Theater

Julia und Romeo im Hexenkessel Hoftheater

Julia-undRomeoRomeo mag heute nicht. „Abbruch“, ruft der Lover, noch bevor seine Lovestory begonnen hat. „Bringt doch nichts, das ist doch nur Kulisse hier, alles Theater!“ Recht hat der Mann. Aber aus der romantischen Rolle zu fallen wird ihm trotzdem nicht gestattet, schließlich ist das Amphitheater im Monbijoupark ausverkauft. Und die Zuschauer, die an diesem drückend schwülen Sommerabend mit Eiswürfeln aus dem wandernden Sektkühler vor der Überhitzung bewahrt werden, wollen ihren Titelhelden. Also fügt sich Vlad Chiriac in sein klassisches Schicksal und spielt Romeo, der sich bis zur Besinnungslosigkeit in die Balkonschönheit Julia (Cornelia Gröschel) verliebt. Nach einer Stunde dann gibt es für die Liebenden aus verfeindeten Häusern, anders als bei Shakespeare, ein Happy End. Noch bevor sich lauter Protest gegen die freundliche Shakespeare-Verfälschung und den gestrichenen Liebestod formieren kann, wird zur demokratischen Abstimmung über den weiteren Verlauf des Abends gerufen. „Wer will die Tragödie sehen?“, fragen die Schauspieler in die Runde, woraufhin viele Hände sich in den Himmel erheben. Also noch mal von vorn und diesmal mit tödlichem Ausgang. Im Hexenkessel Hoftheater bekommt das Volk, was es verlangt.

Jan Zimmermann, der die Freiluft-truppe als Regisseur geprägt hat, mag solche Spiele mit dem Spiel. Publikumsnähe ist ein Schlüsselwort in seiner Theaterphilosophie. Er spricht gern davon, dass man den Spaß ernst nehmen müsse und spottet über aufgeblasene Künstleregos. Zimmermann ist gelernter Töpfer und ausgebildeter Theatermacher. Er hat vier Jahre lang am Institut für Schauspiel und Regie in Ostberlin studiert, für ihn war die Bühne eine Plattform, um für die Veränderung des Systems zu streiten. Dann fiel die Mauer und mit ihr Zimmermanns Glaube an die politische Relevanz des Theaters. Der Betrieb, wie er ihn im wiedervereinigten Deutschland vorfand, langweilte ihn derart, dass er den Beruf fürs erste hinschmiss. Eine politische Inszenierung gestattete er sich noch, das war die Ausrufung der „autonomen Republik Utopia“ vor einigen tausend Menschen auf dem Kollwitzplatz, wo man in einem dadaistischen Akt aus der DDR austrat und trotzdem nicht in die BRD wollte.  Als „herzige Angelegenheit“ bezeichnet Zimmermann das heute. Er schloss sich dann lieber der Hausbesetzerszene an, als Kunst für den resonanzfreien Raum zu produzieren.

In einem besetzten, weitgehend leer stehenden Bau an der Schönhauser Allee gab es einen Hinterhof, ein wildwucherndes Dickicht, und eine Feuerschale vom angrenzenden Schrottplatz, mit der allabendlich mystische Stimmung gemacht wurde. Hier hat das Hexenkessel Hoftheater 1994 seine Geburt erlebt, und viele aus der Gründergeneration sind noch immer dabei. Zimmermanns damalige Freundin, die Kostümbildnerin Isa Mehnert etwa. Seine Schwester Carsta, eine Frontalkomödiantin mit großem Witz-Repertoire. Oder Roger Jahnke, heute Künstlerischer Produktionsleiter und Schauspieler. Von Jahnke kam die Idee, im romantischen Garten ein Best-of von „Romeo und Julia“ zu inszenieren. „Ihr könnt nicht nur das halbe Stück spielen, da fällt der Balkon vorne über“, entgegnete Zimmermann und schlug stattdessen Shakespeares „Wintermärchen“ vor, das er dann auch gleich selbst neu übersetzte und inszenierte – sein Wiedereinstieg ins Theater. Die erste Premiere im Hinterhof beschreibt Roger Jahnke rückblickend mit den Worten: „Wir waren froh, dass tatsächlich 50 Zuschauer kamen.“ Das war der Anfang, es entstand ein kontinuierlicher Spielbetrieb mit stetig wachsendem Publikum. Bis 1998 das mietfreie Wohnen an der Schönhauser Allee ein Ende hatte und das Hoftheater heimatlos dastand. „Wir hatten einen Jumbo-Jet in der Luft und keine Landebahn mehr“, so Zimmermann.

Julia-undRomeoChristian Schulz hat die Ausstrahlung von jemandem, der ein Flugzeug mit sehr unbewegter Miene durch ein Andengewitter der heftigeren Sorte steuern würde. Mit ihm wuchs das Hexenkessel Hoftheater zur Hexenkessel & Strand GmbH. Christian Schulz ist der Geschäftsführer des kommerziell erfolgreichen Theaterunternehmens. Er hatte mit seiner eigenen Open-Air-Theatergruppe bereits Erfahrung im Monbijoupark gesammelt, als er in der Umbruchzeit des Hexenkessels mit Zimmermann und Co. fusionierte und das Dach des maroden Ateliergebäudes „Kunst + Technik“ zur ersten Spielstätte des neuen Hoftheaters machte. „Wir hatten das Glück, vielleicht auch den Riecher, neben ein paar falschen auch viele richtige Entscheidungen zu treffen“, fasst Schulz die Geschichte zusammen. Als ziemlich gut erwies sich die Idee, für eine Inszenierung, die in Venedig spielte, zusätzlich das Areal am Spreeufer gegenüber des Bodemuseums anzumieten. Eines Abends standen Schulz und Jahnke am Wasser und überlegten, wie es wäre, dort Sand aufzuschütten und eine kleine Bar hinzustellen. Diese Strandbar erwies sich als durchschlagender Erfolg und hübsche Geldquelle, die Idee fand viele Nachahmer. Neben dem Amphitheater als Hauptspielstätte betreibt Schulz’ Firma heute auch das Cafй Altes Europa, die MS Marie, den Oststrand und die Märchenhütte – ein originaler Blockhütten-Import aus Polen, in dem die Hexenkessel-Macher seit 2006 die Wintersaison mit Grimms Märchen für Kinder und Erwachsene bestreiten. So entstand aus dem Nichts über die Jahre ein kleiner Theater-Open-Air-Gastronomie-Konzern. Aus dem Hausbesetzer Zimmermann wurde ein Szene-Unternehmer. Und die Cocktails der Strandbar finanzieren das Volkstheater.

„Wir sind stolz darauf, dass wir jeden Cent selbst verdienen, an der Kasse oder an der Bar“, betont Zimmermann. Bis auf eine Anschubfinanzierung und eine zwischenzeitliche Notspritze hat das Hexenkessel Hoftheater nie Subventionen erhalten. Was als Spiellaune im Hinterhof begann, ist heute ein Unternehmen mit Millionenumsatz. Professionell aufgestellt, straff organisiert, mit einer GbR innerhalb der GmbH, die mit den Künstlern die Verträge auf Honorarbasis schließt. „Ich bin mit 150 Mitarbeitern der zweitgrößte Arbeitgeber in dieser Gegend nach dem Krankenhaus“, sagt Schulz. Es zählt zu den Absurditäten des Berliner Provinz-Politik-Betriebs, dass der Bezirk vor zwei Jahren auf die lustige Idee kam, man müsste das Gelände mal neu ausschreiben und schauen, wer dafür am besten geeignet sei.
„Julia und Romeo“ geht also als Tragödie zu Ende. Wie gewohnt in Zimmermanns eigener Fassung, mit munteren Frivolitäten und Kalauern aufgeladen, aber stets aufs Herz des Stückes zielend. Carsta Zimmermann spielt eine Wuchtbrumme von Amme, Roger Jahnke den „Bencutio“, der als schwuler Engel mit Torsten Schniers Tybalt jenseitige Zärtlichkeiten tauscht, es ist eine bunte, populäre Shakespeare-Show, die amüsiert und einmal mehr ein Gefühl dafür vermittelt, was Zimmermann meint, wenn er sagt: „Offenbar suchen die Menschen bei uns ein Theater, das sie sonst nicht finden.“      

Text: Patrick Wildermann
Fotos: Bernd Schönberger

Termine: Julia und Romeo
bis 11. September immer Di–Sa, 21.30 Uhr, Hexenkessel Hoftheater

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