mit Dostojewskis „Brüdern Karamasow“. Da hatte sich Castorf einigermaßen pur und suchend und anders als in seinen früheren Dostojewski-Inszenierungen kaum von Hysterie- und Zynismus-Obertönen überlagert, der Dostojewski-Frage gestellt: Was ist, wenn wir wirklich allein sind, wenn Gott tatsächlich erledigt und abgeschafft ist? Was bedeutet es für uns, wenn die Aufkörung totalitär geworden und alles, wirklich alles erlaubt ist? Castorfs „Karamasow“-Expedition war ein ziemlich ungeschützter Moralsucher-Abend. Seine „Judith“-Folterbank besucht den Antipoden, die Dark Side of the Moon, auf der Moralfragen die ungebrochene Freude am Töten und Schänden nicht weiter behindern können. Das zu sehen ist widerlich. Und es ist faszinierend.
Wie um den Genuss am Verrufenen und den Schauder des Unbehagens mit irritierender Theorie zu munitionieren, diskutiert ein Chor junger Studenten irgendwann Baudrillards böse Thesen über die Notwendigkeit des Bösen: Desto energischer es Aufklärung, Humanismus und westliche Zivilisation verbannen und abspalten wollen, desto gefährlicher kommt es durch das Unbewusste oder Selbstmordattentäter unter religiösen Vorwänden zurück. Optimismus ist keine Droge, die Herr Castorf im Angebot hat. Was für ein abgefuckter, düsterer, großartiger Abend.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

Volksbühne Karten-Tel.: 240 65 777

Mehr über Cookies erfahren